Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Demokratie, wie sie ist
oder über unser täglich Brot und darüber, wie man Funktionäre besucht und Doktorarbeiten macht


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"

Für den Vater gab es nur eine Demokratie. Nämlich die Demokratie, deren Bild er - unter der Kommandantur geboren, von klein auf bestraft, dafür gedemütigt und erniedrigt, wovon er selbst keine Ahnung hatte, als ein Leibeigener der Willkür der primitivsten Menschen ausgeliefert - in seinen Vorstellungen, in seinem Gehirn, Blut, Fleisch und in seinen Knochen wie ein Psychokomplex mitschleppte und nach welcher er sein ganzes Leben lang sehnte, um sich von diesem Komplex zu befreien.

Seit der Vater sich aus seiner Sondersiedlung durch Studieren ausgerissen hatte, bedeutete für ihn diese Demokratie nichts anderes als seine persönliche Handlungsfreiheit sowie geistige Unabhängigkeit und Unantastbarkeit, während die Chancengleichheit ihm sowieso von Geburt an geraubt worden war und somit versagt blieb.

Seine finanzielle Unabhängigkeit und somit ein bei den vorherrschenden Verhältnissen größtm&uoml;gliches Stück seiner Handlungsfreiheit verschafften ihm seine Sommerausflüge in den Norden. Dort machte er das Beste aus seinen Kindheitserfahrungen mit allermöglichsten Schwerstarbeiten und erprobte seine dadurch erworbenen Kräfte, indem er an die Grenzen seiner körperlichen Möglichkeiten ging. Dies gab ihm dann - außer kaputtem Rücken, einem Leistenbruch und zweimaligem Nasenbeinbruch zu dem früheren Verlust eines Auges - zusätzlich Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, welche ihm den in seiner Kindheit erworbenen Minderwertigkeitskomplex auch immer wieder wegnahmen.

Durch diesen in ihm ewig fortdauernden Kampf zwischen seinem selbstgewonnenen starken Selbstbewusstsein und seinem von den anderen zu unrecht aufgezwungenen Komplex überreagierte der Vater oft in Situationen, in denen er auch nur einen Verdacht schöpfte, wieder einmal einen Schweinebetriebsleiter über sich zu haben, dem er schon mal in seiner Kindheit ausgeliefert worden war, und was er nie mehr wollte.

Als der Vater noch seine Diplomarbeit in einem Uni-Forschungsinstitut machte, bekam er das Angebot, nach dem Uni-Abschluss in diesem Institut zu arbeiten. Seine Frau arbeitete bereits und stellte sich in eine Warteschlange für Wohnungen an. Das war ein Selbstbetrug, weil die in dieser Schlange erwartete Wartezeit ungefähr zwanzig Jahre betrug. Deswegen wollte er gern - bevor er dieses Angebot annimmt - seine echten Wohnungsperspektiven klären.

Das Institut versprach dazu nichts und der Vater kannte inzwischen viele Mitarbeiter, die mit ihren Familien samt kleiner Kinder schon jahrelang in den bei den Besitzern von Privathätten gemieteten Kellern hausten. Das wollte er seiner Familie, bei aller ehrenhaften Verlockerung des Angebots, keineswegs antun.

Hier gab es eigentlich nichts zu klären - es gab nämlich für die nächsten zwanzig Jahre keine Perspektiven. Nur wäre ja der Vater nicht er selbst, wenn er es nicht versuchte, von den Verantwortlichen für diese Misere persönlich und deutlich beantwortet und auch noch von ihnen über die Gründe dieser Misere deutlich aufgeklürt zu bekommen.

Er vereinbarte einen Termin bei dem ersten Sekretär des Stadtparteikomitees, das über das Leben der Stadt verfügte, und erschien eines Tages vor dem genannten Sekretär.

- Was haben Sie für ein Problem? - fragte er den Vater so routinemäßig.

