Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa
Wer verantwortet das Gute und das Böse

Wer verantwortet das Gute und das Böse
oder über die Engeljagd und den Moralkodex des Erbauers des Kommunismus


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Was seine offizielle Religion anging, so wuchs der Vater eher als Ungläubiger auf. Sein Vater, wie die meisten Deutschen aus Prischiber Kolonien, war in der evangelisch-lutherischen Kirche getauft worden. Im Laufe seines Lebens verblich aber sein Glaube, nachdem er seit seinem elften Lebensjahr immer nur auf sich selbst und seine eigene Überlebenskunst angewiesen war. Er verlor jedes Vertrauen und somit den Glauben an Gott und lachte nur gutmutig über jene widersprüchlichen Bibelgeschichten, wenn jemand ihm mit diesem Thema kam.

Die in der russisch-orthodoxen Kirche getaufte Mutter glaubte, wenn auch heimlich, an Gott, besonders nachdem ihre Gebete von Gott erhört worden waren und der Vater aus der Hölle des Krieges und der Gefangenschaft zur Familie zurückkehrte.

Sie brachte ihren Kindern sogar "Vaterunser" vor dem Schlaf bei und erzählte ihnen immer, dass die Schutzengel während des Essens unter ihren Kinderarmen in der Achselhöhle sitzen. Dies veranlasste den fest daran glaubten Kleinen, diese Engel zu jagen. Er warf plötzlich seinen Löffel auf den Tisch und griff unter seine Arme. Nur waren die Engel immer ein Stück schneller als er. Wahrscheinlich wussten sie einfach im voraus Bescheid über sein tückisches Vorhaben. Jedenfalls schaffte er es nie, sie zu schnappen, was seinem Glauben selbstverständlich wenig weiterhalf.

Offiziell war die Kirche in der UdSSR zwar nicht verboten, aber vom Staat getrennt und somit inoffiziell gemacht worden. Demzufolge wurden die meisten den staatlichen Schutz verlorenen Kirchen "inoffiziell" zerstört. Von den meisten gebliebenen wurden "inoffiziell" Kreuze und Glockentürme - als Symbole und Verkünder des Christentums - abgerissen und mit solchem "kastrierten" Antlitz wurden sie an wirtschaftliche Nöte angepasst, die allerdings wiederum offiziell waren. In einem kleinen Teil der mit Kreuzen und Glockentürmen verbliebenen und aus diesen Gründen als museums-architektonische Raritäten nicht gleich enteigneten Minderheit von Kirchen wurden "inoffiziell" sogar offizielle Gottesdienste erlaubt, aber auch diese befanden sich weniger unter Beobachtung Gottes als des NKWD-KGB's.

Die meisten ohne Kirchen gebliebenen Kirchengemeinden wurden "inoffiziell" auseinander getrieben, die Gläubigen und Geistlichen füllten "inoffiziell" bekanntlich Jahr für Jahr sowjetische Konzentrationslager und Gefängnisse, von denen manche allerdings - wahrheitshalber muss man es zugeben - in ehemaligen Klostern untergebracht worden waren. Sie wurden vernichtet, verfolgt, erpresst und überhaupt unerwünscht, denn der Glaube an Gott stand "inoffiziell" dem offiziellen Glauben an Kommunismus zur Konkurrenz.

Die Christliche Moral - welche die Seele des russischen orthodoxen Volkes fast ein Jahrtausend lang so erfolgreich prägte - wurde durch den "Moralkodex des Erbauers des Kommunismus" ersetzt. "Der Kodex" beinhaltete dabei zwar heuchlerisch dieselben - wenn auch etwas umformulierten - Zehn Gebote aus der Bibel. Nur wurde den diesen Geboten folgenden Menschen - statt des Paradieses im Himmel nach ihrem Tod - ein Paradies auf der Erde versprochen, nämlich der Kommunismus, und zwar noch in ihrem leiblichen Leben.

Da jeder Mensch aus dem Volk es bei den andauernd herrschenden Armut, Elend und Not schnell errechnen konnte, dass er dieses Paradies auf Erden nie erleben würde, hielt er auch nicht viel von diesen Ersatzgeboten. Die Kommunisten schlossen sich aus diesem Kodex automatisch aus, denn sie waren durch ihre sogar in ihrem Kodex verbotene Gier nach fremdem Besitz und durch ebenfalls im Kodex versagte Ermordung und Raub an die Macht gekommen und verübten diese Macht nach denselben Antikodexgeboten weiter. Also konnte "der Kodex des Erbauers des Kommunismus" nie so einen Erfolg wie die Bibel erlangen und blieb - da weder Kommunismus noch sein Erbauer schließlich vorhanden waren - unabgerufen und nutzlos.

