Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Die Romanphilosophie
oder über die Nationalfragen im Verhältnis
einen einzelnen Menschen mit der von einzelnen Menschen
betriebenen Weltpolitik


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



... Es passierte infolge des russischen - zuerst im Zarenreich panslawischen, dann im Sowjetischen Stalinreich revolutionär-leninistisch-jüdisch-weltkommunistischen - Chauvinismus im Zusammenspiel mit dem deutschen - zuerst im preußischen Kaiserreich pangermanischen, dann im Dritten Hitlerreich national-sozialistisch-rassistisch-faschistischen - Chauvinismus. Oder so.

Jedenfalls führte das teuflische Zusammenspiel letztendlich und unausweichlich zum Ersten deutsch-russischen Krieg zwischen dem Kaiserreich und dem Zarenreich und dann später zum Zweiten deutsch-russischen Krieg zwischen dem Deutsch- und dem Sowjetland, beziehungsweise - wie manche behaupten [1] - zwischen dem Sowjet- und dem Deutschland.

Der Erste Krieg führte zum noch seitens des Zaren vorbereiteten und dann seitens der Bolschewiken und Kommunisten vollzogenen Ende der Existenz von reichen und starken deutschen Kolonien in Russland und der Zweite dann zum seitens des kommunistischen Sowjetregimes entfesselten Beginn der Vernichtung von verarmten und harmlosen Resten der deutschen Kolonisten ausschließlich wegen ihrer Nationalität, die diese Volksgruppe verdächtigt machte, auf irgendwelche Weise zum feindlichen, schon wieder gegen Russland kriegführenden Deutschland zu gehören...

* * *


... Den Anfang vom Ende der fast hundertf?nfzigjährigen erfolgreichen Kolonistengeschichte von Deutschen in Russland machte der Erste Weltkrieg. Für alle in der Welt war er nur einer der nächsten unzähligen Kriege. Für die deutschen Kolonisten war es ein Bruderkrieg. Der Krieg des Gewissens, trotz ihres eindeutigen Bekennens zu ihrer neuen Heimat und ihrem neuen Land.

Trotz ihrer Loyalität - trotz dem, dass bis zu zwanzig Prozent des russischen Generalstabs und über eine Drittelmillion Soldaten und Offiziere des russischen Heeres deutschstämmig waren; trotz dem, dass das Geschick dieser befehlshaberischen Generäle und die Tapferkeit dieser Soldaten und Offiziere durch glänzende Siege und durch viele höchste militärische Auszeichnungen gekrönt und anerkannt wurden, war die öffentliche allgemein antideutsche Meinung im Lande im Laufe des Krieges immer mehr speziell gegen deutsche Kolonisten gerichtet und wurde immer geheizter.

Deutsche Kolonisten wurden zum Sündenbock für die realen und offensichtlichen Missstände in der russischen Armee und im russischen Reiche gemacht - für die daraus resultierende Kriegsführungsunfähigkeit der Zarenregierung und für die immer häufiger vorkommenden Niederlagen an der Front. Sie wurden der Untreue und des Verrats bezichtigt Den Kolonisten ging es schließlich nicht um die Liebe des russischen Volkes oder um die öffentliche Anerkennung. Es ging allmählich und immer mehr um ihre eigene Existenz.

Die Vertreter dieser öffentlichen Meinung - russische Nationalisten, die noch vor dem Krieg diese Meinung gegen übermäßigen Landbesitz von deutschen Kolonisten hetzten - gewannen im Krieg die Oberhand und die Zustimmung des Zaren. Bereits im Jahre 1915 wurde in der Kriegsgesetzgebung über die Zwangsevakuierung der deutschen Kolonisten aus der hundertfünfzig Kilometer breiten Westgrenzenzone verfügt. Die deutschen Landgutsbesitzer durften noch ihr Land innerhalb einer kurzen Frist verkaufen. Nach dem Ablauf dieser Frist wurde das Land zwangsversteigert.

Diese Verfügung betraf auch die Schwarzmeerkolonien, denn die Türkei gehörte auch zu den feindlichen, auf der Seite von Deutschland kriegführenden Staaten. Somit galt die Schwarzmeerküste als das Grenzgebiet. Die Breite dieses Gebietes wurde aber etwas großzügiger nur auf einhundert Kilometer bestimmt, so dass die Prischiber Kolonie direkt nicht betroffen war. Als die Niederlage Russlands im Krieg allmählich zu einer realen Gefahr wurde, sollten jedoch alle deutschen Kolonisten einen vernichtenden Vergeltungsschlag erleiden.

Anfangs 1917 erklärte die russische Regierung die totale und entschädigungsfreie Enteignung von Grund und Boden der deutschen Kolonisten im gesamten russischen Reich. - Ein purer Verzweifelungsracheakt an der Grenze des Selbstmordes, denn die deutschen Kolonisten lieferten den kämpfenden russischen Truppen nicht nur die landwirtschaftliche Verpflegung, sondern sogar das Milit?rgerät, das sie in mehreren umgestellten Landwirtschaftsmaschinenfabriken herstellten.

Zum Glück im totalen Unglück blieb der Zarenregierung keine Zeit mehr zur Vollstreckung dieses Todesurteils für die deutschen Kolonisten. Der Zerfall des russischen Reiches vollendete sich 1917 durch die Februarrevolution, das Abdanken der rachsüchtigen halbdeutschen Majestät und die Bildung der Provisorischen Regierung. Russland wurde auf einmal demokratisch - so eine Art russischer "Weimarer Republik".

