Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik
Über Sibirien und Sibirier

Sibirien und Sibirier
oder über die Methoden der Wirtschaftsbelebung und das hurenlose Gesicht des Kommunismus


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Die Sibirier stellen eine bunte Mischung aus Ur-Ureinwohnern, Ureinwohnern, Einwohnern und Neueinwohnern dar. Die drei letzteren Einwohnerarten bestehen aus den in fast vier Jahrhunderten dazu gekommenen Vagabunden, Draufgängern, Verurteilten, Verbannten und Deportierten aller Art.

Die Ur-Ureinwohner aus sibirischen den Indianern sehr ähnlichen Volksstämmen - eingeborenen Jäger und Fischer - degradierten in ihrer Masse noch seit der Eroberung Sibirien von Zarenkosaken und seit dem darauf folgenden Handel "Fell gegen Glasperlen und Wodka" zu harmlosen Trinkern und Pennern.

Zu Ureinwohnern gehören dann die noch von den Kosaken und von den ihnen nachziehenden, freiheitssuchenden Bauern stammenden Russen. Zum Teil gehören dazu verschiedene europäische Nationen wie Polen und manche anderen - Nachkömmlinge von diversen Rebellierenden, die vom Zaren nach Sibirien zu der Zeit verbannt wurden, als der russische Zar nach Napoleons Niederlage zum "Gendarmen Europas" wurde. Zu einem anderen Teil sind das auch die Nachkömmlinge von russischen politischen oder religiösen Abtrünnigen sowie Kriminellen, denen der Zar Sibirien ebenfalls zum Knast bestimmte.

Mit Einwohnern wurde Sibirien zur sowjetischen Zeit natürlich am meisten beschert - angefangen von Lenin, am erfolgsreichsten von Stalin und immer noch von heutigen Führern, obwohl die von den Letzteren dann schon zu den Neueinwohnern zählen. Die Rede ist dabei nicht vom inzwischen allen bekannten "Archipel Gulag" - der eine vierte Dimension in sibirischem "Pelagos" bildet und in Einwohnerstatistiken nicht präsent ist -, sondern von Einwohnern Sibirien, die nicht hinter dem Stacheldraht, sondern in der sibirischen Endlosigkeit eingesperrt worden waren und mit der Zeit ihre Wurzel hier in der Tundra, in der Taiga, in Sümpfen und Bergen geschlagen haben.

Zu diesen Einwohnern gehörte seit der Kriegszeit vor allem eine Menge Deutschen, Litauer, Letten und Esten, die trotz aller Schikanen und trotz des in ihnen tief sitzenden Misstrauens und der Wut zu harmlosesten zählten und in mehreren Betrieben ihr wirtschaftliches Rückgrat bildeten. Sie bildeten aber auch zusammen mit Ureinwohnern den Grundstock von Sibiriern als einer spezifischen Volksgruppe.

All diese Sibirier, deren Dichte kaum einen Menschen pro Quadratkilometer erreicht, charakterisiert eine besondere Natürlichkeit, Schlichtheit und Hilfsbereitschaft. Diese seltenen Eigenschaften sind auf die einfachen, aber sehr rauen und harten Lebensbedingungen zurückzuführen. Unter diesen Bedingungen würden Menschen ohne ihren Zusammenhalt und ihre gegenseitige Hilfe einfach nicht überleben.

Dieser Zusammenhaltbedarf entwickelte wahrscheinlich die besagten Eigenschaften, denen jedoch eine Art von inneren Bereinigung vorausgeht. In Sibirien muss man nicht um Hilfe bitten - die Hilfe wird angeboten. Wenn ein Wanderer auf einer Straße zwischen Dörfern von einem Fahrzeug überholt wird, hielt der Fahrer an und bietet ihm an einzusteigen. Es ist dabei unwichtig, ob es draußen minus vierzig oder plus vierzig Grad und ob das Fahrzeug ein Pferdewagen oder ein tonnenschwerer Laster ist.

Die Reinheit von Sibiriern war in Breschnews Zeiten durch eine massenhafte Verbannung von "asozialen Elementen" aus denselben mit Fleisch wegen ausländischen Touristen besonders gut verpflegten kommunistischen Hauptstädten nach Sibirien verpestet, die nun zu Neueinwohner gehören. Zu den "Asozialen" wurden von der Partei Huren, Obdachlose, Arbeitslose, Alkoholiker und ähnliches mehr erklärt - all diejenigen, die im Kommunismus gar nicht existieren durften und deswegen aus kommunistischen Hauptstädten und damit aus dem ausländischen Auge entfernt wurden.

