Viktor Eduard Prieb - Literatur
Poesie

Percy Bysshe Shelley
* 4. August 1792 in Field Place, Sussex;
† 8. Juli 1822 im Meer bei Viareggio in der italienischen Provinz Toskana


war ein britischer Schriftsteller und Dichter der Romantik. Er war ein Verfechter des Atheismus.

Shelleys Dichtungen stießen wegen ihrer abseitigen Sujets und unkonventionellen Ansichten
bei den Zeitgenossen überwiegend auf Ablehnung. Ihnen wird jedoch auch von Kritikern eine besondere
Schönheit der Sprache und des dichterischen Ausdrucks in weiten Passagen zugebilligt.

Außer seinen eigenen Dichtungen hat Shelley Übersetzungen von Werken Calderons und
von Goethes "Faust I" hinterlassen. Die vielfältige Dichtungsart von Goethe
mit gemischten Formen, wechselndem Metrum, perfektem Jambus ohne Reim beeinflusste
Shelley eindeutig, wie es seine Dichtungen unten beispielhaft zeigen.

Erst 1847 erschien die erste, zuverlässige Gesamtausgabe seiner Werke,
die Mary Shelley veröffentlichte.

Philosophie der Liebe
(In Metrum der gemischten drei- vier- und
fünfhebigen Jambus und Trochäus (kursiv markiert))

Die Quellen mischen sich mit Flussen,
Die, sich mischend, Meere füllen.
Die Himmelswinde immer fließen
In die Glücksgefühle.
Auf der Welt ist nichts vereinsamt.
Alle Ding’ durch Gottesrecht

Sind ein in anderem gemeinsam –
Wär’s für uns nicht recht?
Sieh, die Berge küssen Himmel,
Wellen umklammern einander.

Der Blumenschwester wird’s verzeiht nimmer,
Veracht’ sie Bruders Band je.
Sonnenlicht umklammert Erd’,
Und der Mondstrahl küsst das Meer -
Was sind all die Küsse wert,
Wenn du küsst nicht mehr?


Januar 1820.


Königin Mab
Ein philosophisches Poem

(In Metrum der gemischten drei- vier- und
fünfhebigen Jambus und Trochäus (kursiv markiert) ohne Reim)

Wie wundervoll ist Tod
Sowie sein Bruder Schlaf!
Der eine, wie dort Halbmond bleich
Mit Lippen grell und blau.
Der andre wie das Morgenrot,
Wenn es auf Wellen thront,
Errötend über Welt.
Vergänglich beide wundervoll!

Hat dann die düstre Power,
Der'n Herrschaft nur in faulen Gräbern ist,
Ergriffn die sündlos’ Seel’?
Muss beispiellose Form,
Welch’ Liebe und Bewundrung nicht sehn kann
Ohn’ Herzensschlag durch Adern azurblau,
Welch’ stehlen sich wie Ströme auf dem Schnee,
Ist diese feine Skizze schön
Wie aufm Marmor der Atem?
Muss Atem des Zerfalls
Nichts lass’n vom himmlischen Anblick
Nur Ekel und Ruin,
Ersetzt nichts düsters Leitmotiv,
Wo hellstes Herz moralisieren könnt’?
Od’ ist es nur ein süßer Schlummer,
Der Gefühle raubt uns,
Welch’ den Atem rosgen Morgens
Jagd zurück ins Dunkle?

Wacht Ianthe wieder auf,
Zu geben treuen Busen Lust,
Dessn schlaflos’ Geist erwartet Fang
Lichts, Lebens, Glücks von ihrem Lachn?

Ja! Sie wird wieder weckn,
Obwohl ihr’ heißen Glieder reglos sind,
Und leise süße Lippn,
Mal warn sie eloquent,
Sie konnten zähmen Tiger's Wut
Und kaltes Herz Eroberers auftaun.
Ihr’ feuchten Augn sind zu,
Der Lider feine Haut
Kaum deckt die blauen Kugeln drin,
Schlaf Baby ist geborgen.

* * *


Zu Nacht
(zwei-drei-vierhebiger Trochäus-Jambus)

Schnellen über die westlich’ Well',
Seele der Nacht!
Aus nebligen östlichen Höhl’,
Wo einsam’ Licht, die Tagespracht,
Die Träume webt von Freud’ und Angst,
Die dich so machen, lieb und bang –
Dein Flug verbracht!