Unter den ersten Schritten der neuen Regierung war die Aufhebung der antideutschen Kriegsgesetze, aber - fatalerweise für diese Regierung - nicht des Krieges selbst. Eine Verschnaufpause für die deutschen Kolonisten und ein Hoffnungsschimmer trotz des weitergeführten Krieges.

Diese demokratische Pause zwischen zweien Diktaturen war in Russland durch den Krieg und durch die Kriegsermüdung verkürzt und viel kürzer als die der Weimarer Republik in Deutschland gegönnte Zeit - nur sieben Monate zwischen Februar und Oktober 1917.

Nach dem Oktoberputsch kam der alles vorherige übertreffende bolschewistische Terror, vor dem der Fallbeil der Französischen Revolution verblasst und fast harmlos erscheinen mag. - Der sogar den in sechszehn Jahren danach das Deutschland und alle Deutschen degradierende Greuel der Nazis als seine mit der deutschen Gründlichkeit und Pedanterie durchgeführte Fortsetzung und seine methodisch perfektionierte Weiterentwicklung betrachten lässt...

* * *


... Was zu erwarten war - geschah auch. Gleich nach der mit Hilfe und Mitwirkung des Deutschen Reiches erputschten Machtübernahme von Bolschewiken im Oktober 1917 erfasste der große Führer des Proletariats seine drei Dekrete.

Im ersten - über die Macht - ernannte Lenin den "Rat der Volkskommissare" zur einzigen und alleinigen Regierungsmacht im Lande und sich selbst zum einzigen und alleinigen "Führer" dieses Rates und somit des Landes.

Im zweiten - über den Frieden - erklärte er die Bereitschaft des nun von ihm geführten, bolschewistischen Russlands zu einem zuerst dem deutschen Generalstab als Abzahlung für die Hilfe beim Machtergreifen und erst dann den russischen Soldaten und Matrosen versprochenen sofortigen Frieden. Dieser Frieden wurde im März 1918 im Brest-Litowsker Friedensabkommen zwischen dem bolschewistischen Russland und dem Deutschen Kaiserreich geschlossen.

Das dritte - über den Boden - verfügte über totale, entschädigungsfreie Enteignung von Grund und Boden aller Grundbesitzer und bereitete damit den deutschen Kolonisten ihr endgültiges, noch vom Zaren geplantes Ende.

Die Schwarzmeerkolonien blieben zunächst auch diesmal davon verschont. Die Ukraine machte im November 1917 von Lenins Deklaration über freie nationale Selbstbestimmung Gebrauch: Sie erklärte sich im Januar 1918 zu der selbständigen Ukrainischen Volksrepublik und beanspruchte ihre Unabhängigkeit von Russland.

Diese Unabhängigkeitserklärung der ukrainischen nationalistischen Regierung von Hetman Petljura führte zu sofortigen militärischen Auseinandersetzungen mit dem dadurch wirtschaftlich unfähig gemachten und zornig gewordenen Russland und zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen im Lande. Der neue Staat und seine nationalistische Armee sowie die eingedrungene Rote Armee brauchten Brot der deutschen Kolonisten....

Um sich aus der Affäre zu ziehen, schließ die neue souveräne Ukraine kurzerhand im Februar 1918 - noch vor Russland und ebenfalls in Brest-Litowsk - ihr eigenes Friedensabkommen mit dem Deutschen Reich. Nach diesem Abkommen kamen bald deutsche Soldaten aus Deutschland sogar selbst zu den deutschen Bauern nach Südrussland, die zu ihnen nach Deutschland nicht wollten. Sie kamen als Schutztruppen für die deutschen Kolonisten. Die Deutschen in Kolonien empfingen sie mit brüderlicher Liebe und nannten sie "Deutschländer", um sich von Reichsdeutschen zu unterscheiden. Die Deutschländer - wie auch das Zweite Deutsche Reich selbst - brauchten das Brot der deutschen Kolonisten...

Die deutschen Kolonisten bedankten sich bei der deutschen Militärmacht für diesen Schutz mit einer Kriegsleihe von sechzig Millionen Goldmark [2]. Sie brachte dann, vor dem nächsten - Zweiten - Weltkrieg dem nächsten - Dritten - Deutschen Reich wiederum ein daraus aufgewertetes Guthaben von weit über eine Milliarde Reichsmark. - Ein Reichtum in den Zeiten, als die deutschen Kolonien in Russland längst nicht mehr existierten und die deutschen Kolonisten selbst in Kolchosen degradierten und verhungerten oder in bolschewistischen Zwangsarbeitslagern bereits ihrer totalen Vernichtung ausgesetzt waren.

Aber auch damals dauerte der von ihnen großzügig bedankte Schutz der deutschen Kolonisten nicht zu lange. Schon im November 1918, als der Bumerang - der von deutschen Geheimdiensten in St. Petersburg, nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges auf Russisch Petrograd genannt, angestiftete Putsch - in einem knappen Jahr in Berlin zurückschlug und das Zweite Deutsche Kaiserreich nun selbst traf und zugrunde richtete, zogen die kaiserlichen Schutztruppen und mit ihnen auch mehrere Kolonisten nach Deutschland ab.

