Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa
Die Mutter und das frühzeitige Ende ihres Krieges

Die Mutter und das frühzeitige Ende ihres Krieges
oder über die Natur von internationalen Verhältnissen


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



An zwei Fronten
oder darüber, wann es ungünstig ist gleichzeitig zu zweien Völkern zu gehören


Nachdem ihre Männer in den Krieg einberufen worden waren, blieben die Frauen, die Kinder und die Alten alleine im Flüchtlingslager in Polen. Sie warteten nun auf ihr Los. Sie waren zwar immer noch auf dem Territorium des Dritten Deutschen Reiches, welches sich aber tagtäglich zu seinem Untergang beschleunigte.

Die Amerikaner rückten im Westen auf den Vater zu, bekamen aber unerwartet die von ihnen sehr geschätzten und nach dem Krieg in ihre eigene Armee schnellst eingeführten Kampfqualitäten der Waffen-SS in Ardennen zu spüren. Diese mächtige Bremse verschaffte dem Vater etwas mehr Zeit für seine Einsatzvorbereitung.

Daraufhin verpflichteten sich die Russen im Osten, dem Hilferuf der Amerikaner entsprechend, ihre noch nicht ganz vorbereitete und dadurch Tausende ihrer Soldatenleben gekostete Offensive in Polen frühzeitig zu starten und den Amerikanern somit aus der Patsche zu helfen sowie Mutters Ungewissheit zu beenden und ihr Schicksal zu besiegeln.

Bald war ihre Westodyssee für die von Deutschen scheinbar vergessenen deutschen Flüchtlinge vorbei. Ohne einen Schritt machen zu müssen, gelangten sie aus dem Dritten Deutschen Reich nach neu entstandenes und zunächst unter sowjetischer Militärverwaltung stehendes Polen. - Für die deutschen Flüchtlinge aus Russland eine prekäre und verhängnisvolle Lage.

Die Polen mit ihrem übertriebenen Nationalstolz vergaßen und vergaben nie die mehrmalige Aufteilung ihres Landes zwischen Russen und Deutschen in den letzten knapp zweihundert Jahren.

"Sie brachten während dieses Krieges meuchlings und mit gleicher Genugtuung sowohl deutsche als auch russische Soldaten, wenn einer der Soldaten das Pech hatte, irgendwo alleine unter ihnen aufzutauchen." - erzählte mal später die Polen danach nie besonders leidende Vater, er fügte aber gerechtigkeitshalber gleich hinzu: "Man darf es eigentlich den Polen nach der viermaligen Aufteilung ihres Landes zwischen Deutschen und Russen nicht übel nehmen. Jedes Volk hat seine aus der Geschichte entstandenen Bitterkeiten auf seine eigene Art und Weise zu pflegen."

Nun gab es auch ein Volk, welches aus der europ&auuml;ischen Geschichte ausgefallen war, nämlich die nach Russland ausgewanderten Deutschen. Sie waren vom russischen Militärdienst und von den Steuern für mehrere Jahre befreit und somit kaum in die politischen Attentaten sowohl Deutschlands als auch Russlands verwickelt worden. Sie hatten genug zu tun gehabt, um dort in schönen, aber wilden Steppen Südrusslands zu überleben und ihre Existenz und Kultur aufzubauen.

Dieses fein- und tiefhistorische Detail interessierte jedoch damals - wie auch heute noch - kein nationalistisches Schwein sowohl in Russland als auch in Deutschland und in Polen sowie sonst irgendwo auf der Welt. Besonders dann nicht, wenn es sich um irgendwelche Rachefeldzüge oder Entschädigungsforderungen handelt.

Rein technisch oder arithmetisch gesehen waren die aus Frauen, Kindern und Alten, also aus schwächsten Vertretern, bestehenden Familien der Deutschen aus Russland, die jetzt den Hitler-Stalin- bzw. Molotow-Ribbentrop-Pakt [5] verantworten mussten, eine doppelte und dabei leicht zu kriegende Beute für die Polen. Einen Deutschen aus Russland zu erledigen, kam dem Erschlagen eines Russen und eines Deutschen gleich: Zwei Fliegen mit einer Klappe eben zu schlagen.


Die menschlichen Instinkte
oder über die Impfungen gegen Bomben und
über die Vernunft des Überlebens


Die Flüchtlinge bekamen es sofort zu spüren. Ihr Lager wurde mit Stacheldraht umzäunt und von bewaffneten Polen überwacht. Es gab kaum Verpflegung mehr. Jedes Jammern wurde mit makaberen Sprüchen erwidert:

- Wozu braucht ihr Verpflegung? Wir werden euch, Faschistenweiber, sowieso bald erschießen. - scherzten polnische Wachmänner, als sich die Mutter mal bei denen über mangelnde Verpflegung beklagte.

