Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

"Wall Street Institute - the school of English"
(Erzählung-Witz)




Ich bin heute gegangen und zum Studenten geworden. So steht es auch in meinem neuen Dokument: "Student Dr. Viktor Prieb" und zwar im "Wall Street Institut - school of Englisch".

Ich hatte ja schon jahrelang vor, dies zu tun, und habe es nicht gebacken gekriegt - Blödmann!. Aber heute habe ich mich überwunden! Ich ging direkt dorthin (fünf U-Bahnstationen zu Fuß, weil Busse und U-Bahnen fuhren bei uns in Berlin nicht - sie hatten ihren Streik!), um mich zu erkundigen wie, was und zu welchem Preis.

Und dort!.. Wie nahmen mich Mädchen in den Handel! Gleich an der Schwelle schlug mir ein Mädchen mit gutem Deutsch und mit einem noch besseren englischen Akzent vor, einen Fragebogen auszufüllen und ein Tässchen Kaffee zu trinken. Ich stimmte - so königlich - der Tasse Kaffee zu und fragte sie, ob ich meine Jacke ausziehen dürfe, weil es bei ihnen dort einbisschen zu warm war. Sie war gleich, ohne weiteres, damit einverstanden. Ich zog meine Jacke aus, bei der ein Ahornblatt auf der Rückenseite des Futters abgebildet ist. Sie wurde in diesem Moment fast ohnmächtig und schrie:

- Das ist doch Kanada! Und ich bin von dort, aus Kanada!

Ich fühlte mich plötzlich beschämt wie ein erwischter Lügner und sagte:

- Eigentlich bin ich nie in Kanada gewesen... Ich habe die Jacke hier, in Berlin, bei "Tschibo" gekauft.

Aber sie verziehe mir dies sofort, obwohl noch ein paar Minuten, solange sie mir Kaffee kochte, in so einer nostalgischen Trance blieb. Ich erkenne jetzt so Etwas, weil ich selbst in so eine Trance verfalle, wenn ich in Nachrichten oder in irgendeinem Film den Namen "New York" höre oder seine Wolkenkratzer sehe.

Als sie dann - nachdem sie mir Kaffee gebracht hatte - aus dieser Trance rauskam und in meinem Fragebogen las, dass ich Physiker bin, verfiel sie in diese, aber diesmal in eine Andere wieder und in dieser begann sie mich dann mit den Fragen über Trägheitsmomente in Verbindung mit Eiskunstläuferinnen und ihren Drehgeschwindigkeiten zu bombardieren!

Während ich ihr meine Erinnerungen über dieselben erzählte, riet sie ein anderes Mädchen - die Beraterin, denn sie selbst hatte einfach an der Rezeption gesessen. Die Beraterin - so etwa 25-30 Jahre jung - kam und sagte:

- Doktor Prieb? Hallo! Und ich bin Mina! Darf ich dich duzen? Wir duzen uns hier alle...

Ich war natürlich wie vom Blitz getroffen: Ich überrasche doch selbst immer alle meinen Leserinnen, welche mir schreiben, mit meinem "Du" und mit dem darauffolgenden Angebot, uns gleich gegenseitig zu duzen. Und nun bitte schön! Ein Mädchen duzt mich gleich an der Stelle! Ich sagte daraufhin so munter und locker, wie es mir unter diesen Umständen nur zumute war:

- Und ich bin Viktor... Und überhaupt, Mina! Dies ist normalerweise nicht deine Methode, alle zu duzen, sondern meine! Gewesen jedenfalls, bis du mich somit überfahren hast... - versuchte ich noch, meine Priorität in dieser Frage zu verteidigen.

- Na dann, Viktor, bitte in mein Büro. - sagte sie einladend lächelnd.

Wir gingen in ihr Büro rüber:

- So ein bescheidenes Bürochen... - sagte Mina etwas kokett.

Ich antwortete, um mit meinem üblichen Charme nach den ersten Blamagen etwas am Boden zu gewinnen:

- Ein sehr sogar nettes Büro.

Sie studierte meinen Fragebogen, wo darüber geschrieben stand, wo und wann ich das letzte Mal Englisch gelernt hatte, und verfiel auch in die hier anscheinend übliche Trance:

- Wow! Du bist aus Sibirien! Und unsere Filialleiterin ist auch aus Moskau!

- So gut kann sie - diese aus Moskau - sowohl Deutsch, als auch Englisch sprechen, was? - fragte ich verwundert.

- Na ja, sie ist hier bereits seit neun Jahren und hat davor in den USA gearbeitet... In neun Jahren hat sie eine Menge erreicht!

- Na also, - sagte ich - deswegen bin ich auch zu dir gekommen, um genau so gut wie deine Chefin sowohl Russisch, als auch Deutsch und Englisch sprechen zu können! Kannst du mir dies hier gewähren? Ich meine, mit dem Englisch, natürlich.

- Gleich erzähle ich dir alles! - sagte sie.

Sie hatte mir alles erzählt, ich hatte dabei sie und ihre Methodik sehr sogar zu schätzen gelernt und gelobt und fragte sie:

- Und wie teuer?

- Oh! Das ist kompliziert bei uns, - guckt sie nachdenklich auf die Decke - weil dies alles bei uns persönlich angepasst wird, wie ein Anzug beim Schneider. Ich muss zunächst feststellen, wo du bist - im Sinne auf welcher Stufe, dann wissen, auf welcher Stufe du landen willst, und erst dann kann ich dir ein Angebot machen. Und dafür gehen wir schon mal zum Test rüber.