Der Vater beschäftigte sich wenig mit Paradiesfragen. Ihn interessierten mehr die einfachsten Lebensfragen. Seit seiner Kindheit mit den Filmen über den Krieg fragte er sich:

"Warum stehen alle Menschen ohne Ausnahme im Kinosaal während einer Filmvorführung auf der Seite der Guten und sind gegen die Bösen, verwandeln sich aber sofort in die Bösen, wenn sie aus diesen Sälen hinaus gehen und in ihr Leben zurückkehren?"

Das Erstere bedeutete für ihn, dass die Menschen eine Vorstellung vom Guten und vom Bösen - egal ob aus den Bibelgeboten oder aus dem Moralkodex - doch haben und sogar ihre Neigung zum Guten noch aufweisen.

Doch das Letztere zeigte, dass sie selbst in Wirklichkeit das Gute und das Böse so schwarz-weiß deutlich - wie es in der Urquelle oder in Kinos so üblich ist - in die zehn einfachen und deutlichen Axiome nicht zerlegen und die zwei Antipoden nicht erkennen können, oder es auch in ihrem eigenen Interesse und aus niedrigen Beweggründen heraus manchmal nicht wollen.

Daraus ergab sich für den Vater eine andere, menschennahe Interpretation von Gott im Himmel und Teufel in der Hölle sowie von ihrem ewigen Kampf:

"Die beiden leben doch in jedem von uns und jeder von uns entscheidet selbst über ihren Kampf und hat für seinen Ausgang die Verantwortung zu tragen."

Dies lag auch nicht so weit vom Gedanken Christi, den er der verzweifelten Maria Magdalene, ihr nach seiner Auferstehung erschienen, in Worten offenbaren sollte:

- Schau nicht hin und höre nicht hin, was du zu tun hast. Schaue und höre in Dich selbst hinein und suche danach bei Dir selbst.

Nach dieser einfachen, schon dadurch Christo nahe liegenden und von jedem Pharisäismus gereinigten Darstellung fiel es dem Vater leichter, Menschen in ihrem komplizierten Verhalten zu erkennen.

- Es liegt an jedem höchstpersönlich, ob er das Gute oder das Böse zu seinem Lebenshauptziel setzt und ob er ein guter oder ein böser Mensch ist. - predigte er dann auch seinen Töchtern, weil seiner festen Überzeugung nach ohne solche Grundlagen keine Erziehung überhaupt möglich wäre.

- Dann sind alle Menschen auf der Erde gute Menschen. Wer will schon freiwillig ein böser Mensch sein. - überraschten ihn die Töchter wieder mit ihrer Kinderlogik, nach der nur das Gute zu existieren berechtigt sei.

- Wo du damit recht hast, ist, dass sich kein Mensch vielleicht öffentlich als ein Böser präsentieren will. Kein Mensch gibt es zu. Die meisten sind sogar überzeugt, dass sie gute Menschen sind. Das liegt an der Komplizität der Frage, was gut und was schlecht oder böse ist. Dabei reichte es schon, um ein guter Mensch zu sein, die Gottessiege die vom Teufel in dir überwiegen zu lassen. Lässt der Mensch den Teufel gewinnen, ist er ein schlechter oder böser Mensch.

- Nur ein dummer Mensch kann den Teufel gewinnen lassen.

- Insofern sich dieser Kampf in unserem Kopf und mit unserem Willen entscheidet, hat es wahrhaftig mit Intelligenz und Willensstärke eines jeden Menschen zu tun. Dumme Menschen können vielleicht den Teufel nicht immer erkennen - das wäre noch halb so schlimm -, aber viele andere erkennen ihn schon und lassen ihn trotzdem aus überlegten Gründen gewinnen: Der Teufel kann ja bei den in der Welt herrschenden Verhältnissen viel nützlicher als Gott sein. Solche Menschen sind meinetwegen die schlimmsten und meistens gar nicht so dumm.

- Aber wie kann man den Teufel wirklich erkennen?