Nach einigen Tagen solcher Schikanen kamen die Lagerfrauen zusammen, um sich zu beraten:

- Die russische Militärverwaltung scheint uns in diesem Durcheinander total vergessen zu haben, und wir haben nur noch eine Chance: Eine von uns muss hinauslaufen und unsere Lage beim russischen Kommandanten melden. - beschlossen sie, und sie begründeten es auch:

- Wir leben deswegen nur noch, weil die Polen vor der russischen Militärmacht Angst haben und ihrer Sache nicht so sicher sind. Das kann uns aber auf Dauer nicht retten.

Diese Feststellung teilte jede der Versammelten. Entscheidungsbedürftig war es nur, wer von ihnen als Gesandte gehen soll, obwohl auch diese Frage von Anfang an klar war. Kaum eine dieser deutschen Frauen sprach richtig Russisch. Die Mutter war die Einzige, deren Smolensker Russisch den besten Passierschein bei jedem russischen Soldaten ersetzen konnte. Sie hatte ihre Dienste als Dolmetscherin und Vermittlerin zwischen den russischen Offizieren und Soldaten und den Lagereinwohnern bereits erwiesen, als das Flüchtlingslager von der Roten Armee "befreit" worden war.

Nur gab es ein Problem: Die Mutter war eher bereit, mit ihren drei kleinen Kindern zusammenzusterben, als sie - wenn auch nur für einen kleinen Moment - aus den Augen zu lassen. Ihr Mutterinstinkt überwog alle anderen Gefühle und jede Vernunft. Es gab auch seit langem schon keine Vernunft mehr in dieser gerade zusammenbrechenden Welt mit Millionen und Abermillionen von Toten, Verkrüppelten, Verwundeten, Verbannten, Vertriebenen und Flüchtigen.

Allein die Tatsache, dass diese entwurzelten, entkrüfteten und vergessenen Frauen und Kinder - diese Staubkörnchen mittendrin in einem gewaltigen Sturm - noch am Leben blieben, ging über jede Vernunft hinaus.


Das ist ein Wunder des Menschenlebens: In Situationen, wo jede menschliche Intelligenz und jede nur von Menschen geschaffene und nur für Menschen geltende Vernunft versagen und keine Hilfe mehr bieten, greifen Menschen auf ihre tierischen Ursprünge zurück - auf die stärksten Naturinstinkte, wie der Selbsterhaltungstrieb oder der noch stärkere Mutterinstinkt, der die Mütter treibt, ihre Kinder tierisch zu beschützen. Und die Menschen überleben oft nur dadurch auf einem meistens so menschenunwürdigen tierischen Niveau. Auf so einem Niveau, dass sie danach selbst daran nicht glauben wollen, wie es überhaupt möglich war zu überleben, ohne mal daran zu denken, ob das Überleben in so einer Situation überhaupt noch einen Sinn ergäbe und vernünftig wäre.


Bei der Mutter war diese ewige Frage über die Hierarchie von Instinkten bereits gel&├Âuml;st. Sie fand sich schon fast damit ab, dass der Tod nun unausweichlich und damit erlösend sei, und das Einzige, was sie sich noch wünschte und was sie noch bewirken konnte, wäre es, dem Tod zusammen mit den fest umarmten Kindern entgegenzugehen.

Noch bevor die Russen kamen, aber ihre Bomben und Geschosse bereits um die Ohren flogen, hatte es sich in der Praktik gezeigt. Die deutsche Ordnung herrschte noch einigermaßen im Flüchtlingslager und die Kinder mussten den Vorschriften nach in einem Wagen des Deutschen Roten Kreuzes noch geimpft, gewaschen und mit Milch verpflegt werden.

Die Mutter kämpfte wie ein Panther gegen drei Krankenschwestern, welche ihre Kinder zu diesem Zweck in den DRK-Wagen für einige Zeit mitnehmen wollten. Sie wollte nichts von den noch so vernünftigen Argumenten der drei Damen wissen, dass dies alles ihren Kindern zugute gedacht sei. Sie wusste nur eins: Es gibt keine Impfungen gegen Bomben und, sollten diese Bomben kommen, muss sie bei ihren Kindern sein.

