Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Poesie


Kiewer Nachtt
poetisch-philosophische Novelle

geschrieben in metrischen reimlosen Verszeilen mit unregelmäßiger Anzahl von betonten Silben und Versfüßen – meistens jambischen (ab) und trochäischen (ab), aber auch daktylischen (abc), amphibrachyschen (abc) und anapästischen (abc) – sowie vielen Gedichten in Reimform dazwischen


Dem eintausendjärigen Jubiläum der Christianisierung
der Kiewer Rus (988) gewidmet<



Kommet und herrschet>

Vor tausend Jahren kam das Christentum nach Russland.
Es sollte tausend Jahre lang die Seelen Russlands Volkes sanft beherrschen
und seine blinden Leidenschaften, Wünsche und Gedanken
mit philosophischen Bedacht und Weisheit füllen…

Es hätte so sein sollen, aber wurde es nicht gänzlich so…
Es kam ja auch nicht durch Beherrschung Menschenseelen hier zustande, sondern,
wie Vieles in den Russlands Landen,
sogar das Fortgeschrittene und Weise, durch Gewalt…
Gewalt an Menschenseelen und an Menschen selbst.

Und für die nächsten tausend Jahre gab es viel Gewalt und Grausamkeit, und Blut,
denn‘s nicht Apostel Christi waren, welche die Philosophie gepredigt hatten
und diese in ein Dogma umgewandelt hatten, sondern
dieselbe sterblichen und sündhaften aus Menschen,
von denen nicht so viele ihre Herzen und Bestrebungen, und Taten
mit der Philosophie und Weisheit selbst erfüllt hatten,
die ursprünglich dem Christentum tief inhärent war,
und ohne die es nie den Welttriumph erlanget hätte, den‘s erlangen hat!

Und so verlor das Volk von Russenlanden seinen Glauben und
im Jahr neunhundertdreißig der Bekehrung und im Jahre neunzehnhundertsiebzehn warf
das Volk die elenden und grausam enge Ketten dieses Dogmas ab!
Und es geschah das Schreckliche!

Der Mob vergaß in seiner blinden Wut die wahrhaftig humane, mächtige Essenz
des philosophischen Systems und
zerstörte seine Kirchen – Leuchten, Attribute seines Glaubens!
Des Glaubens, der in Russland mehr als sonst wo auf der Welt
zur Basis einer so besonderen in ihrer Orthodoxie
knapp tausendjährigen Kultur geworden war!
Der Mob zerstörte seine ewige Kultur!

Zerstörend den dogmatischn Überbau, versuchte er in seiner Raserei
das Fundament mitzuzerstören… Und die Prediger barbarischer Zerstörung waren
erneuet nicht Apostel dieses neuen Glaubens, sondern
dieselben sterblichen und sündhaften Vertreter Menschengattung,
die ihre Herzen und Bestrebungen; und Taten weder mit der neuen
noch mit der alten der Philosophien selbst erfüllet hatten.

Man kann den Glauben ändern,
man kann das Dogma streitig machen
und den von Menschen aufgesetzten Überbau zerstören,
man kann jedoch die tausendjährige Kultur des Volkes nicht
verändern oder ganz zerstören!
Man kann die tief humane Seele eines Volkes nicht zerstören!

So blieb die von zerstörerischen Kataklysmen abgebrannte Seele,
bestehen, und es blieb Kultur, es blieben ihre Denkmale!
Sie blieben nicht nur als Erinnerung,
vielmehr als ewig‘ Leuchten für Entwicklung,
für neue und noch größere Entfaltung der Kultur!
Geblieben, damit nie ein einzeln Mensch in seiner weltlichen Gesinnung,
in seiner Eitelkeit den Sinn zum Schönen nicht verliert
und dadurch aufhört nicht, Mensch zu sein!

Es gibt noch viele dieser Leuchten in den Russen Landen.
Es gibt sie auch in Mutter Russlands Städte – Kiewer Land.
In welchem Zustand des Gemüts auch immer kommt ein Mensch zu ihnen,
er wird von ihnen gleich beherrscht,
und wird erleuchtet, und erhoben gleich zum Menschen!
Gefühle rufen sie hervor in ihm,
die uns beherrschen sollten, doch beherrschen selten!

Deswegen gibt‘s seit langem schon so keine Ordnung hierzulande,
und Menschen sind zu leben müde ohne Wahrheit,
und zu erfahren nur noch Qual sinnlosen Treibens!
So kommet ihr und herrschet über uns!

Die Bewunderung

Ich bin auf der Flucht vor mir selbst.
Vor erstickendem Alltag und seinem Getue,
vor seiner so alle Gefühle beherrschenden, tötenden Macht!
Mich in den "Russland"- Expresszug gesetzt
auf der endlosen Route der „Wladiwostok-Moskau“ …
die Hälfte Sibirien hinter mir lassend, verlor ich mich nirgends in Russlandes Weite...

Schneebedeckt Unendlichkeit,
Dickicht nur und Wald,
Tausend Kilometer weit
Sauset Russland bald.
Umgeweht von Winden ich
Rase Tag und Nacht,
"Russland" misst die Weit‘ mit sich,
Bringt mich weg vom Krach...

Wohin ich rase, weiß ich nicht…
Wonach ich suche, was ich finden werde ebenso...
Ob ich versuche mein Verstand, mich selbst zu täuschen,
Gefühle zu verbergen, welche mich in diese Flucht geschlagen haben?

Weggeflohen von dir, mich in Russland verlaufen,
wollt‘ ich Erdung erfahrn in dem Bahnhöfen Leid.
Ich hab‘ Menschen gesehn, einen elenden Haufen,
Als ich Elend mit ihnen in Zügen geteilt.

