Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik

Wahlen-nicht-Wahlen
oder über die Politik der ruhigen Hand, die Futtertrognutzer, den Viehbestand und die Mechanisatoren vom Radweg


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"


Dynamische Entwicklung der Akademiewissenschaft in unserer Stadt passiert vor dem Hintergrund eines noch dynamischeren Prozesses von sozialen, ökonomischen und politischen Veränderungen im ganzen Lande - vor dem Hintergrund der Perestrojka.

Ich hätte gerne gesagt "vor dem Hintergrund und im Fahrwasser der Perestrojka", aber das ist eine prinzipielle Frage, und es bedarf einer ernsthaften Analyse so etwas sagen zu dürfen. Nach so einer Analyse muss man auch noch den Zeitpunkt angeben, zu dem diese Analyse gemacht wurde, wie es sich beim Vergleich zweier dynamischer Prozesse gehört.

So eine Analyse kann man am Beispiel der in unserem Forschungsinstitut gerade stattgefundenen Wahlen von "auf den Direktorposten des Instituts zu empfehlenden Kandidaten" durchführen. So eine komplizierte Definition der zu analysierenden Situation bedeutet einfach, dass das Kollektiv des Instituts seine Kandidaten nur empfiehlt, indem dieses denen seine Vertrauensquoten ausspricht, während die Hauptversammlung der Akademiemitglieder dann das eigentliche Wählen tut - "Wahlen-nicht-Wahlen" sozusagen.

Das Institut ist hier in der Region durch die skandalösen, in der Presse veröffentlichten Geschichten traurig bekannt geworden. Man kann sagen, ohne ins Detail zu gehen: Dies spricht dafür, dass es viele interne Probleme gibt, die zu lösen würen, aber nicht gelöst werden und sich dadurch immer weiter vertiefen und verschärfen. Mit dieser Vorgeschichte ist das Kollektiv des Instituts zu diesen Wahlen-nicht-Wahlen gegangen, die über zehn Stunden angedauert haben. Es ist ein Plebiszit gewesen. Eine Vollversammlung aller Mitarbeiter, die wie ein guter Roman ohne eindeutiges Finale geendet hat.

Nur eins ist doch erreicht worden: Die Versammlung hat allen Beteiligten zu verstehen gegeben, dass die Institutsprobleme nicht an einzelnen Intrigen und nicht an der naturgemäßen Inkompatibilität von Wissenschaftlern untereinander liegen. Dass diese viel komplizierter, viel tiefer und von viel größerem Ausmaß sind. Diese Probleme spiegeln auch die Probleme unserer ganzen Wissenschaft und sogar die Probleme unserer Gesellschaft wider, deren Lösungsnotwendigkeit schließlich die Perestrojka ins Leben gerufen hatte.

Diese Versammlung hat ein prozentuales Verhältnis zwischen zwei Kräften gezeigt. Eine wird von denjenigen vertreten, die eine Problemlösung vor allem in der Veränderung von wirtschaftlichen Verhältnissen im Institut sehen und konkrete Konzepte und Programme dafür vorschlagen. Zum Beispiel: Die Konsolidierung von vielfältigen, aber kaum miteinander zusammenwirkenden Forschungsthemen und Förderung der Kreativität von Wissenschaftlern durch Gewährung ihrer Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, durch Entadministrierung ihrer Forschungsarbeit, durch Finanzierung auf der Wettbewerbsbasis nur von erfolgsversprechenden Themen und so weiter.

Die andere Kraft ist dadurch zu charakterisieren, dass sich ihre Vertreter in einer dichten Abwehrstellung verbarrikadiert haben und die wachsenden Probleme hinter den aufgeblasenen Erfolgen nicht sehen wollen, oder diese Probleme zu einzelnen Intrigen herabzusetzen eifern - die Politik der ruhigen Hand also. Nach dem Motto: Es gibt nichts zu lösen, wenn keine Probleme zu erkennen sind. Für so eine Position ist es nun zu gut bekannt und natürlich viele rosige und globale Perspektiven auszumahlen sowie laute Aufrufe und Parolen, statt konkreter Problemlösungskonzepte und Entwicklungsprogramme anzubieten.