- Gute Frage. Man kennt so etwas wie unsere zweite, sogenannte innere Stimme in uns. Sie ist immer so gütig zu uns, während die erste Stimme - die Stimme unserer Vernunft - immer hart und gnadenlos erscheint. Kommt es euch bekannt vor?

- Oh ja! Jeden Morgen, wenn ich so früh aufstehen muss, spricht so eine verlockende Stimme zu mir: "Ach bleibe doch im Bett, es ist so gemütlich und warm unter der Decke! Passiert doch nichts, wenn du einmal die Schule schwänzst.". - gab die jüngere Tochter voller Entdeckungsfreude zu.

- Ein gutes Beispiel. Das ist die häufigste und einsichtigste Situation, wo man damit konfrontiert wird. Jedenfalls, was die zweite Stimme angeht. Die erste Stimme, eure Vernunft, spricht zu euch: "Ihr müsst in die Schule". Aber warum müsst ihr das eigentlich?

- Auch eine gute Frage, Papa. Alle Kinder müssen doch zur Schule.

- Das ist eine der typischen Antworten für mehrere Lebenssituationen und für viele Menschen. Obwohl es ja wahrscheinlich das Dümmste ist, daran zu glauben, dass irgendetwas desto richtiger und wahrhaftiger ist, je mehr Menschen dieses Etwas tun. Als "Herdentrieb" bezeichnet man diese Verhaltensweise bei Schafen und ähnlichen Tierchen.

- Meinst du, es ist nicht richtig zur Schule zu gehen, wenn alle anderen dahin gehen?

- Nein! Ich meine - es ist nicht richtig, zur Schule nur deswegen zu gehen, weil alle anderen auch dahin gehen. Wenn du schon etwas tust, dann tue es mit deinem eigenen Verstand so, dass du von deinem Tun selbst schwer überzeugt bist. Erst dann tust du es richtig. Dann ist es auch nicht so schwer in kritischen Situationen mit der Vernunft und mit der zweiten unwiderstehlichen Stimme. Damit ihr bei eurer Vernunft bleibt, müsst ihr schon besser verstehen, warum ihr dies oder jenes tut. Also, warum nochmal geht ihr zur Schule?

- Damit wir viel Wissen und eine gute Ausbildung bekommen. - machte sich die kleinere wieder schlau und zitierte tüchtig, was sie von Lehrern vielleicht schon mal gehört hatte.

- Schon besser. Aber warum braucht ihr dieses Wissen und diese Ausbildung?

- Damit wir es besser in unserem Leben haben können. - musste die Kleine nun improvisieren.

- Ist das alles? Was antwortet ihr, wenn euch daraufhin die zweite Stimme bei eurem morgigen Kampf flüstert: "Ist das kein schönes Leben, jetzt unter der Decke im Bett zu bleiben, statt so früh auf die dunkle, frostige und verschneite Straße zu gehen?" Ihr seid dann wieder beim Trilemma angelangt: Was ist gut, was ist schlecht und was ist besser.

- Wir antworten: "Du hast recht" und bleiben im Bett. Sowieso kommt gleich unser Papa und schmeißt uns raus aus den Federn.

- Auch so handeln viele Menschen. Gerade diejenigen, die selbst von eigenen Handlungen nicht überzeugt sind. Sie delegieren die Verantwortung für diese Handlungen - wenn sie schon die Handlung selbst nicht delegieren können - an ihre Nächsten.

- Papa, warum gehen wir denn zur Schule und warum brauchen wir all dieses Wissen? - gab die Kleine mit weiteren Improvisationen auf.

- Wie wäre es damit - weil ihr darauf neugierig seid und dieses Wissen an möglichst viele Menschen in eurer Umgebung, die es nicht haben, weitergeben wollt, um dadurch eure eigene Welt besser machen zu können - denn das meiste Böse kommt doch durch das Unwissen.

- Wow! Das ist aber hochgegriffen. Bist du sicher, dass uns das besser aus dem Bett bringt?

- Die Neugier schon, denke ich. Ansonsten könnt ihr euch etwas Einfacheres einfallen lassen. Hauptsache, ihr übernehmt die Verantwortung nicht nur für euch. Dann liegt die Entscheidung auch nicht nur bei euch und nicht nur an eurer persönlichen Gemütlichkeit. Es liegt dann auf der frostigen Straße draußen und dort müsst ihr hin, wenn es euch auch eine Menge Willenskraft kostet. Dieser Wille kommt auch nur durch so hoch und überzeugend gesetzte und gut verstandene Pflicht.