- Ich habe eigentlich keins. Es ist sogar umgekehrt: Ich habe ein verlockendes Angebot bekommen, als Wissenschaftler bei dem größten Forschungsinstitut unserer Stadt zu arbeiten. - erklärte der Vater dem schon etwas überraschten Sekretär - Aber ich kann ja der Wissenschaft, der Stadt und dem Institut schlecht dienen, wenn ich wie ein Penner auf der Strasse leben muss. Das Institut hat nämlich ein Problem mit den Wohnungen für seine Mitarbeiter. Deswegen wollte ich von Ihnen wissen, ob Sie vielleicht dem Institut helfen könnten. Sie sind doch hier der Chef und sollen diese Stadt hegen und pflegen.

- Sie wissen doch, dass die Stadt keine Wohnungen hat, und sogar die Arbeiter unserer sowjetischen Industriewerke jahrelang auf die Wohnungen warten müssen. - berichtete der Parteisekretär verwundert, aber geduldig und mit so einem Pathos auch, als ob er einem Idioten über die offensichtlichen Parteierfolge berichten musste.

- Ja, das weiß jeder, wenn es auch keiner versteht. - antwortete der Vater ebenfalls geduldig - Andererseits weiß jeder auch, dass die denselben Arbeitern fehlenden Wohnungen und sonstige Mittel jedem für unsere in der dritten Liga spielende Stadtmannschaft auswärts angeschafften Fußballspieler problemlos gefunden und zur Verfügung gestellt werden. Da dachte ich mir: Warum wäre eigentlich das Gleiche auch für die Wissenschaftler des zu Ehren der Stadt in der oberen Wissenschaftsliga aktiven Forschungsinstituts nicht möglich?

- Wissen Sie was? - noch mehr verwundert, aber immer noch routiniert und geduldig erwiderte der Sekret& uml;r - ?Gehen Sie erst mal arbeiten, stellen Sie sich in die Warteschlange für die Wohnungen in Ihrem Institut an und kommen Sie dann vielleicht wieder. Wir können höchstens ihren Platz innerhalb einer Warteschlange nach vorne verschieben, aber ganz ohne die Warteschlange geht's ja gar nicht.

- Bevor ich überhaupt ins Institut gehe, - erklärte der Vater ebenfalls routiniert - wollte ich eben meine Wohnungsperspektive, in Wartejahren ausgedruckt, klären. Und in einer Warteschlange - allerdings bei Ihnen, nicht beim Institut - sind wir mit meiner Frau bereits eingetragen.

- Was? - schrie fast der endlich seine überhebliche Routinefassung und seine Geduld verlierende Parteisekretär - Und Sie kommen noch zu mir, um nach einer Wohnung zu fragen! Sie sollen sich schon für diesen Platz in der Warteschlange bedanken, denn wir stellen keine Studenten in unsere Warteschlangen an.

- Sagen Sie mir dann vielleicht auch gleich, bei wem denn konkret ich mich bedanken soll? - fragte fast leise der Vater, langsam aufstehend - Bei der kommunistischen Partei oder bei Ihnen persönlich?

- Haben Sie etwas gegen unsere Partei? - versuchte der sichtlich verunsicherte Sekretär den alten einschüchternden Trick. Er schien, sich plötzlich sehr allein und hilflos in diesem repräsentativen Riesenkabinett zu fühlen, obwohl er eine stattliche Gestalt aufwies und fast einen Kopf länger als der Vater war.

Die Partei war dem Vater scheißegal, aber das war genau die Situation, in der für ihn auch alles andere und er selbst ebenso egal waren: Er sah vor sich einen Schweinedirektor - einen in Person, der es beanspruchte, über sein Leben und sein Schicksal zu verfügen und verlangte auch noch seine Dankbarkeit dafür.

Man konnte schlecht etwas gegen das Regime oder gegen die Partei unternehmen, aber gegen eine Person, wo Mann gegen Mann steht, ließ sich - jedenfalls für den Vater - schon etwas machen. Es war der Wutanfall, der zum "Blackout" für jede Lebensvernunft, aber nicht für seine Verwegenheit in solchen Situationen führte.