Über das neue souveräne Land Ukraine tobte nun endgültig ein grausamer Bürgerkrieg. Es gab die Rote Garde aus hungrigen Matrosen und Arbeitern aus dem Norden, die Weiße Garde aus den Resten der alten russischen Zarenarmee - vor allem das Offizierkorps von Kadetten bis zu Generälen - sowie aus Freiwilligen, wie die von und aus deutschen Kolonisten formierten Selbstschutztruppen oder die Kosakenformationen und die anderen, die einiges besaßen und etwas gegen unfaire Tauschangebote von Bolschewiken hatten. Es gab immer noch die gelb-blaue ukrainisch-nationalistische Armee und dazu noch unzählige farbige wie auch farblose Banden bis zu einer Armeegrüße, wie die "Grüne Armee" von Batjko Machno.

All diese Banden, Armeen und Garden mit Regenbogenfarben rollten verheerend über und durch die Ukraine hin und her, die im Süden überwiegend von deutschen Kolonisten besiedelt war. Sie alle brauchten Brot der deutschen Kolonisten, auch wenn es nicht jeder bezahlte...

* * *


... Die Roten hatten zu dieser Zeit noch genug erwachsene Männer hinzurichten, obwohl sie ihre Rachefeldzüge nach ihren Erfahrungen in erbitterten Kämpfen gegen die Selbstschutztruppen der deutschen Kolonisten nicht nur gegen Männer führten. Ganze Dörfer und Siedlungen von deutschen Kolonisten - samt aller Einwohner, samt ihrer Kinder, Frauen und der Alten - wurden im Frühling und Sommer 1919 von den Bolschewiken verbrannt...

... Dann kam die Ära Stalins, der den neuen Bauern ihren Grund und Boden wieder auf brutalste Weise wegnahm. Die ärmsten - die ihre Anteile gleich versoffen oder runtergewirtschaftet hatten, und damit ihre Unfähigkeit zu wirtschaften bewiesen - wurden in Kolchosen zusammengetrieben. Die anderen, die in dieser kürzesten Zeit ihr Land zum Blühen gebracht und vermehrt hatten - darunter auch eine Menge von vorher beraubten deutschen Kolonisten - wurden zu Kulaken und Feinden der Sowjetmacht erklärt, nach Sibirien in die Arbeitslager verbannt oder - wie bereits gewöhnlich - erschossen, während ihr Land, Hab und Gut auch in die Kolchosen an die Unfähigen ging.

Dahin ging der nächste große Teil der deutschen Kolonisten. Die Gebliebenen gingen wieder - diesmal zu Fuß und diesmal ins Nirgendwo.

"Marschieren oder krepieren" schien allmählich bei den Kolonisten wie bei den französischen Fremdenlegionären zu ihrem Motto zu werden.

Das Volk auf dem Weg - wie der Ewige Jude [3], nur ohne zu wissen, wofür es bestraft und selbst gekreuzigt wird.

Die Kollektivierung der Landwirtschaft - als eine Voraussetzung für die Industrialisierung des bolschewistischen Reiches, als die Vorbereitung der russisch-roten Expansion in den feindlich-kapitalistischen Westen - nahm somit ihren "erfolgreichen" und verheerenden Lauf...

* * *


... Die Frage war nicht gegen wen kämpfen, sondern wofür kämpfen. Dies wurde deutlich im Bürgerkrieg, der diese Frage stellte und klar beantwortete. Hier kämpften die Russen wie die Deutschen - all diejenigen, die etwas besaßen - gegen die Russen und all diejenigen, die nichts besaßen und das, was sie nicht besaßen, den anderen wegnehmen wollten.

Der Bürgerkrieg wurde nicht von den deutschen Kolonisten und russischen Kosaken verloren. Er wurde von professionellen russischen Offizieren der Weißen Garde verloren, die für ihre Privilegien, ihre Ehre und für die Russische Krone als professionelle Söldner so lustlos diesen Krieg führten. Sie verloren den Bürgerkrieg, weil sie mit ihren Privilegien, ihrer Ehre und ihrer Professionalität ihrem Land entwurzelt waren. Die Ehre und die Privilegien kann schließlich ein Söldner auch in jedem fremden Lande erkämpfen, wie es auch deutsche Söldner schon immer in der Geschichte bewiesen[4].

Als den deutschen Kolonisten nach der Revolution und nach dem Bürgerkrieg alles weggenommen worden war, war alles vorbei: Keiner von ihnen hätte aus überzeugung gegen ihre deutschen Brüder, gegen Deutschländer, in Zweitem Weltkrieg gekämpft, den der Georgier Stalin auf der russischen Seite so großmäulig zum Vaterlandskrieg erklärte. Nicht umsonst verfasste Stalin seinen berüchtigten, tödlichen Deportations- und Vertreibungserlass gegen alle deutschen Kolonisten. Er wusste genau, wie schwer und kompliziert er in all diesen Jahren diese Vaterlandsfrage für die deutschen Kolonisten gemacht hatte...

* * *


... Mit dem Ausbruch des Krieges kamen bei den noch am Leben gebliebenen deutschen Kolonisten neue Hoffnungen auf. Diesen machte Stalin aber mit seinem Erlass vom 28. August 1941 erneut einen Strich durch die Rechnung. Nach diesem Erlass wurden alle in Russland lebenden Deutschen pauschal und präventiv - nur aufgrund ihrer Nationalität - zu Verrätern ihrer "sowjetischen Heimat" und zu Spionen Deutschlands erklärt und zur Vernichtung verurteilt.