- Und wenn wir dann so gut ausgebildet sind, sind wir dann gute Menschen?

- Das liegt auch an euch. Wenn ihr das wollt - was ich sehr hoffe! - hilft euch dieses Wissen nur, die Welt besser zu analysieren und besser zu verstehen. Das heißt, das Gute und das Böse besser zu unterscheiden und zu erkennen. Paradoxerweise sah ich jedoch unter gut ausgebildeten Menschen mehr schlechte Menschen als unter einfachen und nicht so gut ausgebildeten, unter denen ich aufgewachsen bin und im Norden verkehre.

- Vielleicht gehen wir dann lieber doch nicht zur Schule?

- Ich habe ja gesagt, dass nur ihr und nicht eure Ausbildung über das Gute und das Böse entscheidet. Die Intelligenz und Ausbildung dienen vielen nur dafür, ihre Vorteile zu erkennen. Und diese Vorteile sind am schnellsten und am leichtesten an Teufels Seite zu gewinnen. Das beste Beispiel dazu ist der von Goethe beschriebene Doktor Faust.

- Die ausgebildeten Menschen sind ja auch intelligente Menschen und du selbst sagst, dass es bei meisten Sachen viel von der Intelligenz abhängt.

- Eine hohe Ausbildung spricht vielleicht allein wegen des Ausleseverfahrens dafür, dass ein Mensch etwas Intelligenz besitzt, aber nicht dafür, dass ein nicht ausgebildeter Mensch kein intelligenter Mensch ist. Der Unterschied zwischen den beiden Menschengruppen liegt nur im statistischen Bereich. Viele nicht ausgebildete Menschen kamen einfach nicht in dieses Ausleseverfahren, weil sie es nicht konnten oder es nicht wollten. Ihr Ausbilder ist ihr Leben und ihr Diplom - ihre Weisheit. Das beste Beispiel dazu ist mein Vater - euer Opa.

- Unser Opa war doch Maurer und gehörte nicht zur Intelligenzija.

- Wer hat hier über Intelligenzija geredet. Ihr verwechselt diesen Surrogatbegriff mit Begriffen "Intelligenz", "Intellektuelle" und "Intellektualisten", die ganz unterschiedlich sind.

- Sie haben doch dieselben Wurzeln.

- Der Begriff "Intelligenzija" entsprach seiner Wurzel vielleicht früher in Russland. Aber als die Arbeiter und Matrosen an die Macht kamen und russische Intelligenzija zu ihrem Klassenfeind erklärten und vernichteten, verlor die Wurzel ihren Sinn und sogar der Begriff blieb nur noch als ein Schimpfwort. Später wurde zwar alles - was die Arbeiter und Matrosen gehasstt, wogegen sie im Bürgerkrieg gekämpft und was sie danach abgeschafft hatten, wie Offiziersränge mit Schulterklappen und vieles mehr - von ihnen und nun für sich selbst wieder eingeführt. - Noch ein Beweis dafür, dass Menschen bei Aufständen, Revolutionen und Putschen meistens nicht für die Verbesserung von gesellschaftlichen Verhältnissen kämpfen, sondern schließlich für die Umverteilung von Rängen und Privilegien. Besonders diejenigen, die unfähig sind, diese menschlichen "Güter" auf normalen Wegen zu erringen, und sie dann nur mit Gewalt an sich reißen wollen. Zu diesen aufs Neue eingeführten Sachen gehört auch "Intelligenzija", die heutzutage nichts anderes bedeutet, als Zugehörigkeit zu der neuen Klasse von Kommunisten-Funktionären. Was hier für eine Auslese ist, darüber will ich gar nicht reden, geschweige denn dazu gehören. Redet ihr darüber auch nicht so viel dort draußen.

- Aber es gab schon immer intelligente Menschen, die doch für die Gerechtigkeit und eine bessere Weltordnung kämpften oder wenigstens darüber philosophierten, davon träumten und sie zu verwirklichen versuchten, wie zum Beispiel die auch von dir hochgeachteten Dekabristen [1].

- Natürlich gab es sie und es gibt sie immer noch. Diejenigen, die sich mit ihrem Verstand ganz überzeugt auf der Seite des Guten schlagen, in meinen Begriffen ausgedrückt. Sie gehören aber nicht zu der Intelligenzija, die ihr kennt, sondern zu den Intellektuellen, welche die Menschheit immer weiterbringen. Ihre Ausbildung und sogar ihr Intelligenzquotient spielen dabei keine so entscheidende Rolle. Es sind aber nur vielleicht fünf Prozent der Bevölkerung mit kleinen Unterschieden von Land zu Land.