Ziellos wanderte ich über Weiten verschneieten,
wachte auf jeden Morgen in fremder mir Stadt.
Deprimierender Zärtlichkeit wollte enteilen ich
Und zerstreun mich im Winde aufm Flüchtlinges Pfad.

Doch ich log über mich und auch über die Einsamkeit –
Neu versuchte zu dir ich nach Kiew zurück,
Um dann dort – an dem Ursprung – zu finden Erhabenheit
Und Motive zu finden, zu holen mein Glück.

Und in deinem Porträt suchte mir ich Befriedigung –
Es verstand ich ab nun voller Liebe, ganz fromm:
Rief nach Kiew mich dort dein geliebtes so Spiegelbild,
Die entfremdete Schulter verbannt‘ mich aus Tomsk.

Es war jedoch nicht nur mein heutiges Gemüht,
das mich getrieben hat und in die Weite zog.
Auch die zweihundertjähriges Schicksal, Geschichte der deutschen Familie
verbinden mich durch unsichtbare Stränge
mit der mir fremd gewordenen Ukraine.

Im Jahre achtzehnhundertvier, als mein Ururgroßvater,
dem Aufruf damaligen Zaren Alexandr der Erste folgend,
aus Württemberg nach Taurien im Süden Russlands kam,
begann die Geschichte der Deutschen und meiner Familie als Kolonisten im Zarenreich.
Dort auf verwilderten Steppen erblühten die deutsche Kultur und das Leben erneut!

Die Abwechslungsreiche Geschichte war seitdem verbunden
in Gutem und Schlechtem mit Russlands Geschichte
So widerspiegelt das Schicksal von meiner Familie
all Widersprüche und Brüche von Russland und Welt…
Dadurch war sie gebrochen selbst,
zum größten Teil vernichtet und zerstreut rund um die Welt!

Der schlimmste Bruch ging durch das Leben meines Vaters durch
Noch vor dem Ersten Russland-Deutschland-Krieg geboren,
hatt‘ er als kleines Kind noch alle Gräuel deren Revolution,
des Bürgerkrieges zu erleiden,
er ward von beiden Reichen arg missbraucht und hart bestraft…

Sein Schicksal machte mir Sibirien statt Tauriens
zu meiner als Geburtsort zu verstehendn Heimat…

Von geheimer Kraft geführt,
Ohne dies zu meinen,
Fahre wieder ich verwirrt
Zur vermacht‘n Ukrajne.
Wenn vom Grame überfüllt
Jetzt dahin ich eile,
Aus dort stamme ich dafür
Auch durch meine Ahnen.

Vater-Kind-Gespräche
Fanden statt daheim:
Strohgedeckte Dächer,
Unsres Landguts Hein,
Rauschende Bäche,
Mühlen Malerei,
Vaters Kindheitslächeln -
Alles ward mir Schrein.

Auf Schlachtfeldern grollte
Unermesslich Not,
Aller Kriege Gräuel –
Alles fand statt dort.
Wo bei Gulyaypole
Herrschte mal Makhno,
Ward zu meiner Rolle
Im Geschichtskino.

Und nun ist Kiew da – die Stadt, die vor Jahrhunderten noch
mit seinen goldnen Kuppeln die mongolsche Goldne Horde
machte verrückt und entbrannte die Gier, und im Jahre
zwölfhundertvierzig ward erobert von derselbigen.
Und Kiew brannte…
Es brannten lichterloh und stürzten
in sich zusammen seine Kirchen; sie begruben Tausende
beim Gott in ihnen Schutz gesuchten Menschen – Kinder, Alten, Frauen, Männer…

Doch Kiew schüttelte das Joch bald ab und auferstanden,
und stellte seine Kirchen wieder her oder erbaute neue und noch schönere dazu.
Eine von, die Sankt-Andreas-Kirche, wurde auf dem Hügel über den Podil,
in der Nähe der bis auf das Fundament verbrannten Desjatinna-Kirche
von Rastrelli neu erbaut sowie im Jahre siebzehnhundertsiebnundsechzig eingeweiht.

Und da, auf ihrem Hügel, steht sie!
Und sie vervollständigt mit ihrer Schönheit alles Schöne, was um sie herum ist –
Podil und Dnjepr, die Kopfsteinpflasterstraßen und sogar Sophienkathedrale,
und Hunderte von Hunderten von Menschenleben, Liebe, Leiden…

Klein, aber majestätisch, anspruchsvoll, wie das Barock, doch sanft und leicht,
nach oben schwebend, ohne lauten Luxus Katharinenpalastes,
königliche Majestät des Winterpalastes,
und Schwerfälligkeit des Smolny-Klosters, ist sie eine Offenbarung
für alle, die sie sehen! Offenbarung von Rastrelli selbst…

Welche reine, leichte Seele, welche feine und erhabene Gefühle muss man haben,
um eine solch fabelhafte Unwirklichkeit mit solch einer Wirkung zu erschaffen!
Du kannst zu ihr geraten jederzeit, wann immer deine Seele von der Dunkelheit
der Trostlosigkeit angesaugt wird, gelegentlich nachts
und dann schauen von ihrigem Sockel empor.
Sie schwebt dann im Lichte der Scheinwerfer oben am Himmel
über dich und selbst wie Quelle strahlt das zartest‘ Licht aus.

Und das Licht fließt in deine verwirrte, bekümmerte Seele hinein,
und sowohl in den nächtlich dunklen Straßen als auch auf der ganzen Welt
scheint nichts zu existieren mehr…. Doch das Gefühl bedrückt nicht,
viel mehr erfreut dich. Dich erfreut in dir neu auferstandne Fähigkeit,
sich neu zu wundern.
Dies ist St. Andreas Kirche, die Rastrellies Kirche auf Vladimirs Berg.

