Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik

Die sowjetische Gesellschaft, wie sie war,
oder darüber, warum es nichts Schlechtes gibt und woran der Kommunismus ersoff


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Einige Halbklugen verstanden die Geschehnisse seit dem Februar 1996 in Moskau - und nicht zu Unrecht - als einen gewöhnlichen Aktionismus oder eine nächste Kampagne der Parteinomenklatur mit dem einzigen Zweck: Dem Volk durch Freiheitsversprechungen - ähnlich wie nach der Revolution - etwas Enthusiasmus zu injizieren, durch diesen Enthusiasmus wieder zu Heldentaten bei der Arbeit zu motivieren und die marode, von Kommunisten kaputtgeführte und von Amerikanern durch Rüstungswettrennen kaputtgetriebene sowjetische Wirtschaft nochmals zu reanimieren.

Den Grund zu diesem Misstrauen gab der Perestrojkaanführer selbst: Er vergaß niemals, nach seinen heißen Reformenaufrufen zu betonen, dass er ein überzeugter Kommunist sei und bei dem von der Partei eingeschlagenen Wege des Aufbaus des Kommunismus fest bleibe.

Ein Riesenteil des Volkes - darunter auch eine Menge von vollklugen Ex-Intellektuellen - war einfach schon längst versoffen und glaubte - ebenfalls zu Recht - an gar nichts mehr, außer an Wodka. Ihr Motto war:

- Es gibt nichts Schlechtes - es gibt nur zu wenig Wodka.

Dieses Motto war eine Verallgemeinerung eines längst gängigen und etwas zynischen Witzes:

- Es gibt keine schlechten Frauen - es gibt nur zu wenig Wodka.

Die Idee dieses Witzes war ebenso primitiv wie erfolgreich und für das verzweifelte Volk tief philosophisch. Die rettende Seite dieser Philosophie wurde sofort vom gottlosen Volk erkannt und fast zu seiner neuen Religion gemacht. Seitdem konnte man überall und immer wieder hören:

- Es gibt kein schlechtes Wetter...,

- Es gibt kein schlechtes Gehalt...,

- Es gibt kein schlechtes Leben...

Schließlich brachte eben diese Religion den Kommunismus - samt all seiner Dogmen - zum Ertrinken.

Der seit langer Zeit erste einigermaßen kluge Kommunist - der Anführer der Perestrojka - erkannte die Gefahr dieser Religion sofort und versuchte, als ersten Schritt der Perestrojka, den Alkohol - also den Wodka - abzuschaffen. Die Weinberge im Süden, die eigentlich mit Wodka, besonders in Sibirien, wenig zu tun hatten, wurden gnadenlos vernichtet. Die Getränkeläden wurden bis auf einen einzigen pro eine ganze Stadt oder einen Kreis reduziert.

Diese einzelnen Pilgerplätze mit den gebliebenen Wodkaläden wurden zu blühenden Schwarzgeschäftsplätzen und zu Ausstellungsplätzen für verschiedenste Technik. Um die tausendköpfigen Warteschlangen herum standen: Kipper, Bagger, Traktoren, Busse, Lkws, Pkws, Landwirtschaftsmaschinen, so dass nicht nur die Menschen, sondern auch die ganze Technik endgültig von ihrer Arbeit durch Wodka abgezogen wurde und somit - wie so oft - der absolute Gegeneffekt seitens der kommunistischen Partei erreicht wurde.

Außerdem begann die Bevölkerung - nachdem alle Parfümläden und alle Apotheken leergetrunken worden waren - einfach alles zu trinken, was flüssig war und irgendwelche Spuren vom Spiritus oder von einer betäubenden Wirkung aufwies, einschließlich Lacke, Chemikalien usw. oder sogar - eine ganz neue und innovative Volkserfindung - Dämpfe, wie z. B. die von Benzin, einzuatmen. Dies führte gesetzmäßig zum schnellen und massenhaften Aussterben des Volkes an den schlimmsten Vergiftungen.