- Welche Rolle spielen dann die fünfundneunzig Prozent anderer Menschen in diesem Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, über den du redest?

- Manche von diesen Menschen mischen sich in den Kampf gar nicht ein, weil sie sich entweder keinen Kopf darüber machen oder gar keinen dafür haben, wobei man das Letztere diesen Menschen auch nicht übel nehmen darf. Bei denen bleibt der Kampf wenigstens unentschieden: Mal siegt Gott - mal der Teufel, denn die beiden Kräfte sind gleich. Die anderen kämpfen auf Seite Gottes aus ihrem Glauben an Gott heraus, den sie mit der Muttermilch und durch die Kirche eingesaugt hatten, wenn auch ohne eigenen Verstand und eigenen Willen.

- Na wenn deiner Meinung nach der Menschenglaube an Gott immer noch nicht ausreicht, um das Böse zu besiegen, dann hilft auch weder Verstand noch der Wille.

- Der Glaube allein reicht nicht aus und wird sogar missbraucht, indem Menschen zum Beispiel das Böse mit Gewissheit tun, dass sie es dann beichten, um die Vergebung beten und sie auch bekommen können. Am besten sollte man alles haben: Glauben, Verstand, Willen und vielleicht noch einiges mehr. So sind die Intellektuellen in ihrer Berufung durch ihren Glauben an das Gute, ihren Verstand, ihre Willenskraft und Gemütskraft ausgezeichnet. Die Intellektualisten dagegen spielen nur mit ihrem eventuellen Verstand; nutzen ihn, nur um sich besser als die anderen zu zeigen, und landen damit - aber auch nicht ohne ihren Willen - schnell auf Teufels Seite, wie ich schon über viele ausgebildete Menschen sagte, weil es ihnen an Gemüt fehlt. Einige von denen erkennt man durch ihre Präsentationen und nennt sie "Klugschei?er". Solchen seid ihr bestimmt schon mal begegnet.

- Ja, davon haben wir so einige. Meistens unter unseren Jungs-Angebern in der Schule.

- Aber nicht weniger schlimm sind die sogenannten "schwachen" Menschen, die genug Intelligenz aufweisen, um zu verstehen, worum es geht, und gemütskräftig genug sind, um sich sogar zum Guten zu bekennen, aber in ihrer angeblichen und von den anderen meistens verständnisvoll akzeptierten Schwäche keine Willenskraft einbringen, den Kampf für das Gute zu führen. Die sind am schwierigsten zu erkennen und meinetwegen gehören sie auch zu den Schlimmsten. Sie scheinen in allem gut zu sein, aber in einem kritischen Moment - wenn der Kampf naht - weichen sie ihm aus und lassen dabei alle - sogar ihre besten Freunde und ihre Nächsten - fallen.

- Was man nicht hat, hat man eben nicht. Du sagst doch immer, wenn es einem an Intelligenz fehlt, kann man ihm dafür keine Schuld geben oder es ihm übel nehmen. Warum beurteilst du dann so hart die Schwachen, denen es am Willen fehlt?

- Weil die Willenskraft im Gegensatz zur Intelligenz keine eingeborene Eigenschaft ist und genauso wie die Muskelkraft von jedem trainiert werden kann. Deswegen akzeptiere ich die Menschen nicht, die zu faul sind, ihren Willen zu trainieren, und die sich lieber hinter ihren Schwächen, aber auch hinter den willensstarken Menschen verstecken.

- Mit welchen "Gewichten" trainiert man denn den "Willensmuskel"?

- Nicht mit Gewichten, wohl aber mit Selbstbelastungen, wie zum Beispiel, sich selbst aus dem warmen Bett rauszuschmeißen und das nicht den Eltern zu überlassen, wenn wir schon bei diesem Thema sind. Es wäre noch besser, sich gleich darauf noch unter die kalte Dusche zu stecken.

- Das ist aber hart!

- Je härte das Training ist, desto eiserner ist dein Wille und nur wenige Menschen machen dieses Training.

- Wo ist dann die führende Rolle von Intellektuellen für diese fünfundneunzig Prozent, die auch noch ihren Willen selbst trainieren müssen. Sie bleiben doch eher auf sich selbst gestellt und bauen schließlich ihren eigenen Mist?