Dem Erlass zufolge wurden alle kompaktlebenden und noch nicht in die deutsche Besatzungszone geratenen Deutschen - angefangen von Einwohnern der somit aufgelösten Autonomen Deutschen Wolgarepublik -, nur das Nötigste eingepackt und mitgenommen, in Eisenbahnviehwagen vollgestopft und binnen vierundzwanzig Stunden hinter den Ural verbannt. Die meisten Männer im arbeitsfähigen Alter, wie auch viele ihrer Frauen, wurden dabei in die speziellen und bereits erwähnten Sonderzwangsarbeits-KZs namens "Trudarmee" zusammengetrieben. Ihre dadurch verwaist gebliebenen und noch nicht arbeitsfähigen Kinder wurden in Kinderheime zusammengefegt.

Die in den Städten und der Zerstreuung lebenden Deutschen hatten mehr Glück - es blieb angesichts der blitzschnell anrückenden deutschen Truppen kaum noch Zeit, sie zu jagen und aufzufangen...

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... Dann kam die Neue Ordnung des Dritten Deutschen Reiches, nach der jeder ein neues oder jeweils sein altes, von Bolschewiken expropriiertes Stück Land bekommen und bewirtschaften durfte.

Es war besser, vom eigenen alten Land nichts mehr zu wissen. Erstens hatten sie davon ein Stück bereits von Lenin zurückerhalten und es saß ihnen noch gut in Erinnerung, was daraus geworden war. Zweitens erlebten sie noch im Bürgerkrieg, wie vorübergehend alle in einem Krieg geschaffenen Staaten, Reiche und Ordnungen sind. Dabei war jeder auch damals bei jedem Ordnungswechsel zur Rechenschaft gezogen worden.

Ein Land ist überall ein Land und je weniger man in diesen stürmischen Zeiten an sein Land gebunden ist, desto leichter und schneller kann man es im Fall der Fälle aufgeben und sich retten.

Ihre Hoffnung war es auch, nicht die alte Ordnung in deutschen Kolonien durch die Neue Ordnung des Deutschen Reiches wiederherzustellen und erneut zu genießen, sondern den Fehler, der so viele Opfer zufolge hatte, zu korrigieren und endlich nach ihr Mutterland Deutschland zurückzukehren...

* * *


... Die Kriegsereignisse entwickelten sich immer schneller und immer dramatischer. Im Juni landeten die Westalliierten in der Normandie. Die preußischen adligen Offiziere vermasselten Ende Juli die nächste ihrer mehreren misslungenen Attentaten auf ihren unzerstörbaren Führer, obwohl manche von ihnen den Spruch "Was auch immer du tust, tue es richtig" auf ihrem Wappen haben sollten.

Irgendetwas fehlte ihnen immer: Mal fehlte den über Armeen verfügenden Generälen ein funktionierender Zünder - mal, wenn sich ein Zünder doch fand und sogar bereit war zu funktionieren, fehlte ihnen Zeit, die dann wiederum dem Führer fehlte, die durch den Zeitzünder vorgegebene Wartezeit abzuwarten und endlich zu fallen. Die praktisch ohne jegliche Zeitverzögerung explodierenden Handgranaten fehlten offensichtlich sowieso in Berlin, denn der von solchen Missständen verzweifelte Hauptverschwörer traute den Bombenzeitzündern nicht mehr, fand an der russischen Front eine Handgranate und jagte mit ihr doch erfolgreich - allerdings sich selbst - in die Luft.

Den Verschwörern vom zwanzigsten Juli fehlte es außerdem gravierend an Personal. Ein und derselbe musste die bei den Engländern angeschaffene und mit preußischer Sparsamkeit berechnete Bombe - ebenfalls mit einem Zeitzünder - dem Führer unter den Hintern in seiner "Wolfschanze" schieben und gleichzeitig die Verkehrungen zum Machtergreifen in Berlin treffen, was sogar den Adligen - rein physikalisch - immer verboten blieb.

Vor allem aber fehlte den preußisch-militärischen Adligen anscheinend die Entschlossenheit und Selbstlosigkeit von heutigen, ganz bürgerlich-zivilen muslimischen Selbstmordattentätern, die Bomben ohne den Zeitzünder verwenden, der das Leben des Sprengmeisters zu retten hat.

Jedenfalls schafften die Adligen es durch ihre Unfähigkeit nicht, den Krieg rechtzeitig zu beenden und den deutschen Kolonisten damit eine große Hilfe zu leisten.

Das abgemagerte und ausgeblutete deutsche Heer brauchte im Sommer 1944 dringend frisches Kanonenfleisch und Kriegsblut, das sogar nicht mehr so arisch sein durfte. Die Flüchtlingsfamilien aus deutschen Kolonien Russlands wurden schneller Hand eingebürgert, und ihre Männer durften somit sogar als "echte Arier" in den Krieg ziehen...

* * *


... Nachdem ihre Männer in den Krieg einberufen worden waren, blieben die Frauen, die Kinder und die Alten nun alleine im Flüchtlingslager in Polen und warteten auf ihr Los. Sie waren zwar immer noch auf dem Territorium des Dritten Deutschen Reiches, das sich aber tagtäglich zu seinem Untergang beschleunigte.

Die Amerikaner rückten im Westen auf den Vater zu, bekamen aber unerwartet die von ihnen sehr geschätzten und nach dem Krieg in ihre eigene Armee schnellst eingeführten Qualitäten der Waffen-SS in Ardennen zu spüren, was den deutschen Männern aus Russland etwas mehr Zeit für ihre Einsatzvorbereitung verschaffte.