Die Kommunisten versuchten anscheinend immer wieder zu beweisen, dass sie doch alles besser als die verhassten und verdammten Amerikaner machen könnten, und tappten somit in dieselben Fallen: in den immer noch andauernden "Vietnamkrieg" in Afghanistan und nun in die Prohibition, die ebenfalls nicht weniger Mafiosi in die armselige und absterbende sowjetische Wirtschaft hineinkatapultierte. Die Mafiosi, die dann - nach dem zu Grabe Tragen des Kommunismus und nach der Abdankung der Partei - zusammen mit den Ex-Parteifunktionären, die alle Partei- und Staatsgelder während der Perestrojka rechtzeitig in die verschiedensten, extra dafür geschaffenen und ihnen unterstehenden Kooperative umgeleitet hatten, zu den heute gutbekannten "neuen Russen" wurden.

Durch diese prohibitive Aktion in seinem Versuch, das russische Volk trocken zu legen, verlor der Perestrojkaanführer von Anfang an die Unterstützung der überwiegenden Mehrheit des Volkes, dessen prompte und scharfe Reaktion auf diesen Aktionismus die äußerste, zum totalen Nihilismus führende Verschärfung ihrer neuen Religion war:

- Es gibt gar nichts, wenn es keinen Wodka gibt!

Als der Vater mal einen seiner Kollegen - einen Professor aus St. Petersburg, einen der führenden Wissenschaftler auf seinem Gebiet - auf einer Konferenz fragte, wie die vorherige Konferenz in Moskau gewesen und ob in Moskau auch kein Wodka verkauft worden war, antwortete derjenige kurz und schlüssig, wie mal Vaters kaukasischer Freund im Norden:

- Was hätte ich in Moskau zu suchen, wenn es auch dort keinen Wodka gäbe.

Also, ebenfalls nach dem Motto:

- Es gibt keine schlechte Konferenz, es gibt nur wenig Wodka.

Oder neuerdings nach Professors Aussage:

- Es gäbe keine Konferenzen in Moskau, wenn es keinen Wodka in Moskau gäbe.

Dabei war der offene und intelligente Professor weder ein Säufer noch ein Alkoholiker, genoss es aber auf die russische Art, bei Gelegenheit ein Gläschen Wodka umzukippen und verheimlichte es auch nicht, wie es sonst überall üblich war.

Am schlimmsten unter allen anderen Volksgruppen war jedoch der Anteil von Voll-Unklugen, den man als Sklavenanteil bezeichnen kann. Das war das einzige Produkt des kommunistischen Systems, dessen Aufbau fertig gebracht wurde und vollkommen war. Man kann dabei diesen Menschen für ihre fade Lebensart und die primitivste Denkweise keine Schuld zuweisen. Die Schuld liegt einzig und allein am System, das siebzig Jahre seine teuflischen Experimente an eigenem Volk ausübte, dieses verblödete und degradierte und nur dies mit gutem Erfolg.

Ein idealer kommunistischer Mensch vom Typ "Sowock" - im Westen mehr als "homo sowjeticus" bekannt - war geschaffen worden. Er stand stillschweigend, geduldig und gehorsam wie angekettet in allen Warteschlangen, welche die Kommunisten von ihrem Beginn an durch immer neue, wenn es sein musste, auch künstlich herbeigeschaffenen Defizite organisierten, um einzelne Menschen an diese Massenschlangen wie an lange Stricke zu hängen und sie wie Hampelmänner zu manipulieren.

Wenn ein Mensch sich in eine Warteschlange anstellt oder darein gestellt wird, verfügt er nur über eine Freiheit und braucht nur eine Fähigkeit, diese Schlange bis zu ihrem oder bis zu seinem eigenen Ende - je nachdem, was früher kommt - durchzustehen.