Andreas Kirche im Scheinwerferlichte
Du bist wie Kerze, des Himmels Mitglied!
Du bist für mich in Erinnrung gelichtet,
Immer geliebte bleibst du mir im Lied.

Immer geliebt für mein plötzliches Glück,
Was du mir gabst, mir geöffnet die Seele,
Worte gegeben, den zärtlichen Blick
Der mir Geliebte ermöglicht zu sehen!.

Träume seit dem ich von Kiew und Darnitsa,
Du und die beiden sind ständig‘ Erwägung
Mir für die Liebe, für Verse, für Dankbarkeit,
Damit für dich nur mein Leben bewegt sich!

Kaleidoskop bin ich nun dir im Schicksal,
Werfend dir farbig‘ Fragmente zum Fuß,
Damit du niemals erlebtest den Trübsal,
Alltag und Dumpfheit und nur Lebenslust.
* * *

Der Zweifel

Ich stehe auf dem Platz, mich an den Zaun angelehnt.
Der Glockenturm Sophia-Klosters schoss vor mir hoch.
Neben ihm, gleich hinter Mauer aus den weißen Steinen, schwärmen sich im Himmel
in dem durch dichten Nieselregen matt zerstreuten Licht
der Scheinwerfer, die Kathedralekuppeln,
durchkreuzt durch dichtes Netz von durch die Nässe
glänzend schwarzen Zweigen von Bäumen ringsherum.

Ich versetzte absichtlich den Glockenturm, die Kathedrale und die Bäume lange Zeit,
bevor so eine Kombination entstanden ist, bevor den Punkt erreichte ich,
von dem aus schaue jetzt, ‘s nicht wagend, mich zu rühren,
um das kreierte Bild nicht zu zerstören.

Über mir schießt Bogdan auf sich aufbäumendem Ross empor,
mit dem Streitkolben eines Hetmanns unabänderlich nach vorn verweisend.
Sein Ross scheint sich zurückzuschrecken vor dem Glockenturm,
der vor ihm wie eine unüberwindbare Barriere ragt,
doch Bogdan richtet ihn mit seiner gebieterischen und selbstbewussten Hand nach vorne.
Ich stehe still und lausche nun mir selbst.

Ich lausche jeweilige Regungen in meiner Seele, welche diese mystische Erscheinung
hervorgerufen hat, die jetzt im Nachtdunst erst mal schwindet und
dann ihre strikte, majestätische Gestalt erneut erlangt.

Und wieder tauchen scharf die ewigen Fragen ewigen Zweifels auf,
die ihre Schärfe in dem Alltagstrubel wegen der imaginären Antwortlosigkeit
oder wegen Scheins der angeblich gefundenen Antworten verloren haben.

Was ist Glück und ob es ist?
Kann ein Mensch sein glücklich,
wenn er samt den Wurzeln aus dem Boden rausgerissen ist,
in welchen er seit vielen Jahren so hineinwuchs und
mit Füßen oft hineingetrampelt wurde?

Von einer Bö entwurzelt, welche weder viel Erinnerungen noch Bedauern
über die Verbindungen drinne hinterließ, die ihn bislang mit Lebenssäften nährten.
Wenn die verwirrte Seele so wie eine von den Stürmen fortgetriebene
Steppenhexe bald in einem sanften Flug und
bald in einem wilden Sprung in Ungewissheit rast und fieberhaft versucht,
nach irgendwas zu greifen, daran sich festzuhalten.

Was ist Liebe? Was sind Menschenwünsche, -träume, -leidenschaften?
Ist das Bloks Idealismus oder gilt es auch in der Realität, was er da sagte:

Scweig Seele, quäl mich nicht mit Plagen,
Und zwing mich nicht, lass mich in Ruh!
Er kommt von selbst uns eines Tages,
Der kristallklare Liebesruf!
Und hier in der Nähe des Schönen fand ich die gesuchte Erwiderung
in ihrer vollen Klarheit und mit all von Blok gebotnen dichterischen Reinheit:

In dieser Zeilen reinstem Ton
Ergründet Ihr Euch Trostes Wonne
Falls Ihr auf Liebe wart' besonnen,
Wie Blok es tat, der Musen Sohn.

Zerreißt Euch nicht in Eur‘m Unglück!
Sehnt Euch nicht nach verliebten Paaren,
Vergebens laufende Jahre –
Sie kehrn erneut zu Euch zurück!

Sie kehrn zurück! Mein Wort als Haftung!
Ihr aufersteht erst dann sofort,
Wenn Liebe klopft an Eurem Tor
Und aufruft Eure Leidenschaften!

Die Euch davor geplagte Sorge
Begreift danach Ihr selbst nun kaum,
Und sie vergeht wie böser Traum,
Geheilt durch klaren Liebesmorgen!

Aber was zieht einen Menschen an –
das Objekt des Begehrens an sich od‘ sein Bild?
Wofür er bezahlt und wofür er sich ausgibt,
um das Gewünschte zu besitzen?

Für den in jedem Menschen lebenden,
unzerstörbaren, verträumten Glückessucher: einen Goldgräber aus Klondikes,
einen fröhlichen, die Freiheit liebenden Texaner-Cowboy?
Od‘ für eine teure Arbeitshose namens „Jeans“, die er in einem Jahr
auf Lehrbank und Bürostuhl oder auf den Hockern
der Kneipen und Bars durchabreibt?

Für Möbel im "Retro"-Stil, die seine ohnehin verengt Wohnung nur weiter einengt,
durch die Angst, dieselbe zu berühren, oder für den Wunsch,
sich dem Geist sowie der Ehre der Dekabristen anzuschließen, welche –
von solchem Mobiliar umgeben –Gedichte Puschkins hörten
und ihre Freiheitspläne schmiedeten?