Stell’ dich in grauem Mantel dar,
Stern-Event!
Blend’ Tages Augen mit dem Haar;
Küss sie, bis sie schließlich müde gähnt,
Dann wandere über Land, Meer und Stadt
Alles streif' mit deinem Zauberstab –
Komm, Ersehnt’!

Als ich da kam, sah Dämmerung,
Ich seufzt’ um dich;
Als Licht hoch ritt, der Tau war im Schwund,
Und Mittag schwer Bäume und Blumen strich,
Kehrte müde Tag zu seiner Rast,
Verweilt wie ungeliebter Gast,
Ich seufzt’ um dich.

Dein Bruder Tod kam und rief:
Willst du mich?
Dein süßes Kind Schlaf, Augen rieb,
Fragt' wie der Mittags Biene Stich,
Soll ich sein in deiner Näh’?
Willst du mich? – Ich sagte jäh:
Nein, nicht dich!

Tod kommt dann, wenn du bist tot,
Viel zu früh –
Schlaf kommt dann, wenn Flügel flott.
Ich hätte nichts um Seg’n geschrien,
Ich frage dich, geliebte Nacht, –
Ziehst Du Anflug in Betracht,
Komm früh, früh!

* * *


Ozymandias
(fünfhebiger Jambus
Reimschema ababacdcedefef)


Ich traf ’nen Reisenden aus antik’ Land,
Wer sagt’: Zwei Beine, rumpflos, groß aus Stein
In Wüste standn. Daneben lag aufm Sand,
Versunken halb, Gesicht, zerstört, allein,
Dessn Stirn und Lippn, Befehl an welchen stand,
Verratn, sah Künstler Leidenschaften wohl,
Er leitet’ sie auf toten Steinen her,
Die Hand voll Hohn, das Herz, von diesen voll;
Und auf dem Sockel Überschrift erscheint:
"Mein Name – Ozymand, der Herrscher Herr:
Schaut, Mächtigen, auf meiner Werke Schein!"
Nichts nach dir bleibt. Verwesung nah und fern
Von diesem Riesenwrack, nur kahler Stein,
Den Sande ebnen, strecken weit entfernt.

Die Übersetzung
von Adolf Strodtmann, 1866
(In Sonett-Form, fünfhebiger Jambus,
Reimschema abba abba cde cde)


Ein Wandrer kam aus einem alten Land,
Und sprach: „Ein riesig Trümmerbild von Stein
Steht in der Wüste, rumpflos Bein an Bein,
Das Haupt daneben, halb verdeckt vom Sand.

Der Züge Trotz belehrt uns: wohl verstand
Der Bildner, jenes eitlen Hohnes Schein
Zu lesen, der in todten Stoff hinein
Geprägt den Stempel seiner ehrnen Hand.

Und auf dem Sockel steht die Schrift: ‚Mein Name
Ist Osymandias, aller Kön’ge König:
–Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!‘

Nichts weiter blieb. Ein Bild von düstrem Grame,
Dehnt um die Trümmer endlos, kahl, eintönig
Die Wüste sich, die den Koloß begräbt.

* * *


Trauerfall
(vierhebiger Amphibrachys,
Reimschema AbAbCCCbdedeFFFe)

Wie ernst sind des trostlosen Trauernden Leiden
Als er sich noch beugt zu geheiligter Bahr’,
Als er sich weg duckt vorm Hohn Spöttergemeinde
Und fällt eine Träne zur Perfektion gar;
Verzweiflung in Fluten wenn Wangen ihm säumen,
Wenn selige Hoffnung kann nicht mehr aufbäumen,
Wenn, oder, kurz eingelullt, lässt er ’ran Träume,
Und findet den Liebsten so lieb wunderbar.
Ach, wann kommt der Tag in des Grabes die Nacht,
Od’ Sommer durchdringt kalten Winter vom Tod?
Ruh glücklosen Opfern! Der Himmel bewacht
Den Geist, dessen Atem verklang, jetzt beim Gott.
Das ewige Leben in purpurnem Schatten,
Wo Wolken des Schicksals sind nicht mehr gestattet,
Nur herrliche Wonne, die Güte in Satten,
Wenn Trauer verblasst wie beim Tag Morgenrot.