Die Krankenschwestern waren gezwungen Hilfe zu holen, um die Mutter zu überwältigen und die Kinder doch zu entführen. Die Kinder kriegten ihre Impfung, Milch und Pflege und blieben über Nacht in dem Wagen. Aber auch danach irrte die Mutter kreischend die ganze Nacht um diesen Wagen herum, bis sie am nächsten Tag die Kinder gesund und munter zurückerhielt.


Der Ausflug zur Kommandantur
oder darüber, wann es günstig ist,
gleichzeitig zu zwei Völkern zu gehören


Diesmal benötigten die Frauen nicht weniger Zeit, um die Mutter zu überzeugen, dass sie auf ihre Kinder besser als auf die eigenen aufpassen würden, solange sie weg wäre. Entscheidend war für die Mutter schließlich ein Hoffnungsschimmer, das Leben ihrer sowie das der anderen Kinder und all dieser Menschen zu retten.

Abends, bei Einbruch der Dunkelheit, setzten die Frauen die Mutter über den Stacheldraht des Zauns hinaus, und das Warten begann. Die Mutter entkam der polnischen Wache am Lager und ging zum Bahnhof, wo sich nach ihren Kenntnissen die russische Kommandantur befand. Den Weg kannte sie: Sie waren schon lange genug in dieser Stadt, und der Vater hatte sich von ihr und den Kindern ebenfalls an diesem Bahnhof verabschiedet, bevor er mit anderen Kameraden in einen Zug gesteckt wurde und der Zug in den Krieg abfuhr.

An diesem Bahnhof versprach sie ihm auf die Kinder aufzupassen und sie heil durch dieses höllisch-kosmische Unheil hindurchzubringen, auch wenn es noch so eine winzig kleine Chance dazu gäbe. Und er versprach ihr sie alle - egal wo sie auch sein mögen - zu finden und zu ihnen aus dem Krieg - egal ganz oder halb, heil oder halbtot - zurückzukehren.

Da die Beiden keine langfristig geltende Adresse hatten, wurde die Adresse von Vaters Schwester in Bensel in Alt-Deutschland für den Briefwechsel und fürs Zueinanderfinden vereinbart. Daher musste diese Adresse, dieser schimmernde Ariadnefaden, wie der größte Schatz aufbewahrt werden.

So schickte die Mutter das am Abschiedstag geschossene Familienfoto an ihre Schwägerin. - Ein einziges, auf diese glückliche Weise erhaltenes Foto aus dem Krieg, welches die gar nichts archivalisches aus dieser Zeit aufbewahrte Familie dann nach Jahrzehnten in Sibirien von der Tante aus Deutschland zurückgeschickt bekam.

Auf diesem Foto wurden sie alle zusammen aufgenommen - alle in ihrer Paradeform. Der Vater in einem Krawattenanzug, über seiner Familie in voller Größe stehend: Ein Adler über seinem Nest, welches er allerdings vorübergehend verlassen muss und deswegen ein Schutzzeichen setzen will. Die Mutter in einem strengen dunklen Kleid, etwas vorne neben dem Vater sitzend und mit ihrem Kopf gerade mal seine Brust erreichend. Der kleinste Sohn auf ihrem Schoss, die Tochter und der ältere Sohn, sich von beiden Seiten an ihre Knie anlehnend. Alle angespannt nach vorne schauend, als ob sie sich bemühen, ihr Schicksal in diesem fernen Vorne zu erblicken...

In der Nähe des Bahnhofs verließ das Glück die Mutter, und sie wurde von einer polnischen Patrouille erwischt.

- Psja krev! Wo sind deine Papiere, und was machst du nach der Sperrstunde in der Stadt? Eine faschistische Spionin! - beschlossen sie, nachdem die Mutter ihnen auf Deutsch etwas zu erklären versucht hatte, und entsicherten bereits ihre Waffen.

"Das ist das Ende..." - blitzte durch Mutters Kopf - "Meine armen Waisenkinder!"

Der Gedanke an die Kinder gab ihr noch etwas Mut weinend auf Russisch, welches die Polen auch einigermaßen verstanden, zu schreien:

- Ich bin Russin aus dem Flüchtlingslager und gehe zum russischen Kommandanten!

Es zeigte Wirkung. Die Männer waren bei den Worten "zum russischen Kommandanten" sofort nicht mehr so entschlossen abzudrücken.

- Willst du dich bei ihm beklagen? - kam die provokative Frage.

