Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik

Worin besteht die Freiheit
oder über eingebildete Ängste und Leidenschaften


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Seine Freiheit - eben als eine Handlungsfreiheit bei seinen Entscheidungen - verstand er aus seiner eigenen Erfahrung und nicht aus einer von außen her aufgezwungenen Demokratielehre.

Ein Mensch ist nur dann frei in seinen Handlungen und somit in seinem Menschenleben als eine Persönlichkeit, wenn er keine Angst hat und nicht über seine Schulter schauen oder seine Hand vor dem Mund vorhalten mag, falls er etwas meint, etwas sagt und etwas entscheidet. Und die Ängste macht sich der Mensch meistens selbst. Die Anderen - seien es seine Mitmenschen oder die über ihn stehenden Machthaber - weisen nur auf die in ihm bereits schlummernden Ängste hin, nutzen diese aus und erpressen damit diese Menschen. Und es gilt für jeden Menschen, von dem herrschenden demokratischen, diktatorischen oder sonst noch welchem Staatssystem unabhängig, in welchem er lebt.

Der Vater hatte nur vor einem richtig Angst - so erpresst zu werden. Deswegen lebte er ehrlich und offen, um nichts verbergen zu müssen: keine Lügen, keine großen und vor allem kriminell stinkenden Geheimnisse oder Taten! Dies schließ seine Kalyme mit ein, bei denen er - im Unterschied zu vielen anderen - nie die Lügen bezahlen ließ, welche nachgemessen und widerlegt werden konnten, wie zum Beispiel zwei Kubikmeter Erde statt eines tatsächlich Ausgebuddelten. Wovor sonst sollte er dann noch Angst haben?

Seit Jahrhunderten scherzen Sibirier sehr treffend über manch ihr draufgängerisches, angstloses und für die Nicht-Sibirier nicht immer nachvollziehbares Verhalten:

- Weiter als nach Sibirien wird man sowieso nicht verbannt! Sonst wäre es schon eine Belohnung und keine Strafe mehr!

Sibirien als Gefängnis und Arbeitsstraflager - dort war der Vater schon mal noch als ein schwaches Kind heimisch. Sollte ihm das für manch sein dreistes Verhalten noch mal passieren, wäre er dort mit seinen neuen Erfahrungen und Kräften noch heimischer und sogar der Erste unter den dortigen Knastbrüdern. Selten wurde er bei seinen Vergehen nicht erwischt, zumal er keins von denen zu verstecken oder zu vertuschen versuchte. Er wusste schon immer, dass nichts umsonst ist, und man für alles - auch und vor allem für seine Vergehen - zahlen muss. Er hatte schon mal die Bekanntschaft mit der Miliz gemacht und manche Auseinandersetzungen mit den Milizionären gehabt, die ihn dabei zum Krüppel zu machen versucht hatten. Also war er auch hier unerpressbar, während viele Anderen gerade in solchen Situationen vom KGB erpresst und als seine Spitzeln angeworben wurden.

An seinen vorzeitigen Tod glaubte der Vater auch nicht. Er dachte einfach nicht daran, um davor keine Angst zu haben. Er konnte sich vor möglichen alltäglichen Kleingefahren gut wehren, lernte sowohl von seinem Vater als dann auch selbst die Kunst des Überlebens und wusste nun mit absoluter Sicherheit eins: Die Umstände, die sein Vater überlebt hatte, hätte er nun auch überleben können, und kein im Kopf gesunder Mensch konnte sich vorstellen, dass sich die gegenwärtigen Umstände sowohl in der UdSSR als auch auf der ganzen Welt zu den schlimmeren als die für seinen Vater entwickeln könnten.

Natürlich hatte er - wie jeder andere Mensch auch - Angst vor dem einfachen physischen Schmerz, und einfache physische Leiden, die ihm zugefügt wurden - sei es auch die einfachste vom Arzt vorgeschriebene Spritze - kränkten ihn bis in die Seelentiefe. Aber die Angst vor dem seelischen Leiden dadurch, dass er in irgendeiner Situation kleinmütig gewesen wäre und nicht danach gehandelt hätte, wie es die Situation und seine Prinzipien von ihm verlangten, war bei ihm doch viel größer. Allein schon deswegen, weil beliebige physische Schmerzen schnell vorübergehen, und körperliche Verletzungen früher oder später sowieso heilen, während die in seelisches Leiden übergehenden Gewissensbisse fürs ganze Leben bleiben, zur Selbstverachtung führen und das Selbstbewusstsein ruinieren.