Er kontrollierte die Situation, überlegte blitzschnell, dass er da draußen nur eine Sekretärin und keinen anderen - vor allem keinen Sicherheitsposten - weder im Warteraum, noch davor, im Flur, gesehen hatte, und keiner wird ihn festhalten künnen, wenn er jetzt diesem Arsch eine "reinhaut" und sofort hinausmarschiert. Was weiter geschehen konnte, gehörte nicht zu dieser konkreten Situation und bedurfte deswegen keiner sofortigen Überlegungen. Ebenso wenig beschäftigte ihn die mächtige Gestalt dieses Arschlochs.

Das einzige, was ihn dabei beschäftigte, war die Breite und Länge dieses parteigewöhnlichen, gewaltigen Schreibtisches. Stünde dieser Gorilla direkt vor ihm, wäre es sofort geschehen. Der Parteisekretär schien es auch schon gespürt zu haben und druckte sich mit dem verblassten Gesicht in seinen massiven Chefsessel hinein, ohne den kleinsten Versuch, etwas zu unternehmen.

Der Vater stand sekundenlang mit geballten Fäusten da, sah es ein, dass er den Tisch nicht so schnell, wie die Situation es erfordert - ohne den Mann entfliehen zu lassen - überwinden könnte, drehte sich abrupt um und ging hinaus.

Es war ohne Folgen geblieben und der Vater wusste es im voraus. Sein ungeschehenes Verbrechen gehörte nicht zum Bereich der politischen Loyalität, wo sich der KGB einschalten dürfte. Es wäre ein Kriminalfall für die Miliz, aber nur dann, wenn der Sekretär der Miliz über den von ihm erlebten Schiss berichtete, was dem Ansehen des Gorillas unter Parteikollegen hätte eher schaden können.

Der Vater erwarb sein Diplom und nahm das Angebot des Instituts an. Er traf aber mit seinem Chef eine Abmachung, dass er - bevor er seinen Dienst antritt - einen Monat Zeit benötigt, um sein Wohnungsproblem zu lösen. Sollte es ihm nicht gelingen, kündigt er diesen Dienst, ohne ihn anzutreten. Dafür hatte der Chef Verstündnis.

Der Vater suchte einen Monat lang nach einer Lösung und fand sie schließlich in einem gemütlichen privaten Holzhäuschen mit zwei Zimmern zu einem ziemlich günstigen Preis, welchen er nach zwei folgenden Sommerkalymausflügen abbezahlte. So konnte er dann doch mit freiem Kopf der Wissenschaft dienen.

Aber er konnte durch den genannten Komplex nicht einmal die in normalen Arbeitsverhältnissen übliche Subordination dulden, die in der Wissenschaft - im Unterschied zu anderen Bereichen - ohnehin kaum eine Bedeutung hatte.

Einst, als er sich später, kurz vor der Aspirantur[1], in diesem Forschungsinstitut mit seiner Doktorarbeit beschäftigte, kam ein Projektleiter aus seinem Labor und meinte zu ihm:

- Sie müssen ihren Beitrag zur Erfüllung unseres Projekts leisten.

Es ging dabei um die bereits erwähnten Aufträge aus Moskau, die zusätzliches Geld ins Labor brachten. Für die Durchführung des Projekts war eigentlich ein Kollege aus der Gruppe dieses jetzt vor dem Vater stehenden Besuchers verantwortlich. Der Kollege hatte auch vor, die in diesem Projekt gewonnenen Ergebnisse in seiner Doktorarbeit zu verfassen. Diesem Kollegen sollte also jetzt der Vater als Helfer zugewiesen werden.

- Nö, ich muss das gar nicht. Das ist ihr Thema und ihr Mann hat es zu erledigen. Schließlich ist es auch seine Doktorarbeit und ich habe meine eigene zu kreieren, anstatt ihm als ein blöder Helfer zur Verfügung zu stehen. Es tut mir leid, ich bin weder motiviert noch interessiert. - antwortete begründet und entschlossen der Vater.

Der besagte Leiter wurde rot im Gesicht, denn dies war eine nach seinem Antrag getroffene Entscheidung der Laborführung und so eine Reaktion erwischte ihn mit seiner Berechtigung ganz überraschend.

- Was bilden Sie sich ein? Das ist doch Ihr Brot, das Sie nun abarbeiten müssen. - fiel ihm die älteste Moralpredigt der Welt ein, die er übrigens dem Vater lieber hätte nicht sagen sollen.