Außer diesem politischen Hintergrund gab es dafür auch einen altsibirischen wirtschaftlichen Grund. Diese "Elemente" sollten die in sibirischen Landwirtschaftsbetrieben ewig fehlenden Arbeitskräfte ersetzten. Die Ideologen dieser schlauen Politik verrechneten sich dabei aber gewaltig.

Die Huren aus den Hauptstädten - die nie im Leben eine Kuh gesehen hatten und vielleicht wie Valerijs Gattin dachten, dass Fleisch und Milch aus Moskauer Hinterhöfen kommt - sollten nun als Melkerinnen arbeiten. Wenn sie aber am Monatsende ihren Lohn erhielten, vergaßen sie die armen Kühe und feierten ihre liederlichen Bacchanale tagelang, bis ihr Geld weg war. Die Kühe standen ungemolken und ungefüttert, sehnten sich nach ihren Betreuerinnen und träumten davon, dass ihnen das Geld endlich ausgegangen sei. Dementsprechend und naturgemäß waren dann - wenn das Geld der Melkerinnen auch noch so rasch ausging - auch die Milcherträge der Kühe miserabel.

Diese lustigen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter brachten dünne und ohnehin kaum funktionierende Wirtschaft Sibirien zum endgültigen Untergang. Aber das juckte die Ideologen wenig - diese Betriebe wurden sowieso vom Staat subventioniert, Wirtschaftsberichte wurden sowieso beschönigt und hatten mit realen Kuhproblemen und ihren Milcherträgen schon längst wenig zu tun. Dafür waren die Hauptstädte gesäubert und das "hurenfreie" Gesicht des Kommunismus bewahrt.

Zu diesen Neueinwohnern kamen auch die sowjetischen, aus dem Knast auf die Bewährung und unter die Milizaufsicht entlassenen Kriminellen, "Chemiker" genannt. Zu einem wirtschaftlichen Effekt kam es doch durch diese Huren, Obdachlosen und Kriminellen - das Geschäft mit dicken Vorhängeschloßen aller Art blühte. Jahrhunderte standen Türen in Sibirien offen. Wenn niemand zu Hause war, wurde an die Tür höchstens ein Stock als Zeichen der Abwesenheit angelehnt. Nun war es damit vorbei - die Türen und Fenster von Häusern mussten gegen diese herum streunenden Neusibirier abgesperrt, abgeriegelt und am besten zugenagelt werden.

Oben drein wurde Sibirien von Saisonarbeitern aller Sorten - von an- und abfliegenden Bohrbrigaden auf den neulich entdeckten Erdölfeldern, professionellen Kalymbrigaden, Goldgräbern und anderen Abenteurern und Vagabunden - überschwemmt. Sie hatten ihr tolles Nordgeld und keine Chance, es anders als für Wodka auszugeben. Die manchmal blutigen Auseinandersetzungen dienten Männern dieser Subgesellschaft ihrer Entspannung und Lust.

Diese explosive Atmosphäre herrschte eben in den Regionen, wo der Vater mit seiner Brigade jedes Jahr nach seiner Freiheit suchte und seine Selbstständigkeit ausübte. Der Vater sah schon manche Male die Mündung sibirischer Jagdschrotflinten oder ein Messer vor der Nase. Er - mit seiner ähnlichen sibirischen Lebenserfahrung - lies sich aber wenig dadurch beeindrucken.

Er wusste, in welche soziale Umgebung er fuhr, genauso wie er wusste - nach dem er sich in seinem Leben bereits in vielen Sozialschichten und quer durch sie verkehrt hatte, dass es in jeder von ihnen eigene gewöhnliche Vernichtungswaffen gegen den Nächsten gibt. Willst du keine dir ungewöhnlichen Gefahren erleben, bleib am besten immer in deiner Umgebung und bewege dich nicht quer durch die sozial-gesellschaftlichen Schichten, wo du nie gelernt hast, zu recht zu kommen, und dich deswegen unsicher fühlst.

In der wissenschaftlichen oder einer anderen der "höheren" Schichten siehst du nie ein Messer vor der Nase. Aber warum soll ein Messer und auch noch vor der Nase, wo dir noch eine Chance gegeben wird, sich zu wehren, schlechter oder brutaler sein, als jede andere mehr raffinierte und in der Regel in den Rücken gesteckte Waffe wie Erpressung oder Mobing? Und warum soll der Tod durch ein Messer oder durch einen Schrottflintenschuss schrecklicher und qualvoller sein, als der Tod an einem Herzinfarkt oder Hirnschlag?

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