Warum, getrieben von Begierde, stellt er seinem Traum nach und zerstört ihn
allein durch die Banalität einer solchen Nachstellung?

Wozu mir die schlaflose Nächte?
Wozu Gedichte, Träumen Mächte?
Wozu, im Trubel ohne Gott,
Schenkt Schicksal mir mit Dir Komplott?

Ich habe nicht darum gebeten
Und wollte werd‘n nicht zu Poeten,
Damit, nach schneidig‘ Leiden, ich
Verkatert schreibe mein Gedicht.

Nun gut, erfuhr ich diese Macht,
Erlebte sie in voller Pracht –
Warum, erneut im Hamsterrad,
Verlor ich meines Lebens Pfad?

Warum konnt‘ ich vermeiden nicht
Mit Falschen zu umgeben mich?
Denn Einsamkeit gab endlich mir
Der Freiheit Wunderelixier.

Der Ehre, des Gewissens Freiheit,
Wo ich erfuhr der Seele Reinheit
Von Lügen, Tricks und Schmeichelein.
Wo konnt‘ ich selbst und ehrlich sein!

Warum, wie ein verliebter Bub,
Voraussehend Schluss abrupt,
Besitzen wollend sie so sehr,
Lief ich ihr wieder hinterher?

Wozu? Warum? Problem‘ Palette.
Als Frage Rauch von Zigarette,
Erdrückend stille dunkle Nacht,
Dein Licht, das hält mich ab nun wach...

Warum verlieren sich die Menschen, welche ineinander volle Leidenschaft
verliebt einst waren, jeden Alltag Seit‘ an Seit‘ zusammenlebend?
Blok erlebte auch ja seine „schneidig‘ Leidenschaften“.
Und schließlich sind die altbekannten Namen Beatrice oder Laura
doch nicht die Namen unbekannter Ehegattinnen von Dante und Petrarca…

Warum verbleiben die am Sophia-Kloster, an der St.-Andreas-Kirche und
an der Wladimir-Kathedrale jeden Tag vorbeilaufenden Kiewer
nicht jedes Mal verzaubert vor diesen stehen?
Warum hab ich auch Angst, für immer hier zu bleiben?
Ich habe Angst davor, durch diese Nähe ihren Zauber einzubüßen.
Die höchste Ekstase, kreative Begeisterung
zu verlieren, welche sie in mir erzeugen.

So zu verlieren, wie ich sie für einen Moment zu verloren schien,
als sich nachts vor meinen Augen in der Desjatinna-Straße eine hässlich skandalöse Szene
zwischen einer halb betrunknen Frau und ihrem nächtlichen Besucher abspielte.
Sie schrie und weinte, der Besoffne schimpfte grob und dreckig…
und über ihnen schwebte in der Höhe St.-Andreas-Kirche
und wie Godiva leuchtete mit ihrer nackten, jungfräulichen Reinheit!

Vor ihr erstarret träumte ich ein Augenblick zuvor davon,
in diesem Hause neben ihrem Sockel mal zu leben, freuend mich bereits in meiner Seele:

Werde ein Scheinwerfer an deinem Sockel,
Hebe hervor deine Seele und Charme,
Liebe besing‘ in Gedichten wie Block ich,
Hüll‘ um in meine Gedichte dich warm!

Ob ich ihren anregenden Einwirkung auf meine Seele hätt‘ bewahren können,
mein ganzes mit dem Alltag überladnes Dasein hier, an ihrem Fuße fristend?
Oder, ohne drauf zu hoffen, ist es besser, sich mit Seele an die Anmut
dieser Schönheiten zu schmiegen, über Tausende von Kilometern
in Momente der Verwirrung immer wieder zu ihr ankommend,
um sie mit neuer von ihr verliehner Seelenkraft zu lobsingen?

Ich stand so auf dem Platz und war nun nicht imstande,
all die Fragen zu verstehen oder zu beantworten.
Der warme, feine Nieselregen streute über mir, die Luft mit aufregender und belebender
Frühlingsfrische füllend, während‘s bis zu Weihnachten drei letzte Tage nur verblieben.
Die Liebe

Wir sind wieder Tête-à-Tête mit ihr – ich unten, auf dem Kopfsteinpflaster und sie oben,
im milchgen Dunst des nassen Himmels, leuchtenden im Licht der Scheinwerfer.
Wir sind beide offen für einander und schweigend verstehen sich.
Sie schaut mit ihren in naiver Zuversicht und kindlichen Erstaunen
weit geöffneten Rotonde-Fenster-Augen unter goldnen Strängen der Kuppelplastiken.
Sie schaut mich an, versucht dabei sich hinter einem Ecktürmchen
fast schüchtern zu verstecken, verlegen unter meinem durchdringenden, freimütig
verliebten Blick und leicht errötet mit dem goldnen Saum durchlässig blauen Antlitzes.
Und allmählich geht der noch vor langer Zeit von Paul Verlaine
eingehauchte Schmerz der Einsamkeit vorüber:

Von jemandes Hand
Bin Schwingen ich Wiege,
In Höhle entstand
Nur Schweigen verschwiegen...

Der legte damals noch den Grundstein dieser meinen Träume
und Diskussionen mit diversen Dichtern wie Verlaine:
Bei leichter Hand möcht‘ ich erwachen
Als Wiegeschwingen still und sacht‘,
Als deiner Lippen holdes Lachen
Als Liebesruf in unsrer Nacht!

Du würdest mich verstehn, Poet!
In Höhln Verschwigenheit verweilend,
Bin ich seit Jahren einsam jetzt,
Ergoss mein‘ Gram in Dichtungszeilen.