- Nein, mein Lieber, - erwiderte bereits ohne jede Subordination und bedrohend kalt der Vater - Mein Brot verdiene ich mir selbst und schulde niemandem etwas dafür. Seit ich mich überhaupt erinnern kann, musste ich es auf Kartoffelfeldern, auf Heuwiesen und jetzt an meinen Nordausflügen erackern.

- Ich meine nur ihr Gehalt hier bei uns.

- Ich meine es auch, denn ich weiß es viel zu gut und jedenfalls viel besser als du, um es mir von dir anhören zu lassen, wo und wie man sein Brot verdient. Ich tue es woanders. Hier betreibe ich nur mein Hobby. Denn es macht mir Spaß, gibt mir aber mit Hundertzwanzigrubel monatlich nun wirklich kein Brot zum Leben. Und wenn jemand mich für diese Almosen noch zu etwas zu zwingen versucht, was mir keinen Spaß macht, kann ich gleich darauf spuken. Somit halte ich diese Sache für geklärt und du darfst gehen. - beendete er das von dem anderen begonnene Gespräch mit ostentativer Frechheit.

Der Bewerber verlor dadurch seine Gabe zu reden und verschwand. Um am Ball zu bleiben und die leicht prognostizierbaren erniedrigenden Folgen zu vermeiden, schrieb der Vater unverzüglich seine Kündigung, ging aus dem Keller, wo er forschte und wo das Gespräch stattfand, nach oben zum Laborleiter hinauf und erklürte ihm:

- Ich will mit sofortiger Wirkung kündigen.

- Was ist los mit Ihnen?

- Ich hatte gerade eine mich beleidigende Unterhaltung mit Ihrem Gruppenleiter und sehe nun für mich gar keinen Sinn, hier weiter zu arbeiten.

- Um was ging es denn?

- Der Herr wollte mich zwingen, an seinem Thema und in seinem Projekt zu arbeiten.

- Es ist eigentlich ein Laborprojekt, das wiederum tatsächlich zu seinem Thema gehört. Interessiert Sie das Thema denn gar nicht?

- Er versuchte es nicht einmal, mein Interesse zu wecken oder danach zu fragen. Er erpresste mich und verlangte von mir, mein Brot bei ihm wie ein Sklave abzuarbeiten. Ich fand es angebracht, ihm den uns viele hier noch festhaltenden Unterschied zwischen "Brot zu verdienen" und "Spaß an der Wissenschaft zu haben" zu erklären.

- Ihr Brot müssen Sie doch irgendwo verdienen. Sie meinen es wohl nicht ernst mit ihrer Kündigung. Oder haben Sie schon eine bessere Stelle gefunden?

- Wenn ich sage, dass ich kündige, dann meine ich es auch so. Es gibt auch genug Institute herum, wo ich eine Stelle finden und mein Hobby weiter betreiben kann.

- Sind Sie sicher, dass es woanders von Ihnen nur noch die Ihnen Spaß bringenden Leistungen verlangt werden?

- Wenn es anders ist, habe ich mir wohl einen falschen Beruf ausgewählt. Außerdem ist es ohnehin ein Luxus hier für nichts zu arbeiten, den ich mir eigentlich ohne meine Kalymgelder nicht leisten kann. Es gibt dort im Norden auch genug Baubedarf und, wenn ich es professionell angehe, kann ich ein freies und sehr wohlhabendes Leben führen.

Auf solche Gedanken kam der Vater schon früher mal, aber er wusste gleich, dass es nichts für ihn gewesen wäre. Er wäre unterfordert und nie damit zufrieden gewesen. Aber er wusste dabei auch, dass dieser Ausweg - käme es darauf an - ihm immer zur Verfügung steht. Und es läge ihm bei solchen Situationen fern, darüber zu philosophieren, ob so ein abgestuftes Leben das richtige für ihn gewesen wäre und ihn zufrieden stellen könnte oder nicht. Das Einwurfsentscheidungsprinzip eben.