- Ich habe gesagt, dass die Intellektuellen ihre Gesellschaft weiterbringen, und nicht gesagt, dass sie welche führen. Leider ist es in der Geschichte noch nie passiert, dass eine Gesellschaft von ihren Intellektuellen geführt worden war. Sie sind vielleicht zu individuell, um sich untereinander zu verständigen, zu einigen und die Führung zu übernehmen. Außerdem sind sie nicht machtsüchtig, was jeden Führer und die meisten Politiker auszeichnet. Ihre Macht besteht darin, die allgemeinsten Fragen der Menschheit - vor denen normale Menschen Angst haben und machtlos sind - zu übernehmen und nach Antworten zu suchen. Und ihr Gedankengut bildet dann das Gedankengut und Kulturgut der ganzen Menschheit und steht jedem Menschen zur Verfügung. Das ist ihre Rolle. Sie kümmern sich nicht einmal darum, ob Menschen dieses Gedankengut verstehen und davon Gebrauch machen.

- Was Gut heißt und gut ist, das wird meinetwegen auch gebraucht. Warum sollen sie sich auch noch darum kümmern? - dachte die ältere Tochter gründlich wie immer mit.

- Es ist für die restlichen fünfundneunzig Prozent Menschen schwer, das persönlich zu gebrauchen, was für alle als ein Gut erklärt wird und allen gehört. Jeder sucht danach, was für ihn persönlich gut ist. An dieser Stelle treten dann ihre Führer, die zu wissen behaupten, was für jeden einzelnen gut sei, wo es zu finden sei und schließlich was das Gute und das Böse sei. Sie verführen somit die fünfundneunzig Prozent bildenden Arten - die Dummen, die Frommen und die Schwachen, die nur darauf warten und die Verantwortung für diesen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen viel zu gern auf die Führer aller Art delegieren - und missbrauchen sie. Diese fünfundneunzig Prozent werden in Kriege geführt, zum gegenseitigen Töten und anderen Verbrechen gebracht.

- Das kann doch jeder merken, der den Krieg nicht will und zu keinem Verbrecher werden will, und dann aufhören mitzumachen.

- Wenn manche es merken, dann ist es meistens zu spät. Die anderen wollen das nicht merken, erträumen immer noch etwas Gutes für sich daraus und sind fest davon überzeugt, dass das Böse sie persönlich nicht trifft, nur die anderen. Dieselbe zweite Stimme flüstert ihnen das zu und sie lassen sich von ihr überzeugen.

- Dass man nicht aus dem Bett muss und ruhig im Bett bleiben darf?

- So ähnlich und so einfach ist das. Trotz allen komplexen Dingen, die ich euch vorgetragen habe. Dieser Kampf zwischen dem Gutem und dem Bösen ist ein für jeden Menschen persönlicher Gewissenskampf. Er findet selten auf der offenen Weltbühne mit ruhmreichen Siegen und beschämenden Niederlagen statt. Er ist allgegenwärtig - in unseren alltäglichen Verhältnissen untereinander. Nur so werden diese Verhältnisse von Menschen geschaffen und so dreht sich die Menschenwelt seit Jahrtausenden in diesem Teufelskreis. In diesem Kampf gibt es keinen endgültigen, ewigen Sieg - denn sowohl Gott als auch Teufel sind unsterblich. Der Kampf wird jeden Tag aufs Neue entschieden. So hat jeder Mensch, der sich gestern als ein Arschloch erwiesen hat, heute eine Chance, zu einem guten Menschen zu werden, wenn er das will und willig ist, dafür zu kämpfen.

- Schon wieder typisch deine widersprüchliche Art! - regte sich die ältere Tochter auf - Du erklärst alles, wie man gute Menschen von schlechten unterscheidet und ein Arschloch erkennt, und machst dann mit einem Satz alles zunichte, wenn du behauptest, dass es im Grunde genommen gar keine Arschlöcher gibt und jeder seine Chance hat, ein guter Mensch zu werden. Wie kann ich dann deine Philosophie mir zu Nutzen machen, um über meine Mitmenschen besser urteilen zu können?

- Ich bin ja kein Wahrsager. Der Wahrheit kann man sich nur nähren, und zwar gerade durch solche Widersprüche. Ich versuche nur, das Ganze mit euch zusammen zu überlegen. Jedenfalls, es geht mehr darum, wozu du dich selbst entscheidest und bekennst - zum Guten oder zum Bösen, und nicht darum, wie du die anderen richtest und verurteilst. Es ist besser und nicht so frustrierend für dich, davon auszugehen, dass jeder Mensch an sich ein guter Mensch ist.