So einen "Sowock-Schlangensteher" konnte man gleich an seinem Gesicht erkennen. Dieses Gesicht war für immer in seinem Ausdruck verhärtet, der jedem seiner Nächsten deutlich machte:

- Ich durchschaue dich - versuche gar nicht, Dich vorzudrängeln und mir mein Stück Wurst wegzunehmen.

Für dieses Stück Wurst - eine Mirage am Ende der Warteschlange - würde er sogar gegen seine Mitsteher - die gleichen kommunistischen Menschenbrüder -, geschweige denn gegen Seitenstörer aller Art, mit Zähnen und Krallen kämpfen.

Es gab Warteschlangen für Wohnungen, für Autos, für Plätze in Kindergärten oder in Pionierlagern, für einen der durch die mit der Partei zusammenfunktionierende und von ihr abhängige Gewerkschaft verteilten Kurplätze oder für eine Reise in ein erlaubtes Irgendwohin und sogar für den Eintritt in die kommunistische Partei. Nur für die Arbeitslager und Gefängnisse gab es keine Warteschlangen, obwohl auch sie schon längst überfüllt und defizitär waren.

Einige Warteschlangen waren ein paar Jahrzehnte, die anderen ein paar Jahre oder auch ein paar Kilometer lang, wie die für Wodka nach der Prohibitionseinführung. Das ganze Volk - ausgeschlossen nur die führenden Parteifunktionäre und asoziale Penner - war drin und dran, und so ein Volk ist am leichtesten zu führen.

Man hätte sogar die in diesem "Irrenhaus" in siebzig Jahren stattgefundenen Geschehnisse aus dem Gesichtspunkt eines Schlangenstehers mit etwas irrer Logik besser verstehen können. Die Grundlagen dieser Logik wären zum Beispiel:

- Je mehr Millionen Mitbürger umgebracht werden würden, desto schneller wären die Übriggebliebenen in allen Warteschlangen durch, denn erstens - blieben dann weniger Mitsteher, zweitens - würde es mehr leere Wohnungen und sonstigen Besitz von Umgebrachten und Verurteilten zum Verteilen bringen.

Das Volk war nicht irrekrank, als es seine eigene Ermordung oder die Vernichtung von anderen Völkern oder Volksgruppen in ihrem Lande - wie die, zum Beispiel, von deutschen Kolonisten - begeistert begrüßte. Das Volk wusste seine dadurch gewonnenen Vorteile ganz genau zu schätzen, und jeder aus diesem Volk glaubte dabei naiv daran, dass es nicht ihn selbst, sondern immer nur seinen Nachbarn treffen würde.

Um diese Voraussetzung abzusichern und diesem naiven Glauben Realität zu verschaffen, denunzierten sowjetische Bürger - Kollegen und Nachbarn - einander auf Schritt und Tritt, ohne sogar mal vom NKWD[1] oder KGB dazu gezwungen oder darum gebeten worden zu sein. Die Menschen behielten dabei noch ihren Humor und scherzten über sich selbst:

- Wofür sitzst du? - fragt einer der Knastbrüder den anderen.

- Für meine Faulheit. - antwortet der andere.

- Wie das denn? - wundert sich der erste.

- Na ganz einfach. - erklärt ihm der andere gern - Eines Abends unterhielt ich mich beim Wodkatrinken mit meinem Nachbarn über dies und jenes. Als er ging, überlegte ich mir, ob ich ihn gleich oder lieber morgen anzeige. Aus purer Faulheit entschied ich, es morgen früh zu tun. Als ich aber aufwachte, waren sie schon da - der Nachbar war nicht so faul wie ich und hat es noch am selben Abend getan. Dafür sitze ich nun.