Überraschenderweise versetzte schließlich diese Entschlossenheit den Laborleiter - einen im Grunde genommen gutmütigen, wissenschaftlich nicht besonders ausgezeichneten und dadurch ziemlich unsicheren Mann - fast in Panik.

- Wieso machen Sie so einen Aufstand aus dieser Geschichte? Man kann ja alles ruhig besprechen und regeln. Wenn Sie aus welchen Gründen auch immer dieser Aufgabe nicht nachgehen wollen, finden wir schon einen anderen Mitarbeiter. Unser Labor ist ja groß genug. Überlegen Sie es sich noch einmal.

- Ich habe es mir schon überlegt, sonst wäre ich nicht hier.

- Jedenfalls kann ich über Ihre Kündigung ohne Ihren wissenschaftlichen Betreuer sowieso nicht entscheiden.

- Er ist gerade hier. Soll ich ihn rufen?

- Ja, besser wäre es.

In zwei Minuten war auch sein Chef da, ein abstrakter, völlig zerstreuter Mann, der so unfähig war, irgendetwas um sich herum - einschließlich seiner eigenen zweiten Doktorarbeit - zu organisieren und ebenso unorganisiert und verwahrlos aussah, dass man sofort zum Verdacht kommen sollte: Es handle sich bei ihm um ein Genie.

Dessen Aufgabe war es unter anderem, die Doktorarbeiten des Vaters und noch drei weiterer Doktoranden zu betreuen. Beim Laborleiter zeigte er sich plötzlich und für ein Genie ungewöhnlich entschlossen:

- Nö, kommt nicht in Frage. Du musst doch deine Doktorarbeit zu Ende bringen.

- So habe ich auch dem Herrn meine Absage argumentiert. - meinte der Vater, dem dieses Affentheater allmählich auf die Nerven ging, denn seine prinzipiellen Handlungen wurden vor seinen Augen zu einer Komödie gemacht.

- Na dann mache deine Arbeit weiter, alles anderes regeln wir unter uns. - beschloss der Chef.

Auf seiner Kündigung weiter zu bestehen, käme für den Vater bei solcher Sachlage dem Kokettieren gleich. Er ging wieder hinunter in seinen Keller, und der Zwischenfall wurde zunächst vergessen. Nur der "brotgebende" Projektleiter antwortete noch ein paar Wochen bei ihren Begegnungen auf Vaters Begrü?ungen nicht.

Besser hätte selbst der Vater die Situation nicht lösen können. Damals hatte ihn sein Chef - der es noch seit Vaters Studiumszeit und Diplomarbeit gewesen war - ziemlich überrascht. Aber schließlich bekam man auch zusätzliches Geld für jeden betreuten Doktoranden. Dabei vernachlßssigte der Chef seine Doktoranden total und störte sie eher als unterstützte, ihre Doktorarbeiten zu Ende zu bringen.

Jede Doktorarbeit ist nicht nur ein komplexes, neues wissenschaftliches Resultat, sondern zu großem Teil ein Unternehmen, das man zu organisieren, durch einen konkret und deutlich gesetzten Aufgabenkreis einzuschränken und zu Ende - ihre Verfassung und alle für die Promotion notwendigen und zeitraubenden Formalitäten einschließend - zu bringen fähig sein soll: "Schlüsselfertig" zu übergeben, also, und die eigene Arbeit bei der Übergabe noch erfolgreich zu verteidigen-zu promovieren, wie es der Vater jedes Jahr bei seinen Kalymen machte.

Die Promotion war auch die einzige Möglichkeit, das miserable wissenschaftliche Gehalt ohne Kalyme und auf Dauer aufzubessern. Aber dem Chef schien offensichtlich das Schicksal sowie das Gehalt seiner Doktoranden gleichgültig zu sein. Seit vielen Jahren gelang es nur einem von seinen Doktoranden nach vieljährigen Bemühungen zu promovieren.

Wenn sie zum Chef kamen, um über die gewonnenen Ergebnisse zu diskutieren, war er so genieüblich neugierig, dass er die Doktorarbeit an sich immer vergaß und Jahr für Jahr meinte:

- Oh! In bezug auf dieses Ergebnis wäre es aber interessant, noch vielleicht dies oder jenes zu messen und zu untersuchen.