Die Männer waren aus derselben Kaserne und gingen zusammen entweder Streife auf der Strasse oder sie hielten Wache am Lager. Deswegen wussten sie es genau, was daran zu beklagen wäre.

- Oh nein! Meine Kinder sind so sehr krank, dass ich das Lager vor Verzweiflung verlassen musste und Herrn Kommandanten um etwas Medizin bitten wollte - erfand die Mutter, vor dieser Sünde zusammenzuckend und innerlich betend:

"Oh Gott! Verzeih mir diese Lüge und behüte meine Kinder vor jeder Krankheit! Ich weiß, dass ich sündige, aber was soll ich sonst tun, um mich und somit meine Kinder zu retten?"

Kurz überlegt sperrten die Polen sie in einen Eisenbahnschuppen ein mit der Absicht den Zwischenfall mit ihrem Kommandeur zu besprechen und eine für die Polen ungefährliche Lösung zu finden.

Die Mutter blieb in voller Dunkelheit und Ungewissheit in einem engen, mit Werkzeugen überfüllten Raum. Sie heulte und jammerte auf Russisch laut und ununterbrochen fast die ganze Nacht durch:

"Mein Gott! Oh mein Gott! Ich wusste es! Worauf habe ich mich nur eingelassen? Was wird jetzt aus meinen Kindern? Sie sind nun ganz allein in diesem Schrecken geblieben und überleben das nie! Ich habe meinen dem Vater angelegten Schwur gebrochen und sie im Stich gelassen. Ewig sei ich vom Gott verdammt!"

- Hey Weib! Was heulst du da drin, und wer hat dich darin eingesperrt? - hörte sie auf einmal eine männliche, russischsprechende Stimme von draußen - Bist du etwa Russin?

- Ja, mein Söhnchen! Ja, mein Brüderchen! Ich bin Russin aus Smolensk! Eine polnische Patrouille hat mich hereingesperrt und wollte mich erschießen. - sprang die durch diese neue Hoffnung beflügelte Mutter auf.

- Na wartet mal, ihr Scheißkerle! Ich zeige euch, wie man hier mit russischen Leuten umzugehen hat! - fluchte der russische Soldat draußen, mit dem Kolben seines Gewehrs auf das Schloss an der Tür donnernd, - Ihr werdet es nie vergessen! Nicht dafür hatten wir unser Blut vergossen, bis wir hierher kamen, dass ihr jetzt unsere Weiber foltert.

Das Schloss fiel. Die Mutter lief hinaus und sah vor ihr im Morgenrot einen jungen Leutnant in russischer Felduniform und mit einem ernsthaft wütenden Gesicht. Die Mutter erzählte ihm alles, aber ohne über ihre ganze Geschichte besonders ins Detail zu gehen. Dass die Polen seit Tagen schon die von Deutschen verschleppten und jetzt nach Hause wollenden Familien aus Russland im Lager festhalten, sie durch ständige Drohungen schikanieren, sich aber sonst um diese Familien gar nicht kümmern und verhungern lassen.

Der Leutnant führte sie zum Kommandanten. In der kürzesten Zeit wurden zwei Polen aus der Streife geschnappt und dem Kommandanten ebenfalls vorgeführt. Sie standen zitternd und stotternd vor dem Kommandanten, während er seiner Wut freien Lauf ließ, die Beiden anschrie und selber diese zu erschießen drohte.

Es stellte sich heraus, dass die Flüchtlingsfamilien der polnischen Zivilverwaltung überlassen worden waren mit dem Befehl diese bis zu ihrer Repatriierung einzuquartieren, aber nicht gleich hinter den Stacheldraht zu stecken sowie sonst auch wie sowjetische Bürger zu behandeln, also zu versorgen und zu schützen.

In der Hoffnung, dass die Russen ohnehin viel zu tun hatten und diese Flüchtlinge gleich vergessen würden, was sich - wie die Geschichte zeigte - auch bewahrheitete, ignorierten die Polen diesen Befehl einfach, und sie behandelten die Flüchtlinge so, wie es ihnen danach war.


Die Reise nach Sibirien
oder darüber, wie es für die Menschen ungünstig ist,
auf die Wege von großen historischen Ereignissen und
unter die Räder der Weltpolitik und der Weltgeschichte zu geraten


Durch Mutters Abenteuer kam diese polnische "Verschw?rung" jetzt ans Tageslicht. Die Mutter wurde ins Lager zu ihren wohlerhaltenen Kindern gebracht, wo sie dies alles ihren Komplizen erzählte. Jetzt, wo der russische Kommandant die Gelegenheit selbst in die Hand nahm, ging alles rasch.