Also, diese Wahlen-nicht-Wahlen sind doch zu Wahlen geworden. Für die Perestrojka, Demokratisierung, Belebung von wirtschaftlichen und sozial-politischen Verhältnissen einerseits. Und gegen dies alles andererseits: Für die Bewahrung der alten, abgelebten stalinistisch-administrativ-befehlenden Verwaltungsmethode mit ihrem Akzent nicht auf die Fähigkeit ökonomisch zu denken und zu entscheiden, sondern auf die Durchsetzungskraft eines Administrators. Das Resultat zeigt, dass die zweite Kraft mit einem Stimmenverhältnis von sechzig zu vierzig Prozent gesiegt hat.

Versuchen wir zu verstehen, wer und was hinter diesen Prozentzahlen stehen, und was die demokratischen Kandidaten in ihren Wahlkämpfen zu berücksichtigen hätten.

In fünf seit der Institutsgründung vergangenen Jahren hat sich ein Kern von Mitarbeitern gebildet, welche damals vom Staat und von der Akademie einen "Futtertrog" erhielten, mit Wohnungen, Laborflächen, Themenfinanzierungen und beträchtlichen Gehältern gefüllt. Trotz der verständlichen und objektiven Ursachen derartiger Bescherung wird diese immer als das Resultat der Durchsetzungskraft des Direktors von der Administration verkauft und von diesem Kern angenommen.

Vielleicht spielte diese Kraft dabei auch eine Rolle, allerdings muss man dem dann auch ein "leider" hinzufügen, denn es demoralisiert Menschen nur und stimuliert keineswegs Effektivität ihrer Arbeit und ökonomisch vernünftige Verhältnisse im Betrieb, wenn ihr Wohl nicht von ihrer eigenen Leistung, sondern von irgendwelcher übernatürlichen Durchsetzungskraft des Betriebsleiters und der Großzügigkeit des Staates abhängig ist.

Der Hauptverdienst des durchsetzungskräftigen Direktors besteht dabei nur darin, dass er diese niemandem persönlich, sondern dem ganzen Institut zu seiner schnelleren Entwicklung zustehenden Güter in den Futtertrog für diesen Kern verwandelt hat, welcher sich unter der Ägide und Führung vom Direktor befand und befindet. Darüber habe ich vor der Versammlung gesprochen und die Frage eines Leiters vom Kern an mich, woran ihre Privilegien konkret bestehen würden, ist offensichtlich eher von einer rhetorischen Bedeutung gewesen.

Die Größe jedes Futtertrogs ist jedoch begrenzt, die Institutsgröße stieg dagegen, dessen unbedacht, weiter an. Das Wachstum war und bleibt immer noch schnell und mehr quantitativ als qualitativ, ohne jede Auswahl von Spezialisten für eine konkrete, sich bereits etablierte oder auch vorgeplante Thematik, was an sich ganz vernünftig gewesen wäre, und eine kontinuierliche Effektivitätssteigerung der wissenschaftlichen Arbeit gewährleisten könnte. Dies entspräche auch den Staatsinteressen und den dem Institut bevorstehenden Aufgaben.

Dies hätte jedoch gewisse Anstrengungen und viel Zeit gebraucht, was das formelle Gestaltungsstadium des Instituts in die Länge gezogen hätte und gar nicht im Interesse des Direktors läge. Er beansprucht ja unter den sich ergebenen Umständen die Rolle eines großen Wissenschaftsorganisators.

Diese Rolle wird in unserem Staat - "leider" muss ich freilich wieder mal hinzufügen - durch die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften belohnt und ersetzt deswegen des öfteren die Rolle eines einfach großen Wissenschaftlers, hinter dem keine großen Kollektive, sondern eine, wenn auch kleine, aber sich auf höchstem Niveau etablierte Schule von guten Wissenschaftlern steht.

In dieser Situation hat der Direktor den neuangeworbenen Mitarbeitern die seinem Vorhaben passende Rolle eines primitiven, pro Kopf gezählten "Viehbestandes" zugeteilt. Es reichen ihnen weder Wohnungen noch Arbeitsflächen und Forschungsausrüstung mehr. - Kein Platz am Futtertrog also! Nichts außer ihrer nackten und meistens notdürftigen Gehälter, dafür aber viele großzügige Versprechungen des Direktors.