Du stimmtest voll daher mir zu
In dem empörend harschen Streite,
Dass werden weder ich noch du
Nach Liebe suchn in Liebesstreichen.

Die Liebe suchn nicht himmelhoch,
Vielmehr in abgekühlter Seele –
Ein solches Los ist weder noch
Für mich, für dich an meiner Stelle.

Wer diese Einsamkeit wie Paul Verlaine gut kennt, wird nicht an Liebe leiden
wie Pierre Ronsard wer nicht an Einsamkeit, viel mehr an seinem Missverständnis
der wahren Liebe litt:

‘s ist großes Pech, wenn man nicht liebt,
Nicht wenig Pech, zu sein verliebt,
Doch dies ist auch noch nicht das Schlimmste:
Viel schlimmer ist’s und bringt mehr Schmerz,
Falls du ihr schenkst dein ganzes Herz
Und ihre Antwort doch vermisst du!

Gerade hier, an ihrem Fuß, verstand ich das so schlichte Glück der Liebe:

Nicht lieben ist’s gleich Pech – kein Streit, mein Freund.
Doch wie versteht man deine These,
Dass das Verliebtsein auch Unwesen,
Und nicht die höchste Lebensfreud‘!

Du scheinst es selbst nicht zu verstehen,
Dass dein Gedicht, so schmerzensvoll,
Entstünde nie so fein und toll,
Wär‘ Herzensblitz dir nicht geschehen.

Die Liebe ist uneigennützig,
Und wenn Du schon vergibst die Seele,
Dann trink dein Glück aus dieser Quelle,
Such nicht nach Antwort in der Hitze!

Sie hängt von Dir ab – diese Antwort,
Ich gebe dir darauf mein Wort!
Nur lass den Trauer hier sofort,
Vergieß den Zweifel Geistes sanften.

Nur lösche nicht, entflamm's sogar
Dein Liebesfeuer dem entgegen.
Und SIE verbrennt sich deinetwegen
In diesem Feuer, mein Ronsard!

Aus Dankbarkeit für dieses mir gegebene Verständnis schenk ich ihr im Gegenzug
einen Heiligenschein aus den funkelnden Tautropfen über ihrem Haupt
und Gedichte, und Gedichte, und Gedichte...

Durch Dich in mir geborne Verse
Geb‘ nach Bestimmung Dir zurück,
Und ich fühl‘ sie in mir als Glück,
Als Stürme von Gefühln diversen!

Trotz ihrer ungeschützten Offenheit für alle existiert sie jetzt nur noch für mich, und
sogar ein junger Pappel-Baum, am Hang in ihrer Nähe stehend,
trat ein wenig in den Schatten anspruchslos zurück und wagt es nicht,
unsren schweigsamen Dialog zu stören, doch es geht mir nicht darum:

Brauchst Du ‘nen Anderen Liebe gerade,
Wär‘ ich zu gebn meine Kraft ihm bereit,
Wie seiner Zeit in der Nacht Serenaden
Sang für den Anderen de Bergerac.

Und ich bin ihm dafür auch dankbar. Auch für Schutz und Unterstützung,
die er ihr in ihrem nun gemeinsamen Bestrebung gibt, den Himmel zu erreichen.
Er streckt sich stramm mit allen seinen Ästen in vergeblichen Versuch,
sie zu erreichen, doch erreicht dabei kaum Kapitelle ihrer Säulen und Pilaster.
Und trotzdem sieht er stolz und glücklich neben ihrem Fuß aus.

Mit der Glut meiner Liebe zu trocknen dir Tränen,
Deine Sorgen zu nehmn mir auf Schläfen als Grau,
Dich von allen Gewittern und Stürmen zu trennen,
Und dein Dasein zu schützen, zu heben zum Traum!

Zu befrein Dich als Ritter von all deinen Ängsten,
Zu zerstreun deinen Alltag mit meinem Gedicht,
Zu verbreiten vor Dir Lebenswege, die Längsten,
Sie zu gehen mit Dir wär‘ das Ziel nur für mich!

Auf den Flug meiner Seel‘ mitzunehmen Dein Leben,
Deine Liebe, Dein Glück wünsche ich mir so sehr!
Du wärst niemals zum Alltag in meinem Bestreben,
Sondern schönes Gedicht, ungeschriebene Mär!

Aber die alte Akazie, die sich, wer weiß es woher,
an ihrer Treppe eingenistet hatte, hängt die Äste weit und mürrisch aus,
verkündend dadurch ihr Missfallen und Verurteilung
ihrem jugendlichen Leichtsinn gegenüber.

Doch sie merken gar nicht ihre tadelnde Präsenz
und unterbreiten weiterhin das reinste Ideal
der bezaubernden Schönheit, der grösten Begeisterung,
offenen quellfrischen Liebe!

Alles, was mit dir zusammenhängt,
alles, wo nur waren wir,
wo dein Atem in Luft hängt,
flüchtig‘ Blick von dir,
wo zusammen standen wir,
sind die Spuren sichtbar
diese Inschrift auf dem Schnee,
alle Fenster in der Reihe,
Kiew selbst, mit Kirchen, Lichtern,
Kerzen zwei, von uns geweihet...
Und der Anfang aller Dinge –
Schauspiel für uns nur zweien,
wo du saßest, müde gegen Schlafen ringend…
Unser Mayakovski-Platz
Und Kantine dort -
unser süßer Essensort...
Das Theater Moskaus Rats –
Alles, unsre jede Tat,
ist mir heilig,
alles heimisch,
das Symbol für mich das stärkste,
alles merklich:
Augen deine,
Seele feine,
Lächeln deiner schönen Lippen,
deine Zärtlichkeit in Blicken –
Alles blieb bis jetzt zurück mir!
Es gibt nichts mehr in dem Rücken!
Nichts ist wichtiger als das,
weder Job, noch Freund, noch Spaß.
Nichts davon, von unsres Beiden,
kann ich mehr vermeiden…
Liebe wird verhindern
alles etwas Andre,
alles etwas Mindre!
Ich bin ganz vor dir
Nichts ist teurer mir!
Alles dir zu Füßen
lege ich mit Küssen!
Ich bin ganz zerrissen,
aber mein Gewissen
ist froh kriegen Liebesgrüße,
die wir so zu schätzen wissen!