Die ganze seinerzeit von Stalins Genossen, Gefährten und Komissar für deutsche Angelegenheiten in Russland, kriegsgefangenen reichsdeutschen Sozialdemokraten Ernst Reuter gegen Willen von Wolgadeutschen und gegen ihre Anstrebungen nach Unabhängigkeit durch die Gründung einer deutschen Föderation an der Wolga im Jahre 1918 proklamierte und im Jahre 1924 von Stalin geschaffene "Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" wurde vom denselben im Jahre 1941 abgeschafft und - wie auch alle anderen deutschen Kolonien ohne solchen Autonomiestatus - durch die Verbannung hinter den Ural und durch das darauffolgende Genozid entvölkert und mit ganzem Hab und Gut: mit Häusern, Viechern und Haushalten den sowjetischen Schlangenstehern zum Verteilen freigegeben.

Es soll dann auch niemanden wundern, wenn die ihr schweres sowjetisches Los gezogenen Schlangensteher auch heute noch nach ihren Schrotflinten greifen und mit zweitem Stalingrad drohen, wenn einige der heutigen Politiker aus Deutschland und Russland vor ihnen mit der Idee kommen, wenigstens das inzwischen verseuchte und zu nichts mehr tauglich gewordene und sowieso niemandem gehörende Land an dieselben noch am Leben gebliebenen Deutschen-Kolonisten zurückzugeben.

Man kann - angesichts der siebzig Jahre lang herrschenden privatbesitzlosen Verhältnisse - sogar sagen, dass dieses "Sowockvolk" - das Volk von Stalins Pionieren - pragmatisch war und bleibt. Genauso übrigens, wie es jedes - nicht unbedingt privatbesitzlose - Volk einschließlich des in der Hitlerjugend erzogenen deutschen Volkes - schon immer war.

Andererseits, wenn jemand kommt und aus Mitleid die Warteschlangen zu reorganisieren oder gar abzuschaffen versucht - wird er von so einem Volk niedergetrampelt, weil er eine Gefahr für den persönlichen, jahrelang gestandenen Platz in diesen Warteschlangen darstellt.

Ein Regime, das solche Menschen "klont" und dafür die Hungersnöte, Wohnungsmängel und ein allgemein totales Defizit extra herbeischafft - denn es ist unvorstellbar, dass ein tüchtiges Volk trotz seiner erschöpfenden Arbeit in all diesen Jahren nichts für seinen eigenen Bedarf produzieren würde, sich selbst nicht ernähren könnte und trotz eines für kein anderes Volk vorhandenen Reichtums an Boden und Bodenschätzen nicht reich geworden wäre - ist nicht besser als das Nazi-Regime.

Die für diese Verbrechen verantwortliche kommunistische Partei müsste eigentlich für ewig verdammt, verbannt und verboten werden, wie es mit der Nazi-Partei geschah. Aber wer sollte das schon richten? Der Kommunismus wurde ja nie von außen besiegt, um dann von den Siegern gerichtet und verurteilt zu werden. Alle kommunistischen Regimes leben sich von innen aus und verwandeln sich gemütlich - samt ihrer Parteifunktionäre ohne ihrer jeglichen Umschulung und samt ihres ganzen bei dem eigenen Volk geraubten Geldes und Staatbesitzes - in etwas Postkommunistisch-Frühkapitalistisch-Pseudodemokratisches.

Gerade diese Sklavenvolksgruppe, zu der eigentlich die Mehrheit der kommunistischen Gesellschaft gehörte - mit Ausnahme einer asozialen Minderheit aus manchen Pennern, Alkoholikern und Ex-Intellektuellen, welche aus dieser Gesellschaft ausfielen und somit ihren Platz in den Warteschlangen verloren - stand geschlossen gegen die vom Perestrojkaanführer so indifferent definierten Reformen. Diese Mehrheit wurde zu der Waffe im Kampf gegen die Perestrojka, die von allen anderen - auch von regionalen Parteifunktionären vor Ort - so einfallsreich und erfolgreich eingesetzt wurde.

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[1] Narodnij Komissariat Wnutrennich Del (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) - der Vorgänger des KGBs in Stalins Zeiten

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