Von ihnen wird auch nicht viel verlangt. Sie haben weder wissenschaftliche noch irgendeine andere Leistung zu bringen. Nichts, außer der auf die Wissenschaftler seit eh und je von der Partei angesichts der Kolchosenmisere auferlegten Pflicht, die landwirtschaftliche Saisonzwangsarbeit zu leisten. Es wird von denen nur ihre Loyalität zur Administration stillschweigend erwartet. Das heißt, still zu sitzen, den "Viehbestand" darzustellen und auf die notwendigen Lebensgüter nun in regulären Warteschlangen zu warten. Die Zeit vergeht ja sowieso!

Wie der Kern, so auch der Viehbestand - obschon natürlich nicht alle von ihnen - stellen diejenigen "Mechanisatoren von der Wissenschaft" dar, welche nicht für ihre Leistungen, sondern für ihren "Radweg" entgolten werden und dementsprechend jeglichen sozialen und ökonomischen Reformen genauso wie die alten Parteifunktionäre und Administratoren heftigen Widerstand leisten.

Diese Widerstandskräfte hat Gorbatschow den Medienfunktionären klar und deutlich bei ihrem Treffen definiert. Eine sehr rechtzeitige und angebrachte Definition! Denn wir ziehen zu Felde gegen die Führungskräfte und vergessen dabei, dass der Administrationskader der beginnenden Demokratisierung keinen ernsthaften Widerstand ohne diese demoralisierte und ideologisch misshandelte Masse hätte organisieren können. Nicht nur der Kader auf der Seite des Direktors, sondern auch sechzig Prozent von Wahlbeteiligten sind gegen x-beliebige Veränderungen in unserem Institut.

Wer bestimmt aber die vierzig Prozent Stimmen für die demokratischen Kandidaten? Hier kann man zunächst auf Denkschlüsse verzichten, denn diese Mitarbeiter haben offen sowohl im Wahlkampf als auch vor der Versammlung aufgetreten, während die sechzig Prozent stumm da gesessen haben.

Nur ein Mal hat sich ein lautes Murren unter diesen Stummen im Saal verbreitet, als der Versammlungsvorsitzende nebenbei bemerkte, dass sich ein hochrangiges Akademiemitglied für einen unserer demokratischen Kandidaten ausgesprochen hatte. Sicherlich hat der Vorsitzende mit dieser Bemerkung eine Wahlprozedur-Fahrlässigkeit zugelassen, aber nun wirklich keine dieses Murren verdienende und die Wahl so grundlegend beeinflussende Fahrlässigkeit.

Es hat bestimmt keinen von Wählern mit Grundsätzen irritiert. Es hat nämlich nur diejenigen irritiert, welche - sich um die Meinung ihres "Futtertrogsleiters" herum versammelt - eine Alternativmeinung eines höher gestellten Leiters desselben Futtertrogs plötzlich erfuhren. Von welchen Grundsätzen kann hier die Rede sein! Dieses Murren ähnelte dem Klappern eines Windhahnes, welcher einem plötzlichen und scharfen Seitenwindstoss ausgesetzt wurde.

Zu diesen vierzig Prozent gehören bestimmt Physiker-Theoretiker, welche man angesichts der Gründungsgeschichte eher zum Kern zählen kann, deren professionelle Spezifik sie dann aber doch zu mehr Courage gebracht hat. Diese Spezifik lässt eine Arbeit ohne Kreativität und unter den Bedingungen nicht dulden, bei denen Grundlagenforschungen vernachlässigt und kaputtadministriert werden.

Vom Viehbestand zählen dazu eindeutig diejenigen "Wilden", die ins Institut als reife Wissenschaftler mit eigenen wissenschaftlichen Forschungsthemen und Forschungserfahrungen sowie mit einem zu ihrer Realisierung ausreichenden Potential gekommen sind und sich nicht ruhigstellen lassen. Natürlich sind diese mit der ihnen zugeteilten Rolle von Viehbestand nicht einverstanden und versuchen ihr Potential zu nutzen und ihre Themen in die Forschungsthematik des Instituts zu integrieren, deren Breite dies, von dem wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, hätte leicht machen lassen.

Das ist aber von dem wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus gesehen! Von dem alltäglich-pragmatischen Standpunkt aus hätte es aber bedeutet, den wilden Neulingen dadurch den Zugang zum Futtertrog zu gewähren, das Ergreifen der Initiative und das Vertreiben von früheren Futtertrogsnutzern zu ermöglichen, was in Augen des Kerns schon gar nicht zulässig gewesen wäre.