* * *

Das Glück

In diese Nacht dient mir die Ferngespräch-Zentrale auf Chreschtschatyk
als Unterschlupf – der einzige der Orte einer Stadt,
der jedem Nachtwanderer offen steht.
Hier erlebe ich die fieberhaften Kreativitätsmomente.
Ich gebe vielmehr die Momente der Eingebung fieberhaft klar aufm Papier wieder,
die ich zuvor auf Straßen sowie Plätzen dieser Nachtstadt –
an den Füßen meiner Leuchten – hab erleben dürfen.
Und dann bin ich schon wieder glücklich.

Nichts lenkt hier ab und lässt die müßig faule, lähmende Gemütlichkeit
in meine Seele einschleichen. Jede der Kabinen hier, inmitten denen ich jetzt sitze,
ist ein lebender erregter Nerv, der mich mit Menschen
aus verschiednen Ecken in der ganzen Welt verbindet,
die in endlosen und in dem Osten verschneieten Weiten verloren sind.

Das Gefühl erwärmt und inspiriert, es trägt dazu auch bei, die Klarheit meiner Bilder und
Handlungen gut zu bewahren, die im Herzen und in den Gedanken
gespeichert sind. Und wenn du nach dem Niederschreiben anfängst,
sich leer zu fühlen, kannst du wieder aufstehen und
durch die so von mir geliebte Nachtstadt gehen:

Die Stadt schläft in der Nacht allein
ich bin allein drin wie ein Kerzenlicht.
Ich bin allein, und alles ist jetzt meins:
Mir liefern Wagen Brotes Leiber –
Gebirge heiße,
mit weißer Milch gefüllte Flaschen –
die Flüsse voller Milch.
Die Straßen im Asphaltbeleg –
sie liegen nachts für mich
wie ein Kopfsteinpflasterweg
Die alte Häuserschaft
leuchtet märchenhaft
für mich in dieser Nacht.
Die Kirche über mir –
sie gibt’s gar nicht,
sie ist nur meine Fantasie,
nächtlich‘ Irrlicht…
Ich gehe und nicht ich…
Die Stadt, erwecket nun durch mich,
mein Kamerad geht auch mit mir...
Nichts ist real und alles‘st Märchen…
Vor allem bist nur du es,
wen ich jetzt trage in mir drin
liebkosend lächelnd,
mit meiner Zärtlichkeit die Stadt gefüllt.
Und nichts werd‘ ich mehr brauchen,
nur ewig tragen still
Und nur nicht fallen lassn
nicht zerschlagn,
nicht betrübn,
sich nicht einmischn
In Reinheit Fassettn von dir –
der Diamanten Tropfen!
Das deine Licht voll aufzusaugn
und dieses Licht dann ausszustrahln,
um Menschen Seelen zu erleuchten,
zu küssen wach,
damit sie endlich sehen,
verstehen könnten
die Städte in der Nacht!

Ich gehe ein wenig zurück dem Chreschtschatyk entlang
und dann durch Seitenstraßen, die wie Kopfsteinpflaster-Nebenflüsse
in den Chreschtschatyk einfallen, und klettere durch eine dieser Nebenstraßen
auf die Wladimirska, dort wiederholt sich unvermeidlich meine Strecke:
am Opernhaus, am Gasthaus "Leipzig" und an allen Ampeln auf Wladimirska vorbei,
die mir auf meine Gruße zärtlich zwinkern nur mit den türkisen Augen –
nachts erlauben sie mir alles!

Und nun, strebt wieder, halb zu mir gewandt, Bogdan nach Freiheit –
der ukrainische, auf seinem Ross von Puschkin glatt vergessene Große:

Bogdan aufm aufgebäumten Pferd
Schwebt über Platz zu Rosses Hufen.
Erwarb er längst Symboles Wert,
Nach vorn mit seiner Keule rufend!

Der Ross, gezügelt, setzt zurück
Vor der hochtürmenden Sophia,
Der Reiter bleibt doch weise klug
Und treibt‘s nach vorn mit Freiheitswillen

Er sitzt im Satt‘l – das Schwergewicht –
Vom Gott über das Volk gegeben,
Vergangne Jahre löschten nicht
Ideen Klarheit seines Strebens!

Der Platz liegt wieder schon vor ihm,
Wie Pereyaslavskaya Rada,
Der Aufruf ist noch legitim:
Es gibt kein Hindernis für Brüder!

Und vor ihm, und vor mir steht Sophia!
Und es spielt keine Rolle, dass sie nicht im Flutlicht der Scheinwerfer glänzt:
Sie und Bogdan, und Wladimirska sind nur ein Auftakt.

Das Endziel meiner solchen Routen ist die St.-Andreas-Kirche!
Ich komme zum Ende Wladimirska und da schwebt sie bereits noch in unklaren Umrissen wie ein Trugbild am Himmel vor mir,
um in einer Minute erneut
hinter dem Sockel der einst drauf beruhenden und von der Horde
abgebrannten Desjatinna-Kirche und den diesen
umgebenden Bäumen zu entschwinden, wie es sich für die gespenstische Gestalt gehört,
und hier wird dieser Auftakt jäh beendet mit dem tragischsten Akkord
einer der bittren Legenden von Kiew und ganzer damaliger Kiewer Rus.

