Viktor Eduard Prieb - Literatur
Poesie

Erinnerungen des Geburtstagskindes
als ein realer Kurzlebenslauf



Man sagt, dass die Kindheitserinnerungen immer hell und manchmal sogar rosig seien. Vielleicht blieb mir deswegen mein Geburtstag in Erinnerung als eine warme und kuschelige Sommernacht.

Das Pferd, mit dem der Vater die Dorfmedizinerin, die den Spitznamen "Njawka" trug, zur Mutter auf unser "Landgut" brachte, war allerdings vor einen Schlitten angespannt.

Als "Landgut" bezeichnete der Vater scherzhaft eine einsame Verbannungshütte am Dorffriedhof mit anliegenden und dem sowjetischen über die hier zwangsangesiedelten Russlanddeutschen verfügenden Schweinebetrieb gehörenden Feldern und Wäldern.

An dieses Detail mit dem Schlitten und dem Pferd kann ich mich noch so gut erinnern, weil meine älteren Geschwister – wegen meiner Geburt aus der Hütte raus in den Frost verbannt – dieses Pferd durch ihre Vielzahl so aus der Fassung brachten, dass sich das arme verzweifelte Maultier hin und her zu werfen begann und eine der Deichseln bei diesem Schlitten brach.

Die benachbarte Alte, namens Schipizicha, behauptete dann bis zu ihrem Ende, dass es nichts Gutes zu bedeuten habe. Übrigens gelang es mir – ihrer Prophezeiung zum Trotz – sie irgendwie doch zu überleben.

Und die Deichsel prägte sich bei mir ein, weil die ihm ohnehin zu schaffen machende und zweifelhafte "Freude" meines Vaters an meiner Geburt durch die Notwendigkeit, diese unglückselige Deichsel zu reparieren, noch mehr getrübt wurde.

Aber gut, schließlich ist ja die Rede hier nicht von Deichseln.

Wir lebten in dieser unvergesslichen Zeit – wie ich schon erwähnte – auf dem "Gut" am Friedhof. Trotzdem endete oder – besser gesagt – begann alles mit mir ziemlich wohlbehalten.

Die Neuheit der Umgebung verblüffte mich zwar dermaßen, dass Njawka den ganzen Vorrat ihrer bescheidenen Äskulap-Erinnerungen durchwühlen musste, bevor ich die ersten Lebenszeichen aufwies.

Den damals aber plötzlich erwachten und unstillbaren Wunsch nach Leben konnten dann alle nachfolgenden achtundzwanzig Jahre meines Lebens aus mir nicht herausprügeln.

Als ich schon in meiner Jugend von dieser Geschichte mit meiner Wiederbelebung erfuhr, überkam mich so eine Freude, dass ich während der nächsten fünf Jahre hemmungslos soff, bis mir nach der Heirat klar wurde, dass es eigentlich keinen Grund zur Freude gibt.2

Meine Freude teilten mit mir dabei immer meine zahlreichen Trinkkameraden, und ich vermute, obwohl wir nie miteinander über die Gründe unserer Freude sprachen, dass sie – so wie ich auch – ebenfalls durch die eigene Nabelschnur erwürgt zur Welt kamen.

Aber ich bin vom Thema abgeschweift und war etwas voreilig. Also, zurück zum Friedhof. Während der ersten fünf Jahre war der Friedhof mein einziger Spielplatz, wenn man von all dem absieht, was an ihm grenzte.

Wahrhaftig! Um einen Menschen kennenzulernen, soll man aus seiner Urquelle trinken, löschend gleichzeitig auch den Durst von dem mit ihm sinnlos zusammengefressenen Haufen Salz.

Oft, auf dem Kreuz sitzend, das uns durch die leichte Hand meines unternehmungslustigen, nächst älteren Bruders mal flippiges Motorrad, mal das glorreiche und kecke Pferd Bukephalos ersetzte, dachte ich über die Bürde des Daseins und die Vergänglichkeit des auf uns Zukommenden nach.

Dieses einfache Kreuz errichteten auf dem Grab eines ihrer entschlafenen Mitmenschen die hier irgendwann mal vorbeiziehenden Kalmyken. Wahrscheinlich, deswegen liegen mir so nah der mich so packende Wandergeist und die mich fortrufenden Trugbilder von nie gesehenen Ländern!

In diesen fünf Jahren war ich, soweit ich mich erinnern kann, ein Melancholiker. Und erst viel später verstand ich, wie das Areal – sei ich für diesen wie ein Schimpfwort klingenden Ausdruck von meinen Nächsten verziehen! – die menschliche Gemütsart abändert!

Jedenfalls, als ich die Mittelschule absolvierte – und es passierte in zwölf Jahren, nachdem ich den mir ans Herz gewachsenen Friedhof verlassen hatte, stempelte mich mein in der Hochschule aufgeklärter Mentor in seiner Charakteristik-Referenz als einen Sanguiniker ab.

Die folgenden elf Urbanisierungsjahre machten aus mir meinem ebenfalls in der Hochschule aufgeklärten Blick nach allmählich aber sicher einen Choleriker.

Nun kehren wir aber zu den ersten und unvergesslichen fünf Jahren zurück, als ich noch nicht so bewandert in den Psychologiefragen war.

Also, dies waren die besten und am meisten erfüllten Jahre meines Lebens! An mir vorbei rollte mit steigendem und ohrenbetäubendem Krach das nach dem Krieg zweite Planjahrfünft.

Der große und siegreiche Erbauer und Hobler des Sozialismus beendete endlich seinen glorreichen und mit menschlichen Spänen überstreuten Weg.

Sein glatzköpfiger Saufkumpan und Hofnarr öffnete seiner Partei die Augen, entlarvend den "Vater der Völker" als ein blutrünstiges Monster, was auch mir meine Geburt am sibirischen Friedhof besser zu ergründen half.

Der schmiedete auch muntere Baupläne für den auf der Basis des bereits erfolgreich erschaffenen Sozialismus schleunigst zu schaffenden Kommunismus, was auch mir zunächst viel Lebensschub gab.

Währenddessen probierte ein kleiner Köder namens Strelka (vielleicht auch Belka – so genau ist es mir doch nicht in Erinnerung geblieben) das Kostüm des Ersten Kosmonauten der menschlichen Geschichte bereits an, was auch mich mit einem gebühren Stolz erfüllte...

Aber als das Schicksalsträchtigste erwies sich die Tatsache, dass ich in den gleichen Jahren das Glück hatte, einer der Zeitgenossen von Albert Einstein zu sein. Dies erfuhr ich zwar erst viel später. Dafür aber – als ich es erfuhr – verstand ich sofort, alle Gründe zu haben, mich in die Physik zu begeben.

Hier hätte man auch schon den abschließenden Punkt mit den Worten: "Wo ich auch bis heute noch tätig bin" setzen können, denn weitere, hier nicht geschilderte Ereignisse waren unbedeutend und verblassten in meinem Gedächtnis im Vergleich zu denen, die hier geschildert worden sind.

Man wird natürlich den Schlusspunkt früher oder später setzen müssen. Allerdings scheint es mir in der letzten Zeit mit immer größerer Eindringlichkeit, während desselben Planjahrfünftes auch der Zeitgenosse von Lew Tolstoj gewesen zu sein...

Offenbar stimmt etwas mit meinem Gedächtnis nicht mehr… Die Jahre, sie wissen schon. Deswegen mache ich vorläufig Schluss...

"Das Geburtstagskind"

Anno Domini 1979


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