Daraufhin verpflichteten sich die Russen im Osten, dem Hilferuf der Amerikaner entsprechend, ihre noch nicht ganz vorbereitete und dadurch Abertausende ihrer Soldatenleben gekostete Offensive in Polen frühzeitig zu starten und somit den Amerikanern aus der Patsche zu helfen sowie Ungewissheit der deutschen Kolonistenfamilien aus Russland zu beenden und ihr Schicksal zu besiegeln.

Bald war ihre Westodyssee für die von Deutschländern scheinbar vergessenen deutschen Flüchtlinge vorbei. Ohne einen Schritt machen zu müssen, gelangten sie aus dem Dritten Deutschen Reich nach neu entstandenes und zunächst unter sowjetischer Militärverwaltung stehendes Polen - für die deutschen Flüchtlinge aus Russland eine prekäre und verhängnisvolle Lage.

Die Polen mit ihrem übertriebenen Nationalstolz vergaßen und vergaben nie die mehrmalige Aufteilung ihres Landes zwischen Russen und Deutschen in den letzten knapp zweihundert Jahren. Sie brachten während dieses Krieges meuchlings und mit gleicher Genugtuung sowohl deutsche als auch russische Soldaten um, wenn einer der Soldaten das Pech hatte, irgendwo alleine unter ihnen aufzutauchen - jedes Volk hat seine aus der Geschichte entstandenen Bitterkeiten auf seine eigene Art und Weise zu pflegen.

Nun gab es auch ein Volk, das aus der europäischen Geschichte ausfiel, nämlich die nach Russland ausgewanderten Deutschen. Sie wurden vom russischen Militärdienst und von den Steuern für mehrere Jahre befreit und somit kaum in politische Attentaten sowohl Deutschlands als auch Russlands verwickelt. Sie hatten genug zu tun, um dort in schönen, aber wilden Steppen Südrusslands zu überleben und ihre Existenz und Kultur aufzubauen.

Dieses fein- und tiefhistorische Detail interessierte jedoch damals - wie auch heute noch - kein nationalistisches Schwein sowohl in Russland als auch in Deutschland und in Polen, sowie sonst irgendwo auf der Welt. Besonders dann nicht, wenn es sich um irgendwelche Rachefeldzüge oder Entschädigungsforderungen handelte.

Rein technisch oder arithmetisch gesehen waren die aus Frauen, Kindern und Alten - also aus schwächsten Vertretern - bestehenden Familien der Deutschen aus Russland, die jetzt den Hitler-Stalin- bzw. Molotow-Ribbentrop-Pakt[5] verantworten mussten, eine doppelte und dabei leicht zu kriegende Beute für die Polen. Einen Deutschen aus Russland zu erledigen, kam dem Erschlagen eines Russen und eines Deutschen gleich: Zwei Fliegen mit einer Klappe eben zu schlagen.

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... Es gab auch seit langem schon keine Vernunft mehr in dieser gerade zusammenbrechenden Welt mit Millionen und Abermillionen von Toten, Verkrüppelten, Verwundeten, Verbannten, Vertriebenen und Flüchtigen.

Allein die Tatsache, dass diese entwurzelten, entkräfteten und vergessenen Frauen und Kinder - diese Staubkörnchen mittendrin in einem gewaltigen Sturm - noch am Leben blieben, ging über jede Vernunft hinaus.

Das ist ein Wunder des Menschenlebens: In Situationen, wo jede menschliche Intelligenz und jede nur von Menschen geschaffene und nur für Menschen geltende Vernunft versagen und keine Hilfe mehr bieten, greifen Menschen auf ihre tierischen Ursprünge zurück - auf die stärksten Naturinstinkte, wie den Selbsterhaltungstrieb oder den noch stärkeren Mutterinstinkt des Kinderbeschützens - und überleben oft nur dadurch auf dem so menschenunwürdigen, tierischen Niveau.

Auf so einem Niveau, dass sie danach selbst daran nicht glauben können, wie es überhaupt möglich war zu überleben, ohne mal daran zu denken, ob das Überleben in so einer Situation überhaupt noch einen Sinn ergäbe und vernünftig wäre...

* * *


... Als die Rote Armee ihre Familien in Polen überrollte und diese von Scylla zu Charybdis "rettete", war der Krieg für die Männer noch lange nicht vorbei - für sie begann er jetzt erst richtig.

Für die Männer, die diesen Krieg auf keiner Seite entfesselten, keine ruhmreichen Siege erlebten und keine Sünden und Verbrechen begangen, kam die Zeit, für ihre all dies entfesselten, erlebten und begangenen Landsleute im Dritten Deutschen Reich zu büßen, die Folgen dieses Krieges auszulöffeln und die vernichtende, dem Untergang der ganzen Nation und ihres deutschen Landes gleichkommende Niederlage zunächst aufzuhalten zu versuchen und dann mitzuerleiden.

Viel Auswahl hatten sie dabei auch nicht - entweder in Kämpfen zu fallen oder nach der Niederlage von Stalin als Verräter zur Rechenschaft gezogen zu werden. Umso mehr, da sie in seinem Erlass vom 28. August 1941 als "sowjetische Bürger der deutschen Nationalität" schon im voraus zu Spionen und Verrätern abgestempelt und zur Verbannung verurteilt worden waren...