Wir gingen zum Test in einen Computerraum rüber, sie erklärte mir, dass man dies und jenes in vier Kategorien: Grammatik, Hörens- und Leseverständnis und noch irgendwelche - anklicken solle, und ließ mich allein. Ich guckte auf den Bildschirm - dort waren vier kurze Worte in einem Fenster, und - Hauptsache - alle richtig geschrieben. Ich dachte mir:

"Was das für eine Quatsch-Grammatik! Vielleicht ist doch irgendein Wort falsch geschrieben, und ich weiß es einfach so ganz sicher nicht...

Klickte sicherheitshalber eins der Kürzesten aus vier Angebotenen wie "no" zum Beispiel usw. an. Nach ungefähr fünf Minuten merkte ich, dass es oben noch ein schmales Fensterchen gab, in dem ein Satz mit drei Pünktchen an irgendeiner Stelle zu sehen war, und wenn ich irgendein Wort wie "no" anklickte, erschienen in diesem sofort ein neuer Satz mit drei Pünktchen und in dem Unteren vier neue Worte wieder, aus denen ich die Grammatik auswählen sollte.

Na da begriff ich natürlich, was die Sache war - das war ja mir geläufig und ist auch gar nicht so schwer, aber nur dann eben, wenn man es sieht! Danach fing ich an, richtige Worte anzuklicken, wenn auch nicht gerade die Kürzesten - ich war ja in der englischen Grammatik immer einigermaßen gut gewesen.

Langer Rede kurzen Sinn, war ich im Ergebnis in der Grammatik am schlechtesten, im Hörensverständnis - am besten. Bestimmt hatten mir dunkle New-Yorker aus Bronx dabei geholfen, mit welchen ich bei meinen Tagsausflügen - während meine Freundin nach unserer schlaflosen Nächte zu arbeiten hatte - auf dem Broadway zu quatschen versucht hatte, als ich vor Kurzem dort auf Liebeswegen gewesen war, Sie hatten es immer gepflegt, mich gleich nach meinem ersten Entertainment-Versuch zu ihrem "brother" zu erklären!

Also bestimmte mich Mina auf die dritte Stufe von der Null an (nach oben meine ich), obwohl ich sie davor einwenig beschimpft hatte - es ist ja immer leichter, wenn man miteinander duzt - dafür, dass sie mir vorhin über diese Falle mit dem oberen Fensterchen nichts gesagt hatte:

- Ich habe ja dieses verdammte Oberfenster überhaupt erst in der Testmitte gesehen, und du hast mir nichts darüber gesagt!

Sie gleich in den Schützengraben:

- Aber du hast mich doch darüber gar nicht gefragt!

- Na entschuldige bitte! Was hätte ich über das Scheißfensterchen fragen können, wenn ich dieses gar nicht gesehen habe!

So hatten wir einwenig gestritten und sie fragte:

- Willst du es wiederholen?

Ich gleich friedlich:

- Nö-ö-ö! Genug gelitten, mir reicht's!

- Es ist auch richtig so, denn du kannst dich jede Zeit umrichten-umstufen lassen, wenn es dich stört. Der Test ist ja bei uns umsonst. Das ist ja nur getan, damit ich dir dieses Angebot machen kann. Aber dafür musst du mir jetzt auch noch sagen, wo du hinwillst, im Sinne - auf welche Stufe.

Ich sehr hilfsbereit:

- Ich will dorthin, im Sinne von Stufen, wo ich mich mit den Negern auf der Strasse in New York frei unterhalten könnte. Ich mag sie seit Kurzem und will sie über ihr afroamerikanisches Leben ausfragen, gleichzeitig natürlich auch über mein russisch-deutsches erzählen.

Sie verfiel wieder in diese Trance und küsste mich fast:

- Man hasst du Glück!

"Etwa" - dachte ich - "wieder in Lotto gewonnen? Im Sinne Schicksalslotto, wie es in meinem Buch über den 'Lottogewinn' von Russlanddeutschen heutzutage mit ihrer Nationalität geschrieben steht, und nicht Geldlotto?"

- Wir haben gerade für diesen Februar so ein Angebot wie bei McDonald: "All you kann eat" ("zahl' im voraus und fress' bis du platzest" heißt es ins Deutsche übersetzt) und bei uns "All you can learn"! Du zahlst also für ein Halbjahr im Voraus unseren Angebotpreis und kannst lernen, bis du umkippst - bis welcher auch immer Stufe du dich durchkämpfst! Und darüber hinaus gibt es in unserem Angebot ein Ticket nach New York hin und zurück, welches du ab 1. März und bis zum nächsten Jahr ein Mal benutzen kannst. Deswegen bin ich fast vom Hocker gefallen, als du mir über dein Ziel - über New York gesagt hast.

- Ach so! - freute ich mich - Und ich habe schon gedacht, dass du beim Wort "Neger" fast umgefallen bist. Ich habe mal gehört, dass es nicht auf Amerikanisch sei. Oder unterrichtet ihr hier Amerikanisch nicht? Nur Englisch und dann mit so einem Englisch auch noch auf so ein Risiko nach Amerika schickt!...
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