Viktor Eduard Prieb - Literatur
Poesie

Das Zauntürchen
eine philosophische Vision


Ein Mensch kann nicht nur mit Erinnerungen an seine Vergangenheit leben. Die Gegenwart beherrscht unser Bewusstsein mit so einer unermesslichen Aufdringlichkeit und belastet uns so mit Sorgen über die Zukunft, dass die Vergangenheit immer weiter verdrängt wird.

Trotz alledem treffen uns manchmal Zufälle, bei denen irgendein Ereignis oder sogar irgendein Gegenstand diese Vergangenheit ganz plötzlich heraufholt, wie ein aus den Gedächtnistiefen gelichteter Anker.

Einst geriet ich gelegentlich in ein weit entferntes und ganz stilles Dorf in einer mir vorher unbekannten Gegend, wo ich nie war, nie beabsichtigte zu sein und bestimmt nie mehr sein werde. Und dort, an einem steilen Flussufer, stieß ich an eine bemooste, aus dem irgendwann da gewesenen Hof zu dem Fluss hinausführende Zauntür.

Ihre Gestalt bedrückte durch das Alter, die Einsamkeit und die Schwermut. Im Wirrwarr meines Alltags blieb ich plötzlich verblüfft vor ihr stehen. Wie viele Jahre und Ereignisse benötigte man zu erleben, die so oder anderswie sein Leben beeinflussten; wie viele Wege sollte man hinter sich zurücklassen, um sich mit ihr in diesem verwilderten Hof am steilen Ufer zu treffen? Unwillkürlich beginnen diese Jahre und Ereignisse - an die zu denken, es sonst gar keine Zeit gab - vor Augen durchzulaufen.

Wahrscheinlich fingen wir zur gleichen Zeit unser Kreiseln an - sie um ihren Pfosten und ich in einer breiten Spirale meines Schicksals, die mich letztendlich zu dieser Zauntür hergebracht hat. Mit vielen Windungen kreiselte meine Spirale... Mit jeder Windung beschleunigte sich das Kreiseln, als ob sich der Faden meines Schicksals um denselben Pfosten herumwickelte, an dem sie hing und um den sie sich herumschlug.

Und nun endlich diese Kollision mit ihr, wie eine Rückkehr zum Beginn aller Beginne. Zu einem Ausgangspunkt, der durch den Raum und die Zeit unbeeinflusst bleibt. Die Zeit fließt bloß an ihm vorbei und markiert von diesem Beginn an ihren Lauf, den auch ich durchlebte.

Viele flüchtige Berührungen fühlte die Zauntür in diesen langen Jahren. Und manchmal lehnten sich Menschen mit aller Schwerkraft an sie an. Die Menschen, die mit ihrem Unglück und ihren Sorgen an diesen Uferabhang gelangten. Und sie teilte ihre Schwere mit ihnen, immer mehr herabhängend und immer mehr bemoost. Teilte, um all menschliches Unglück nun durch knarrendes Heulen ihrer Angeln auf meine Seele auszuschütten.

Verfallen und bemoost steht sie am Rande des vor den Frühlingstoben des Flusses immer weiter weichenden Ufers. Unermüdlich schwingt sie hin und her um den einzigen gebliebenen Pfosten, immer und immer wieder den beharrlichen Flusswind in den seit langem durch das Unkraut bewältigten Hof hereinlassend. Schon lange fehlt der zweite Pfosten, der ihre endlose Unruhe hätte auf sich aufnehmen und dadurch ihr wenigstens eine kurze Ruhe schenken können.

Wie viele Jahre schaukelt sie hier? Wie viele Jahre winkt sie verabschiedend dem Fluss, der einen scharfen Bogen unter ihrem Uferabhang macht? Und wie viele Jahre werden noch vergehen, bis der auf dem Hof bummelnde Wind sie in diese endlosen, grauen Wellen hinunter umkippt? Wo schwimmt sie dann hin, ihrer einzigen Stütze beraubt?

Wo schaukelt das einsame Türchen, das aus meiner durch das Unkraut bewachsenen Vergangenheit in meine wellenreiche Zukunft führt? In welche Ferne treiben mich die unermüdlich herumschlagenden Wellen der scheinbaren Stille? Oder habe ich dieses Türchen und diese Stille bereits gefunden?...

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