... Aus den Männern der dreihundertfünfzigtausend am Anfang des Krieges in die deutsche Besatzungszone geratenen Volksdeutschen Russlands wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 neue Truppeneinheiten der Wehrmacht und auch einige Waffen-SS-Divisionen formiert. Die Meisten von ihnen mussten jetzt in einem abgekürzten Schnellkurs die Kunst des Krieges üben und hatten damit noch Glück gehabt, denn manche anderen waren gleich dran - zum Beispiel gegen Amerikaner in Italien eingesetzt -, ohne mal schießen zu lernen [6]...

... Bald war es aber mit dem Exerzieren sowieso vorbei - die Amerikaner drangen in Bayern ein und für die Kameraden war die Zeit gekommen, fürs Heimatland desselben sie exerzierenden und demütigenden fetten bayrischen Schweins zu kämpfen und zu sterben.

Angefangen im Süden, gegen Amerikaner eingesetzt, kämpfte ihre Waffen-SS-Einheit unter vielen anderen restlichen Wehrmachteinheiten in einem immer schmaler und schmaler werdenden Korridor zwischen zwei vom Osten und vom Westen zusammenrückenden Fronten - in der Mäusefalle, die vom Tausendjährigen Dritten Deutschen Reich zu der Zeit - nach zwölf Jahren seiner Existenz - noch übrig blieb.

Einige ihrer Einsatzorte waren: Steinkirche (ca. 50 km nordöstlich von München), Landau (ca. 100 km nordöstlich von München), Lichtenau und Waldeck (dicht nebeneinander zwischen Erfurt und Gera), Ortmannsdorf (neben Zwikau), Brettin (zwischen Magdeburg und Potsdam) , Löwenberg (50 km nördlich von Berlin) und Goldberg (50 km östlich von Schwerin). Also, immer weiter nach Norden verdrängt, mussten sie nun gegen Russen kämpfen, angefangen bei Brettin, wo sich der russische Belagerungsring um Berlin herum schloss.

Auch hier konnten sie nichts am Verlauf der Weltgeschichte ändern und gingen von Schlacht zu Schlacht immer weiter nach Norden. Einer der letzten Befehle des immer tollwütiger werdenden Führers betraf auch sie. Dem Befehl nach mussten sich alle Überreste der Wehrmacht und der Waffen-SS unter das Kommando von General Wenck im Norden zusammenziehen und in Richtung Berlin aufbrechen, um die Hauptstadt und die Reichsregierung aus der russischen Belagerung zu befreien.

Auf diesem Wege trafen sie den Mai 1945. Der unterirdische Befehlshaber und der von seinem "ihn enttäuschten" Volk "verratene" Irreführer nahm endlich Abschied sowohl von diesem "ihm unwürdigen" Volk, das er total ausrottet, in verdammten Verruf gebracht, der Rache und den Abrechnungen der anderen Völker für ewige Zeiten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert hatte, als auch von diesem deutschen Land, das er in die Hölle irregeführt und in einen Scherbenhaufen und in eine vollkommene Ruine verwandelt hatte. Etwas zu spät kam leider dieser Abgang für das deutsche Volk und für das deutsche Land.

Jetzt galt es nicht nur für die Deutschen aus Russland, die es ohnehin lebenslang übten und taten, sondern auch für jeden Einheimischen, sich selbst um das eigene Leben, um das eigene Schicksal und um alle anderen menschlichen Angelegenheiten zu kümmern, was nämlich zu den normalsten Menschenpflichten und primitivsten Lebensfreiheiten eines jeden Menschen gehört.

Zu den Pflichten gehört, die von "Deutschländern" vor zwölf Jahren - bei allem Verständnis für die die deutsche Nation erniedrigende Ungerechtigkeit Versailler Vertrages und der Arroganz der damaligen Alliierten, doch bestimmt aus Versehen - wahrscheinlich in ihrer naiven Hoffnung, die nächsten tausend Jahre endlich sorglos leben zu dürfen - an diesen Führer delegiert worden waren. An einen Mann, der nie ein Ehemann[7], nie ein Vater und - man kann sogar denken - nie ein Sohn gewesen war und sonst auch nichts Vernünftiges in seinem Leben selbst bewerkstelligt hatte, um den Kindern, Müttern und Vätern anderer ihre Sorgen abzunehmen...

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... Die Chance, am Kriegsende mit ihren für sie als sowjetische Bürger im Vergleich zu den übrigen SS-Angehörigen doppelt so gefährlichen Brandmalen[8] der Waffen-SS unter den Armen durchzukommen, war nahe zu Null. Sie hatten schon die schrecklichen Geschichten über die Jagd auf die SS-M?nner, und zwar bei allen Alliierten, gehört, bei der alle großwüchsigen Kriegsgefangenen, von ihrer Bekleidung unabhängig, sich ausziehen und ihre linken Arme hoch halten mussten.

Da sie sich doch nicht schuldig fühlten, mit dem von der SS begangenen Greuel etwas am Hut zu haben und nur notangeschafftes Kanonenfutter darstellten, sahen sie ihre einzige Rettung darin, im Westen wenigstens einen fairen Prozess zu bekommen, was bei den "heimatlichen" Russen undenkbar gewesen wäre.

Was sie alle aber damals noch nicht gehört hatten und nicht wissen konnten, war die Tatsache, dass der Weg nach Westen für mehrere wie sie trotzdem im Osten endete. Noch dazu, nach allem in den Rheingefangenenlagern[9] erlebten Schrecken. Die Amerikaner und Engländer lieferten die ex-sowjetischen Bürger den Russen aus, dessen voll bewusst, dass sie Stalins Rache ausgesetzt werden und dass die Auslieferung für die Betroffenen ihren absolut sicheren Tod bedeutete. Die Hälfte von hundertfünfzigtausend im Mai 1945 im Dritten Reich aufenthältlichen Deutschen aus Russland - meistens Männer im Militärdienst - wurde von westlichen Alliierten den Sowjets zur Repatriierung ausgeliefert.