Dann ertönet mit leiser, behutsamer Note die lebensbejahende Symphonie
aus Überraschung, Zweifel, Liebe, Glück – sie tauchet schüchtern aus den Bäumen auf
abwechselnd mit allen ihren Türmen, deren Kuppeln.
Und jetzt ist sie ganz vor mir, und über mir, und in mir!

Und hier tritt mit dem wachsend purpurroten Glockenläuten,
die in mir geborne Symphonie in ihre Kulmination.
Und unter diesen jubelnd hochgesinnten Klängen hänge ich die zerrissene,
davor in meinem Unterschlüpf in mein Notizbuch aufs Papier entleerte Seele
und verwirrte Gedanken, Gefühle auf ihrige Kuppeln…

Und sie strömen mit erneurten Farben und Gedanken,
und Gefühlen wieder tief in mich hinein!
Und es ist bereits unmöglich, mich zurückzuhalten,
und wieder tragen die gepflasterten Pfade nach Chreschtschatyk.

Ich bin zurück in meinen völlig leer gewordnen Unterschlüpf,
und hier wird ein neues Lied geboren,
und es gibt kein Ende diesen Liedern,
so wie der Bewunderung für St. Andreas-Kirche keine Grenzen je gesetzt wird,
so wie keins meiner Lieder sich wiederholt,
und kein einziger Tag wird je so wie ein anderer, sei er mit Dir gelebt!

Die Weisheit

Die Bewunderung, Zweifel und Liebe durchlaufend, erkannte ich
das Glück, und ich bin weise wie Omar Chayyām geworden,
als ich den Sinn des Lebens knapp in vier nur Zeilen
einer Rubaya verstehen und ausdrücken konnte:

Ich bin bereit, zu lebn ‘ne Stund‘,
Wenn nur kein Fasten wär' drin, und
Die Stürme aller hundert Jahr‘
In diese Stunde wären um!

Ich habe die Essenz des Glückes als ein Geisteszustand,
als die frenetische Bestrebung eines jeden S c h a f f e n d e n
und nicht Z e r s t ö r e n d e n,
L i e b e n d e n und an die Liebe G l a u b e n d e n!

Und nur im Glück erlangt der Mensch die Weisheit!
Und er kann die Weisheit bewahren, solange er
die Fähigkeit behält, es f r e i zu schaffen.
Nicht ohne Grund mag ich die Stadt bei Nacht und Nachtansichten
deren Häuser, Plätze, Straßen.

Und ich sollte jetzt nicht zu ihr gehen.
Ich fühlte es, aber ich konnte mich nicht zurückhalten –
heute verlasse ich Sie…

Sie stand erloschen in dem grauen Licht des keimenden
Morgens, selbst ein wenig grau nach der mit mir verbrachten schlaflosn Nacht.
Aber sie regte mit ihrer so stillen bescheidenen Anmut erneut an meine Bewunderung,
und ließ dazu gerade jetzt die weisen und erhabenen Gefühle
der Güte und der Dankbarkeit in mir aufkommen…
Durch die nächtliche Verschmelzung unsren Seelen dicht verwandt,
merkten wir nicht und vergaben einander wir unsere leicht verwirrte Erscheinung,
von zärtlicher Freude erfüllt…

Und in dem Moment passierte’s: Die Touristen stürmten plötzlich schrill herein.
Sie wurden in lauten Gruppen von den Reisebussen herausgespuckt
und rannten, stöhnend, ochend-achend,
um sie anzuglotzen, zu begrapschen, zu betrampeln,
mit unnötigen Worten zu bequatschen, stellend zur Schau ihr angebliches Wissen über
architektonische Elemente und zerstückelnd sie kaltschnäuzig brav in diese Elemente...

Ich spürte auf einmal ihr durchdringendes Leiden,
das in mir als Schmerz stark widerhallte.
Das Gefühl der unerträglichen Einbuße trieb mich weg. Ich fühlte mich durch diesen Unfug ganz gedemütigt und mit den Füßen so getreten,
dass ich sie zu dieser Entweihung zurückließ,
ohne die Kraft zu verspüren, sie in dieser erfrischenden Stille beschützen zu können.

Wladimirska rollt vor mir wieder zu einem für mich strikt verschlossenen Knäuel auf.
Ich wusste, dass ich zum letzten Mal hier war.

Der Glaube

Und die Touristen verfolgten mich und überholten mich in ihren Bussen.
Sie sind bereits bei der Sophia, Bohdans Platz gefüllt,
und ich beeile mich an allem vorbei, ohn‘ anzuhalten, ohne die Sophia anzuschauen…

Und plötzlich vernahm ich den funkelnden Glockenklang
der Wladimir-Kathedrale, irgendwo aus Himmelshöhe strömend.
Nun ist sie schon selbst vor mir und ich bin drin, verschluckt von ihr.
Doch was für ein Zustrom von Menschen? Und keine Touristen,
sondern inspirierte, leuchtende in eine Richtung strebende Gesichter.
Ich verfolgte diese – alle Augen waren auf den Mann gerichtet,
der hinter der Kanzel geprädigt und seine Gemeinde mit goldenen Kreuz grad gesegnet hat,
die liturgische Zeremonie somit abschließend.

Er trug ein hohes schneeweißes Kamilavkion mit einem
Diamantenkreuz, das in seiner Stirn funkelte.
Sein Gesicht, umrahmt vom weißen, grauen Bart –
es schien mir das Gesicht schon irgendwo gesehen zu haben...