Diesen nicht nur in der Wissenschaft herrschenden Verhältnissen und dieser Logik zufolge sind keine wissenschaftlichen Seminare, keine Wissenschaftlerräte fähig - und sie streben es auch nicht so sehr an - die persönliche Meinung eines Zepterträgers am Futtertrog in einer oder in der anderen Forschungsrichtung zu bestreiten, durch die produktive Diskussion zu widerlegen und womöglich eine neue und effektivere Richtung einzuschlagen. Tschernobyl ist die weltweite traurige Folge derartiger autoritären Verhältnisse, wenn man sich an die wissenschaftliche Vorgeschichte dieses Super-Gaus erinnert.

Die Theoretiker und die "Wilden" machen jedoch diese vierzig Prozent noch nicht aus. Die Mehrheit gehört hier ebenfalls einem Teil der Masse. Diese Tatsache tröstet einwenig und macht etwas Hoffnung vor dem traurigen Hintergrund des im großen und ganzen trostlosen Resultats dieser merkwürdigen Wahlen-nicht-Wahlen.

Man will hoffen, dass sich unsere wissenschaftliche Jugend in diesem Massenanteil befindet, welche zur Zeit keine Chance zum wissenschaftlichen Aufstieg hat, die sich aber ihre kreative Kraft, Neugier und Forschungswut weder durch einen Futtertrog, noch durch die ihnen vom Direktor zugeteilte Rolle vom Viehbestand wegnehmen lässt.

Manche demokratische Alternativprogramme haben vor der Versammlung dafür plädiert diese kreative Kraft auszunutzen und sind nicht gehört worden. Wenn schon das ganze Land - Gorbatschows Aufrufen nach - vor der Notwendigkeit steht die Kreativität der Masse zu benutzen, ist es absurd und ein Irrenhaus schlechthin für oder gegen die Verwendung der Kreativität und Initiative von Wissenschaftlern in einem Akademieinstitut abzustimmen.

Jetzt freuen sich wahrscheinlich diese vierzig Prozent von Wählern darüber, dass es doch Wahlen-nicht-Wahlen und keine richtigen Wahlen gewesen sind, und die Hoffnung auf eine vernünftige Entscheidung in der Akademie der Wissenschaften immer noch besteht. Die Hoffnung auf eine Entscheidung "von oben" - toll irre Demokratie!

Gott bewahre uns davor, richtige Wahlen in unserer ganzen Gesellschaft durchzuführen, in der dieselben Futtertrogsverhältnisse sowohl für den ganzen Administrationskader als auch für die vom Radweg verdienenden Mechanisatoren gelten.

Wenn das neue Wahlgesetz kommt, von dem Gorbatschow bei demselben Treffen mit den Medienfunktionären geredet hat, und welches uns die im Unterschied zu unseren Wahlen-nicht-Wahlen freien und demokratischen Wahlen verspricht, bleibt mir nach dem bei den Wissenschaftlern erlebten Demokratieversuch die Sorge, ob wir dann aus Dummheit und eigener Habsucht vielleicht doch eine reaktionäre Regierung nun freiwillig wählen, wie es vor kurzem in Chili passierte.

Damit das nicht passiert, und damit es durch die Demokratisierung doch zum Fortschritt kommt, muss diese Demokratie sogar von Gelehrten-Wissenschaftlern noch gelernt werden, wie diese Erfahrung zeigt. Die Vorteile der Demokratie müssen von der Masse verstanden werden und für sie überzeugend sein. Die Demokratie bedarf eines Kampfes für Gehirne und Gemüte von Menschen der Masse, jedoch eines fairen und prinzipiellen Kampfes.

Dieser Kampf hat in unserem Institut weder vor noch während der Versammlung stattgefunden. Umso mehr soll die Erfahrung dieser Wahlen und ihre Analyse den künftigen demokratischen Kämpfen nicht nur in unserem Institut, sondern auch im ganzen Lande dazu verhelfen mit der Demokratie behutsam und weise umzugehen und sie immer weiter zu lernen. Dafür muss jede auch die kleinste und auch negative Demokratieerfahrung als ein Demokratiegut fürs breite Publikum verallgemeinert und zugänglich gemacht werden.

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