- Davon ging Jesus Christus auch aus und endete bekanntlich am Kreuz, von einem guten, ihm am nächsten stehenden Menschen verraten.

- Es passiert immer wieder und trotzdem ist es für dich besser, davon auszugehen. Für dich sollte es bei der Frage "Sind Menschen gut oder schlecht?" nur um dich gehen. Überlass die anderen ihnen selbst. Keiner von ihnen muss einem anderen außer sich selbst beweisen, wie er ist und was er ist.

- Trotzdem hätte ich gerne gewusst - am besten mit Prozentangaben - wie viele Menschen um mich herum gut und wie viele schlecht sind.

- So eine statische Gewissheit schaffst du für dich nie, weil euer dynamisches gesellschaftliches Miteinander - eure gegenseitigen Verhältnisse - auch das ist, was Menschen schlecht machen kann und deine Prozentrechnung beeinflusst. Demzufolge bist du - wenn du dich auch zu den Guten zählst - auch für das Böse in deinem Nächsten verantwortlich.

- Was ist das denn für ein Quatsch?

- Aber natürlich! Gerade dann, wenn du gut bist und sich besser als die anderen Mitmenschen zeigst, reicht es schon, diese anderen in ihrem Neid zu den Bösen zu machen.

- Dann sind sie auch in meinem Schlechtprozentsatz.

- Woher willst du dir das Recht nehmen, wenn sich sogar einer als ein Arschloch vor dir erweist, ihn gleich zu verurteilen und zu bestrafen. Du kannst nur die Urteile fällen und die Entscheidungen treffen, die ausschließlich dich betreffen. Zum Beispiel ein Arschloch innerlich zu verachten, von ihm wegzugehen, es zu vergessen, sich von ihm fern zu halten, mit ihm nichts mehr zu tun zu haben und so weiter. Also, es gibt immer noch ausreichend Gegenmaßnahmen. Wenn du ein guter Mensch bist und der Schlechte das weiß, wäre dies eine genügende Strafe für ihn.

Mit dieser Einstellung ging der Vater auch selbst auf die Menschen zu. Mit einer Unschuldklausel für alle wie die in der Rechtsprechung, die er selbst, von seiner "schuldigen" Geburt angefangen, noch nie genoss und deswegen sehnsüchtig wusste, wie wichtig sie ist.

Eine ziemlich heikle Vorgehensweise eines nach Prinzipien süchtigen Menschen unter normalen Menschen, muss man dazu sagen. Den Vater verletzte es manchmal so sehr, wenn seine Offenheit von manchem Arschloch ausgenutzt wurde, dass er ihm eins auf der Stelle verpassen konnte. Er flippte umso mehr aus, je mehr Vertrauen er davor diesem Menschen schenkte.

Der Vater war kein Heiliger und beanspruchte es auch nicht zu sein. Er verstieß damit widersprüchlich - wie er diskutierte und in seiner Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit lebte - gegen seine eigene Religion, die sich vielleicht nur in einem von dem offiziellen christlichen Glauben unterschied: Er konnte nirgendwo und von keinem seine Absolution erteilt bekommen oder einfach kaufen - wie es früher bei der katholischen Kirche durch Indulgenzenhandlung möglich war. Danach musste er schon in sich selbst suchen, sie bei sich selbst ersuchen und mit sich selbst zurecht und ins Reine kommen und seinen Frieden schließen - kaufen oder erbeten gab es hier nichts.

Erst später konnte er darüber philosophieren, fühlte sich dann für sein Verhalten schuldig und litt unter dieser Schuld. Die Schuld des Verursachers überließ er dem Verursacher. Er stand für seine Schulden und Sünden immer gerade und suchte weder nach Schuldigen unter den anderen noch nach Entschuldigungen für sich bei den anderen.

* * *

[1] Der Aufstand der adeligen Offiziere im Dezember 1825, die ihre Soldaten auf den Senatplatz in St. Petersburg führten und auf diesem Platz von den dem Zaren treuen Truppen niedergeschossen wurden. Von der russischen Bezeichnung des Monats Dezember (rus. Dekabrj) stammt die historische Bezeichnung "Aufstand der Dekabristen"

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