Ich dachte übers „Wo“ noch nach, als‘s in der Kathedrale ziemlich lebhaft wurde.
Junge Diener in goldnen im Grenadierstil gestickten Gewändern,
räumten einen Korridor in dichter Menschenmenge auf.
Jeder in der Menge suchte, zu den Ufern dieses breiten Korridors schnell zu gelangen.
Ohne dieses allgemeine Streben zu begreifen,
gelang ich dennoch, von den Menschen mächtig gedrängt, genau dorthin.

Dadurch ging bereits der Mann im Kamilavkion mit seinem hohen
mit goldnen Knauf verzierten Stab zum Ausgang.
Erst jetzt erfuhr ich aus Geflüster eng an mich gedrückten Menschen,
wer der Mann mit heilgem Antlitz war –
"Seine Eminenz", der Kiewer Metropolit!
Er erteilte Segen, seine Hand zum Küssen allen ausstreckend,
welche die Gelegenheit bekamen das zu tun – vor allem viele armen und verkrüppelten.

Die üblichen und zynischen Gedanken eines Atheisten schossn mir durch den Kopf,
doch dann erreichte Er auf seinem Gang die Stelle, wo stand ich:
Er schaute mich mit seinem weisen klaren Blick an,
alle meinen Zweifel verstehend und vergebend.

Verlegen unter diesem Blick verbeugte ich den Kopf.
Er, als würde er meine Verwirrung erraten,
segnete mich mit dem Zeichen des Kreuzes und streckte die segnende Hand aus,
und ich – in einer Art bisher mir nicht geläufiger Ekstase...
berührte sie mit meinen Lippen...

Gleich vom Gang verdrängt, bemühte ich mich,
im Körper fast Zittern einer unverständlichen Aufregung fühlend,
aus der Kathedrale auf die Straße.
Noch mehr Menschen als in Innrem, sammelten sich vor der Kathedrale.
Dort der gleiche Korridor von Stufen zu der schwarzen Limousine.
Das Glockenläuten steigerte sich immer mehr
und wurde noch mehr klangvoll und noch kräftiger.
Schon versammelten sich Menschen auf dem Boulevarde vor der Kathedrale.

Ich fand mich aus der Menschenmenge raus,
zündete mir eine Zigarette an, versuchte mich zu beruhigen und zu verstehen,
was mit mir da drin passiert war.
Hat mich wirklich meine Huldigung der reinsten Schönheit
der St.-Andreas-Kirche zu dem Glauben hingeführt?
Immerhin schien ich zu glauben, als ich seine Hand mit meinen Lippen kurz berührte!

Ich glaubte…, allerdings nicht ganz begreifend noch woran.
Und ich erinnerte mich plötzlich an Gesicht – es war das Antlitz
von aller Heiligen auf den Ikonen von Andrei Rubljow!
Und ich glaubte nicht an die verwirrende Erzählung
aus der Bibel übers Leben Christi,
sondern an die Dinge, die Rubljows in den Ikonen darstellte:
an die menschlichen Schönheit und Güte,
an die Tiefe des Mitgefühls und
an die Liebe!

Und noch daran,
was Iwan Kramskoy in seinem Bild
"Christus in der Wüste" darstellte:

Er sitzt trostlos auf einem Stein
In dieser Stille, ganz allein,
Allein verantwortlich fürs Ganze,
Allein in Wüste ohne Grenzen.

Er‘st nicht verwirrt, der Gottessohn,
Auf seinem Weg zum Himmelsthron...
Mit der auf ihn gelegten Bürde
Strebt er noch nicht nach Gottes Würde.

Golgathas Kreuz erwartet ihn,
Der Finger Judas schickt ihn hin
Vom dieses Abendmahles Feste,
Wo überprüft er seine Gäste.

Und diese dreißig Silberling‘
Verwirrn uns alle, nur nicht ihn,
Als wir verstehn danach besonnen,
Dass Freunde wir verkaufen können.

Zu Füßen blutenden von ihm
Wir tragen unsre Sünden schlimm,
Damit er uns vergibt großzügig
Zynismus, Frevel ungezügelt...

In ihm die Leere und herum
Sieht man im Griff der Hände ihm.
Er sitzt noch da als Unbekannte,
Von den Gedanken überrannt er

In Menschen – nicht des Gottes – Hand,
Die pflügte ewig Ackerland,
Verwand ist mir ganz seine Seele
Und unfehlbar ist seine Nähe!

Er ist erschöpft an schwerem Weg,
Ergriffn vom Zweifeln unentwegt,
Er sieht voraus in seinen Sorgen
Verrat von Menschen und Verfolgung.

Doch zeigen Augen, voller Drang,
Es ist ihm gar nicht angst und bang'.
In Augen, voller Schmerz und Güte,
Sieht man, dass sie die Hoffnung hüten!

Er nimmt den an, brutalen Weg,
Nimmt Menschen alle Sünden weg
Und zeigt mitm Leidensweg in Himmel
Der Menschen wahrhafte Bestimmung!

Und wieder dankte ich sowohl der St.-Andreas-Kirche
als auch Sophia und Wladimir-Kathedrale mit dem Glockenklang dafür,
dass sie mir diese Fähigkeit gegeben haben,
das zu begreifen und daran zu glauben!

Und es gibt noch immer auf diesem Weg des Wissens und Verstehens
im Zentrum, wenn von der Wladimir-Kathedrale bis zur St.-Andreas-Kirche oder,
wenn in die Tiefe der Jahrhunderte, genau an dieser Quelle –
die auf dem Bogdan-Khmelnitsky-Platz empor erstrahlte St. Sophia –
ein helles und heiliges Gefühl der menschlichen in Liebe befriedten Einheit!

   Kiew, anno 1980
Kiewer Nacht - PDF-Datei

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