In den nächsten Tagen wurden die Flüchtlinge nun von russischen Soldaten - eher vor polnischen Übergriffen - bewacht. Bald kam ohne große Filtrierung - denn es wäre ja auch schwierig den Kindern und Frauen etwas Verbrecherisches zuzuschreiben - die pauschale Repatriierungsentscheidung allesamt nach Sibirien zu deportieren.

Sie marschierten zu demselben Bahnhof und wurden in Viehwaggons vollgestopft. - Offensichtlich war es das einzige in dieser Zeit den Verantwortlichen auf allen Frontseiten als angemessen erscheinende Personenverkehrsmittel für die Verschiebung und Verschleppung von unermesslich und unpersönlich gewaltigen Menschenmassen.

Der Verschleppungsviehzug fuhr in Richtung Osten ab.

Ihr Leben und das ihrer Kinder waren zunächst gerettet, und der Krieg als solcher - mit Amok laufenden Bomben und Panzern - war somit für sie vorbei. Der mehrmonatige, unbeschreibliche Leidensweg führte nach Sibirien zu ihren seit Beginn des Krieges dorthin deportierten Landsleuten von überall aus deutschen Ex-Kolonien in Ex-Russland. So gehörten sie zu zweihunderttausend Deutschen aus der UdSSR, vor allem Frauen, Kinder und Alten ohne ihre zum deutschen Militärdienst einberufenen Männer, welche auf ihren Fluchtwegen von der Roten Armee überrollt worden waren und dasselbe Schicksal erlitten hatten.

Sie fuhren lange und beschwerlich mit vielen langen Zwischenstopps, mit Hunger, Kälte, Krankheiten und vielen - bis zu dreißig Prozent von zweihunderttausend Verschleppten - unterwegs Gestorbenen. Der Krieg im Westen ging zu Ende. Der Sieg über Deutschland wurde unter den Alliierten mit der Abmachung besiegelt, den letzten aus der Dreierachse - Japan - nun gemeinsam auf die Knie zu zwingen.

Für die Russen bedeutete es ein Logistikwunder zu vollbringen: Ihr ungeheueres Truppenaufgebot von der sich erledigten Westfront über zehntausend Kilometer in den Osten hinüberzubringen. Alles durch "das Nadelohr" namens "Transsibirische Eisenbahnmagistrale", das zu dieser Zeit durch den irgendwo durch die Endlosigkeit dieser Magistrale kriechenden Viehzug mit der Mutter und mit den Kindern "verstopft" war.

Ihr Zug wurde weggefegt und musste auf irgendwelchen Abstellgleisen so lange warten, bis die Japaner durch diesen gewaltigen Verkehr von Truppen, Maschinen und neuerdings Atombomben anstatt der bereits als Siegesmethode veralteten Feuerstürmen in deutschen Städten nach ihrer Bombardierung von Engländern und Amerikanern ebenfalls erdrückt wurden.

So fuhren sie nach dieser langen Abstellpause direkt in den sibirischen Winter hinein. Der Viehzug kam im voll verschneiten Nowosibirsk bei Frost unter minus dreißig Grad an. Hier wurden die Deportierten und Verschleppten noch einmal aussortiert und getrennt. Einige wurden in der Stadt als Arbeitskraft für Industriewerke und Fabriken abgeladen, die Anderen - auf die umliegenden Dörfer verteilt.

Die Mutter mit ihren drei Kindern kam zusammen mit den restlichen Familien, mit denen sie seit zwei Jahren auf diesem langen Bogen von Prischib über Polen nach Sibirien unterwegs war, in einen etwa hundert Kilometer von Nowosibirsk entlegenen Schweinebetrieb. Sie wurde den Schweinen als Bedienstete zugeordnet. Sie wurden in einer Hütte direkt an der Schweinefarm mit zwei anderen Familien untergebracht. Ein Jahr später wurde die Familie in die Hütte am Friedhof umgesiedelt, in welcher die Mutter nun für den Vater weiter beten und auf ihn weiter warten durfte.

* * *


[1] Todeskampf

[2] heutige Stadt Donezk in der Ukraine

[3] ein Nebenfluss von Don

[4] Franz Fabian. "Steuben. Ein Preuße in Amerika", Vision Verlag, Berlin, 1996

[5] Der am 23 August 1939 im Kreml geschlossene, deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, zu dem das geheime Zusatzprotokoll über die Aufteilung Polen gehörte


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