Bevor man mit der Umschulung von "nazidegradierten" und "pervers gewordenen" Deutschen beginnen und ihnen dann Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit beibringen wollte, musste man eben etwas Dreck aufräumen, mit den Russen einen Deal machen und eigene Kriegsgefangene, die durch Sowjets aus deutschen Kriegsgefangenenlagern "befreit" worden waren und in die sowjetischen Lager gelangten, rausholen, auch wenn ihre die Gerechtigkeit bringenden Hände dabei schmutzig werden mögen.

Das wollten die ausgelieferten deutschen als auch russischen Sowjetbürger nicht verstehen und wollten sich damit nicht zufrieden geben. Auch die russischen Kosaken nicht, die von Engländern verräterisch entwaffnet und danach doch noch den Sowjets übergeben worden waren. Dabei hatten sie sich samt ihrer Familien eigenhändig und massenhaft umgebracht, bevor die Reste ihrer im Kriege auf der deutschen Seite kämpfenden Armee dann in Russland von der NKWD[10] massenhaft umgebracht wurden...

* * *


... All diejenigen, die politisch und historisch an diesem Krieg schuld waren, diesen Krieg provozierten, ihn nicht verhinderten, ihn entfesselten und führten, rechneten jetzt mit den Soldaten ab, die sie aus ihren politischen Überlegungen und zur Gloria der Weltpolitik ins gegenseitige Abschlachten - wie immer den Dreck und das Blut jeder misslungenen Politik in Kriegen auszulöffeln - schickten. Diese Abrechnung kam dabei von allen Seiten.

Die vor kurzem noch allesamt "perversen", nun aber umgeschulten und in Westdeutschland demokratisierten Deutschen verrieten genauso - wie ihre Umschullehrer die Sowjetbürger verrieten - die armseligen noch am Leben gebliebenen Reste ihrer Elitesoldaten, indem sie diese - von ihrem Staat und Vaterland ausgelesenen, nazierzogenen, ausgenutzten, ausgerotteten und schon einmal ausgelieferten - Männer, im Unterschied zu den kleinwüchsigen und nicht weniger dreckigen Wehrmachtsangehörigen, so gut wie ausgebürgert hatten, für sie nicht sorgen und von ihnen als "Persona non grata"[11] nichts wissen wollten...

* * *


... In den nächsten Tagen, während dieser sie nun von russischen Soldaten - eher vor polnischen Übergriffen - bewacht worden waren, kam - ohne große Filtrierung, denn es wäre ja auch schwierig, den Kindern und Frauen etwas Verbrecherisches zuzuschreiben - die pauschale Repatriierungsentscheidung, allesamt nach Sibirien zu deportieren.

Sie marschierten zu dem Bahnhof und wurden in Viehwaggons vollgestopft - offensichtlich das Einzige in dieser Zeit den Verantwortlichen als angemessen erschienene Personenverkehrsmittel für die Verschiebung und Verschleppung von unermesslich und unpersönlich gewaltigen Menschenmassen.

Der Verschleppungsviehzug fuhr in Richtung Osten ab.

Ihr Leben und das ihrer Kinder waren zunächst gerettet und der Krieg als solcher - mit Amok laufenden Bomben und Panzern - war somit für sie vorbei. Der mehrmonatige unbeschreibliche Leidensweg führte nach Sibirien zu ihren seit Beginn des Krieges dorthin deportierten Landsleuten von überall aus deutschen Ex-Kolonien. So gehörten sie zu zweihunderttausend Deutschen aus Russland - vor allem Frauen, Kinder und Alten ohne ihre zum deutschen Militärdienst einberufenen Männer -, die auf ihren Fluchtwegen von der Roten Armee überrollt worden waren und dasselbe Schicksal erlitten.

Sie fuhren lange und beschwerlich, mit vielen langen Zwischenstopps, mit Hunger, Kälte, Krankheiten und vielen - bis zu dreißig Prozent von zweihunderttausend Verschleppten - unterwegs Gestorbenen. Der Krieg im Westen ging zu Ende und der Sieg über Deutschland wurde unter den Alliierten mit der Abmachung besiegelt, den letzten aus der Dreierachse - Japan - nun gemeinsam auf die Knie zu zwingen.

Für die Russen bedeutete es, ein Logistikwunder zu vollbringen: Ihr ungeheueres Truppenaufgebot von der sich erledigten Westfront über zehntausend Kilometer in den Osten hinüberzubringen. Alles durch "das Nadelohr" namens "Transsibirische Eisenbahnmagistrale", das zu dieser Zeit durch den irgendwo durch die Endlosigkeit dieser Magistrale kriechenden Viehzug mit den deutschen Müttern und mit den Kindern "verstopft" war.

Ihr Zug war weggefegt worden und hatte auf irgendwelchen Abstellgleisen so lange warten müssen, bis die Japaner durch diesen gewaltigen Verkehr von Truppen, Maschinen und neuerdings Atombomben - statt bereits als Siegesmethode veralteten Feuerstürmen in deutschen Städten nach ihrer Bombardierung von Engländern und Amerikanern - ebenfalls erdrückt wurden.