* * *



LOVE'S PHILOSOPHY



The fountains mingle with the river
And the rivers with the ocean;
The winds of heaven mix for ever
With a sweet emotion;
Nothing in the world is single;
All things by a law divine

In one another's being mingle –
Why not I with thine?
See, the mountains kiss high heaven,
And the waves clasp one another;

No sister flower would be forgiven
If it disdained its brother;
And the sunlight clasps the earth,
And the moonbeams kiss the sea —
What are all these kissings worth,
If thou kiss not me?


January 1820.


Queen Mab:
A Philosophical Poem.




How wonderful is Death,
Death, and his brother Sleep!
One, pale as yonder waning moon
With lips of lurid blue;
The other, rosy as the morn
When throned on ocean's wave
It blushes o'er the world;
Yet both so passing wonderful!

Hath then the gloomy Power
Whose reign is in the tainted sepulchers
Seized on her sinless soul?
Must then that peerless form
Which love and admiration cannot view
Without a beating heart, those azure veins
Which steal like streams along a field of snow,
That lovely outline which is fair
As breathing marble, perish?
Must putrefaction's breath
Leave nothing of this heavenly sight
But loathsomeness and ruin
Spare nothing but a gloomy theme,
On which the lightest heart might moralize?
Or is it only a sweet slumber
Stealing o'er sensation,
Which the breath of roseate morning
Chaseth into darkness?

Will Ianthe wake again,
And give that faithful bosom joy
Whose sleepless spirit waits to catch
Light, life and rapture, from her smile?

Yes! she will wake again,
Although her glowing limbs are motionless,
And silent those sweet lips,
Once breathing eloquence
That might have soothed a tiger's rage
Or thawed the cold heart of a conqueror.
Her dewy eyes are closed,
And on their lids, whose texture fine
Scarce hides the dark blue orbs beneath,
The baby Sleep is pillowed;

. . . . . . . . . .


To Night


Swiftly walk o'er the western wave,
Spirit of Night!
Out of the misty eastern cave,
Where, all the long and lone daylight,
Thou wovest dreams of joy and fear,
Which make thee terrible and dear --
Swift be thy flight!

Wrap thy form in a mantle gray,
Star-inwrought!
Blind with thine hair the eyes of day;
Kiss her until she be wearied out,
Then wander o'er city, and sea, and land,
Touching all with thine opiate wand --
Come, long-sought!

When I arose and saw the dawn,
I sighed for thee;
When light rode high, and the dew was gone,
And noon lay heavy on flower and tree,
And the weary day turned to his rest,
Lingering like an unloved guest,
I sighed for thee.

Thy brother Death came, and cried,
Wouldst thou me?
Thy sweet child Sleep, the filmy-eyed,
Murmured like a noontide bee,
Shall I nestle near thy side?
Wouldst thou me?--And I replied,
No, not thee!

Death will come when thou art dead,
Soon, too soon —
Sleep will come when thou art fled;
Of neither would I ask the boon
I ask of thee, beloved Night —
Swift be thine approaching flight,
Come soon, soon!


* * *


Ozymandias


I met a traveller from an antique land
Who said: Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert. Near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command,
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed;
And on the pedestal these words appear:
“My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!”
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.




Ozymandias


I met a traveller from an antique land
Who said: Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert. Near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command,
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed;
And on the pedestal these words appear:
“My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!”
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.

* * *




Bereavement



How stern are the woes of the desolate mourner
As he bends in still grief o’er the hallowed bier,
As enguished he turns from the laugh of the scorner,
And drops to perfection’s remembrance a tear;
When floods of despair down his pale cheeks are streaming,
When no blissful hope on his bosom is beaming,
Or, if lulled for a while, soon he starts from his dreaming,
And finds torn the soft ties to affection so dear.
Ah, when shall day dawn on the night of the grave,
Or summer succeed to the winter of death?
Rest awhle, hapless victim! and Heaven will save
The spirit that hath faded away with the breath.
Eternity points, in its amaranth bower
Where no clouds of fate o’er the sweet prospect lour,
Unspeakable pleasure, of goodness the dower,
When woe fades away like the mist of the heath.

* * *




Aus meinem poetischen Sammelband
"Was gereimt werden muss".


All meine literarischen Manuskripte
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