Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik

Die Genügsamkeit
oder darüber,
was und wie viel es einem Menschen reicht, um reich zu sein


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Vaters Monatsrente betrug etwa vierzig Rubel. Umgerechnet wären es zirka fünfzehn Flaschen Wodka oder - der Vater kaufte ja keinen Wodka - zwölf Kilo Butter, obwohl die Familie Butter auch nicht kaufte. Dies waren immer nur die abstrakten Einheiten, in denen der Vater immer die Höhe seines Einkommens berechnet hatte, um die Lebensqualität in verschiedenen Jahren und Ländern, sei es die Ukraine, das Dritte Deutsche Reich oder die Sowjetunion, vergleichbar zu machen.

Sie kauften auch kaum Spielzeuge oder Süßigkeiten für die Kinder. Was auf der Einkaufsliste stand, war nur das Notwendigste von Lebensmittel: Brot, Mehl, Zucker, Salz, Sonnenblumenöl,.. und das wäre dann auch alles. Das Andere kam auf den Tisch aus dem Gemüsegarten, vom Kartoffelfeld, vom Schwein, von der Kuh, von ein paar Hühner und Enten.

Die Schuhe und die Kleidung für die Kinder wurden nur einmal im Jahr vor dem Schulbeginn gekauft, aber auch nur dann, wenn die Schuhe oder die Hosen von Älteren den Jüngeren nicht mehr passten oder so abgetragen waren, dass sie nicht mehr geflickt, gestopft und gebraucht werden konnten. Dies war der Fall, wenn es keinen Platz für einen der nächsten Flicken auf den Schuhen oder auf den Hosen zu finden war.

Bis dahin mussten die Söhne, vom Vater angeführt, alle Schuhe selbst reparieren, d. h. sie mussten die sibirischen Filzstiefel neu besohlen. - Auch eine für den Kleinen noch ziemlich schwere Angelegenheit.

Die Mutter strikte zum Winter warme Wollsocken und Wollhandschuhe, nähte leichte Hosen und Hemde aus dem billigstem Stoff für den Sommer, prüfte, flickte und stopfte vor dem Herbstbeginn sorgfältig alle alten Hosen, Jacken, Hemden, Socken und Handschuhe.

In der Schule wurden die Kinder wegen solcher Hosen mit manchmal zwei dicken Flicken am Hintern "Arschbrillenträger" genannt. Es machte ihnen aber nichts aus, weil sie daran gewöhnt waren und nichts Anderes kannten. Dafür konnten sie aber eine ganze Menge, und sie setzten dieses Können, darunter auch ihre besten Schulleistungen, solchen Bezeichnungen entgegen, so dass sie sowohl auf der Strasse als auch in der Schule viel mehr geachtet als verachtet oder ausgelacht wurden.

Diese Art zu leben, nur das Notwendigste anspruchslos zu haben, und nur das Anspruchsvollste zu leisten, gab ihnen eine richtige Ansicht der Dinge, was die Armut und das Reichtum anbetrifft. Sie fühlten sich nie arm, nicht einmal im Sinne besitzlos oder mittellos, geschweige denn von unglücklich oder bedauernswert zu sein.

Sie besaßen, wahrscheinlich von der Natur aus, eine Menge Fähigkeiten und eine Menge Mittel bestimmt von ihrem Vater, der ihnen diese Mittel beigebracht hatte, diese Fähigkeiten zu entfalten. Sie hatten auch fühlende Seele ihrer Mutter vererbt und anerzogen bekommen, was ihr Leben jedoch unter Umständen nicht unbedingt leichter machte. Aber glücklich waren sie in ihrer Familie allemal.

Sie spürten und wussten, dass viele Menschen um sie herum bedauernswert waren, wie der nette Kerl mit der Frage "Ob es hinter Polen noch eine Stadt gäbe". Sie waren stolz auf sich und bedauerten diese Menschen von ganzem Herzen. Sie fühlten sich reich und waren immer bereit solchen Mitmenschen zu helfen und Ihres mit ihnen zu teilen, wie es sich eben für die im traditionellen Sinne reichen Menschen gehören sollte, aber nur selten gehört.

Sie wären nie darauf gekommen den anderen Menschen Etwas zu klauen oder noch schlimmer bei denen um Etwas zu betteln, was sie nicht hatten. Wenn sie Etwas nicht hatten, was sie machen konnten, wie zum Beispiel Spielzeuge von Spielwaffen aller Art bis Spielautos, fertigten sie diese eben für sich selbst aus dem an, was sie zu Verfügung hatten: meistens aus Holz, verrostetem Eisen oder alten Konservenblechdosen. Was sie nicht hatten und nicht anfertigen konnten, existierte für sie einfach nicht. - Kein reicher Mensch schafft es ja auch, alles in der Welt zu besitzen.

Diese Einstellung und dieser Stolz waren nicht einmal Erziehungssache. Es wurde darüber nicht einmal geredet. Das war wahrscheinlich die erbliche Verhaltenweise in der Familie und stammte vom Vater, der diesen Stolz noch von wohlhabenden und dafür niemandem Etwas schuldigen deutschen Kolonisten noch mit der Muttermilch eingesogen hatte.

Oder auch von beiden Eltern, die es in ihrem Leben so brutal gelernt hatten, wie wertlos, vergänglich und sogar beschwerlich alles sein kann, was man so um sich herum aufhäuft und dann auf brennenden Geschichtebahnen mitzuschleppen und zu retten versucht. Das Wertvollste und das Transportabelste, was nicht belastet, immer hilft, nie vergeht und sich sogar immer weiter vermehrt, ist nur das, was man in sich trägt: in seinem Kopf, in seinem Inneren, in seinen Händen und Füßen.

Deswegen wusste der Kleine auch gleich nach diesem Theater mit dem Kind und seinem Spielauto, dass er sich dabei gar nicht ehrenhaft verhalten hatte. Als ob ihm dieses Scheißauto oder sonst noch Etwas fehlte. Diesen nicht ausgesprochenen Vorwurf sah er auch in Vaters Augen, als der Vater auf den Hof herauskam. Auch deswegen war der Kleine froh, sich endlich aus dem durch Nichts aufgewirbelten Staub zu machen und, sich vor dem Vater schämend, in seinem staubigen Dachraum zu verschwinden und seine Arbeit fortzusetzen.

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