Und man untersuchte bei ihm und maß, bis man selbst vergaß, wo der Anfang und was das Ziel waren und wo das eigentliche Ende - wenn überhaupt - vorgesehen worden war.

Das einzige, was bei dieser Vernachlässigkeit ausgesprochen gut war - jedenfalls für den Vater: Der Chef mischte sich sonst in ihre Arbeit gar nicht ein, versuchte gar nicht 'rumzukommandieren und überließ seine Doktoranden ihrer selbst. Für diejenigen, welche die Selbständigkeit verstanden und nicht so oft zu dem Chef mit ihrem verheerende Folgen bringenden Diskussionsbedarf gingen, war es die einzige Chance durchzukommen.

Der Vater nahm diese Chance nicht nur wahr, sondern nutzte sie auf eine brutale Weise aus. Er stellte sich seine Forschungsaufgaben und Ziele selbst; korrigierte sie selbst, wenn es sich der Bedarf dazu aus den Forschungsergebnissen ergab; analysierte, verfasste, präsentierte und veröffentlichte diese Ergebnisse ebenfalls selbst. Aber er schrieb tüchtig seinen Chef als Koautor in diese Veröffentlichungen hinein. Als seine Aspirantur zu Ende ging, und er seine Doktorarbeit innerhalb eines Monats im Kalymtempo fertig schrieb, erinnerte sich sein Chef auf einmal auch daran:

- Hallo! Deine Aspirantur geht ja bald zu Ende! Vielleicht sollten wir uns schon irgendwann zusammensetzen und über die Planung deiner Arbeit reden.

- Ach, das ist doch gar nicht nötig. - entlastete ihn von plötzlichen und überflüssigen Sorgen der Vater.

- Wieso denn? Du musst ja schließlich zum Aspiranturabschluss deine fertige Doktorarbeit vorlegen, sonst wird dein Misserfolg mir angelastet.

- Die habe ich doch bereits fertig geschrieben. - beruhigte ihn der Vater.

- Wann denn?

- Gerade eben, vor ein paar Tagen.

- Hm-m. - wusste der Chef nicht so recht, ob er sich nun durch diesen ihn völlig blamierenden, aber auch befreienden Umstand freuen oder ärgern soll - Gibst du sie mir wenigstens zum Lesen?

- Aber natürlich! Sie sind doch mein Chef und sollen auch ihr Gutachten zu meiner Arbeit abgeben.

Somit war der Vater der zweite, der seine Doktorarbeit und seine Promotion bei diesem angeblichen Genie zustandebrachte.

Bei seinen Kollegen in anderen Forschungsgruppen war es anders. Sie durften in der Regel nur ihre Metallproben vorbereiten: schmelzen, schmieden, walzen, ziehen, schneiden, polieren, ätzen, sie testen, das Nötige an ihnen messen und dann die endlich zustande gekommenen Messergebnisse ihrem Chef liefern. Also, sie durften nur die Schmutzarbeit erledigen.

Ihr Chef übernahm dann den eigentlichen wissenschaftlichen - den eigentlichen Spaß bringenden und derartige Schmutzarbeit krönenden und belohnenden - kreativen Rest: Diese Ergebnisse zu analysieren, mögliche Entdeckungen zu machen, sie zu verfassen und zu veröffentlichen. Dafür durften aber alle Mitarbeiter seiner Forschungsgruppe als Koautoren in jeder dieser Veröffentlichungen auftreten. Mit diesem Fließband hatten sie zwar mehr Veröffentlichungen als der Vater und manche kamen sogar zur Promotion, wussten aber oder mindestens verstanden nicht immer, was eigentlich da in ihren "eigenen" Artikeln oder Dissertationen drin steht.

Soviel zur Selbstständigkeit, zur Unabhängigkeit und zur Unantastbarkeit, wie der Vater sie in Sachen Demokratie verstand und verteidigte.

* * *


[1] Einrichtung in kommunistischen Staaten zur Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, die mit einer Doktorarbeit zu absolvieren war. In dem Sinne war kommunistischer Aspirant kapitalistischem Doktoranden identisch.

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