So fuhren sie nach dieser langen Abstellpause direkt in den sibirischen Winter hinein und kamen im voll verschneiten Nowosibirsk bei Frost unter minus dreißig Grad an. Hier wurden sie noch einmal aussortiert und getrennt. Einige wurden in der Stadt als Arbeitskraft für Industriewerke und Fabriken abgeladen, die anderen auf die umliegenden Dörfer verteilt.

So trennten sich nun die Wege von deutschen Flüchtlingen, die seit zwei Jahren auf diesem langen Bogen von Prischib über Polen nach Sibirien unterwegs waren...

* * *


... Das Leben fing wieder an oder ging einfach weiter. Sie hatten Glück gehabt, zu Überlebenden des Krieges und des mit ihm verbundenen Genozids zu gehören. Des Genozids, das eine Hälfte von Ihnen wegpustete. Nicht sechs Millionen und nicht zwanzig Millionen. Nicht einmal eine komplette Million. Nur noch die Hälfte dieses spezifischen deutschen Volkes. Deswegen vielleicht merkte dieses Genozid niemand in der Welt, in der noch nie ein Volk bis zur Hälfte ausgerottet worden war.

Vielleicht bleibt es aber auch wegen der sich im andauernden, unermesslichen Leiden entwickelten Zurückhaltung dieses deutschen Volkes ungemerkt.


Die tausendjährigen Reiche verschwinden blitzschnell und spurlos von der Erdfläche; die großen wie auch die kleinen Führer kommen und gehen, einander samt unzähliger Millionen Menschen als Beilage auffressend; die verheerenden Kriege enden und beginnen sofort wieder, heiß oder kalt serviert, und alles vergeht; nur die Menschheit - dieser aus unzähligen Zellen bestehende, als eine im ganzen Universum einzelne und bestimmt vorübergehende kleine Fluktuation trotz aller Naturgesetze entstandene Schimmel auf der Erde - bleibt merkwürdigerweise, trotz all dieser kannibalischen Bacchanale, weiterbestehen und pflanzt sich dessen unbeachtet und unaufhaltsam fort.


Vielleicht gerade deswegen nimmt die Weltpolitik - was das auch immer bedeuten mag und wer sie auch immer betreibt - keine Rücksicht auf ein einzelnes Menschenleben ebenso wie auf mehrere Millionen davon.

Wie dem auch sei, sie überlebten Es. Sie waren die Überlebenden. Und dies brauchte keine Anerkennung. Und so - durch alle seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts passierenden und zu mehreren Weltkataklysmen führenden Ungereimtheiten - wurde ein Verbannungseckchen der Erde am Arsch der Welt, in Sibirien, bis zu ihrem Lebensende zu ihrem "Zuhause", wo sie noch mehrere Jahre unter der Kommandanturaufsicht als allerletzte Drecksverbrecher behandelt werden sollten...

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Die Schließbarkeit des Kreises

... Weil sich alles auf der Welt in endlosen Kreisen dreht.

Und nichts - außer menschlicher Aufrichtigkeit - so gerade ist.

Weil jede Gerade, die man sieht,

nur ein Kreis mit endlosem Radius ist.

Und alles, sogar was verloren zu sein schien,

kommt irgendwann wieder auf seine Kreise hin.

Und alles, was geschah, geschieht nun wieder.

Und wird wieder geschehen und kommt mit den anderen nieder.

Aber der Kreis schloss damit ab,

als ob es nichts dazwischen gab.

Zwischen Anfang und Ende war alles nichts.

Und nichts wird mehr wie früher sein, und es wird schon nichts werden...

* * *



[1] Suvorov, V. "Der Tag M!" (Klett-Cotta, 1995) und "Der Eisbrecher" (Klett-Cotta 2001)

[2] Ingeborg Fleischhauer "Die Deutschen im Zarenreich". Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart, 2. Auflage, 1991


[3] Der sagenhafte Jude, der zur Strafe für die Kreuzigung Christi ruhelos durch die Welt irren muss

[4] Franz Fabian. "Steuben. Ein Preuße in Amerika", Vision Verlag, Berlin, 1996

[5] Der am 23 August 1939 im Kreml geschlossene, deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, zu dem das geheime Zusatzprotokoll über Teilung Polen gehörte

[6] Ingeborg Fleischhauer "Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion". Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart, 1983 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte; Nr. 46)

[7] Hitler schloss nur unmittelbar vor seinem Ende formale Ehe mit Eva Braun

[8] Die Soldaten der Waffen-SS trugen eine Tätowierung mit ihrer Blutgruppe unter dem linken Arm, um die Hilfe bei Verletzungen schneller bekommen zu können

[9] Im Rheintal wurden einige Hektar Wiese mit Stacheldraht umgezäumt, dorthin wurden Tausende der deutschen Kriegsgefangenen zusammengetrieben und ohne Verpflegung sich selbst überlassen. In diesen Lagern kam es zum Kannibalismus - die hungernden Kriegsgefangenen verzerrten ihre am Hunger und an Krankheiten gestorbenen Kameraden

[10] Narodnij Komissariat Wnutrennich Del (rus) - Volkskommissariat für innere Angelegenheiten, der Vorgänger des KGB's (bis 1946), der zusammen mit seinem Nachfolger KGB in der UdSSR von 20 bis 50 Mio Opfer - Ermordeten, zu Tode Gefolterten, in KZs Umgekommenen - zu verschulden hat

[11] Person unerwünscht (lat.) - juristischer Ausdruck für Personen - wie ausländische Diplomaten -, die aus dem Lande ausgewiesen werden.


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