Er konnte deswegen irgendeine herausfordernde Frechheit eines einzigen und eindeutig schwächeren Menschen noch locker geschehen lassen, warf sich aber sofort, ohne zu überlegen, in Kampf, falls er dazu von ein paar eindeutig stärkeren Männern herausgefordert wurde. Denn, wenn ein Mensch in solchen Situationen nur eine Sekunde überlegt, siegen seine Vernunft und sein Selbsterhaltungsinstinkt, und er zieht sich leise und ohne jeglichen Schaden für seine Nase zurück. Der Vater bevorzugte es sich erst nach einer Schlacht stolz zurückzuziehen und dann eine Woche lang mit der gebrochenen Nase zu schlafen, statt mit der gesunden Nase kleinmütig zu verschwinden und dann mehrere Nächte nicht mehr zu schlafen und das ganze restliche Leben unter der Gewissheit über seinen eigenen Kleinmut zu leiden.

"Abgerupfter, aber nicht besiegter Hahn!" - wie er über sich selbst scherzte, wenn sich seine Freunde manchmal nach solchen Zwischenfällen bei ihm erkundigen wollten, warum er so blöd sei. Wie sich solche Auseinandersetzungen auch enden mochten, nahm der Vater seinen Gegnern den Sieg von vorne rein weg, denn keine normalen Männer empfinden sich als Sieger, wenn sie zu dritt oder zu viert einen schlagen, welcher sie auch noch selber angegriffen hat.

Er hatte auch keine Angst seinen Weg zu brechen und somit irgendein ehrgeiziges Ziel aus dem Auge zu verlieren oder dieses dadurch nicht zu erreichen. Denn sein ehrgeizigstes Ziel war es ja nicht einen richtigen, direkt ans Ziel führenden Weg irgendwie zu gehen, sondern seinen aufrichtigen Weg richtig zu gehen. Dementsprechend konnte er dieses Ziel nie aus den Augen verlieren, egal wie gebrochen und zickzackartig sein Weg war. Und falls sogar sich ein nächster Zickzack nicht notgedrungen ergab, legte der Vater einen selbst ein. Denn am Ende seines graden Weges kann jeder Mensch nur ein trübes und makabres Bild von seinem eigenen Sarg und Grab sehen, welches nicht unbedingt zu den ehrgeizigsten Menschenzielen gehören möge. Es ist ja viel interessanter zu leben, wenn derselbe Mensch nicht so genau weiß, welche herausfordernde und das Sargbild abschirmende Überraschung auf ihn am nächsten Tag um die nächste Zickzackecke wartet.

Er hatte auch keine Angst etwas zu verlieren. Denn das, was er hatte, hatte er niemandem zu verdanken, um sich in seinem Verhalten nach diesem Niemanden richten zu müssen, damit ihm sein Hab von diesem nicht weggenommen wird und dadurch verloren geht. Außerdem war das Meiste davon, was er zu haben meinte, in ihm drin und immer bei ihm, so dass ihm es keiner wegnehmen konnte. Alles Unentbehrliche draußen, was er zu besitzen geschafft hatte, hatte einen Wert für ihn nur insoweit, dass er das geschafft hatte. Also sollte ihm das weggenommen werden oder verloren gehen, wird er das schon wieder schaffen, falls ihm das dann auch noch fehlen wird.

Er hatte auch keine Angst etwas nicht zu bekommen, was für ihn unentbehrlich wäre. Denn das Unentbehrliche war für ihn nur das, was er bezahlen konnte. Solange er das Geld dafür immer wieder vom Norden holen konnte, konnte er das auch bekommen ohne jemandem in den Arsch kriechen und in langen Warteschlangen stehen zu müssen. Was er - ohne dies alles tun zu müssen - nicht bekommen konnte, entbehrte er eben nicht, wie er es sich von klein auf aneignete.

In Urlaub fuhr er sowieso nur noch nach Norden. Und um dorthin zu fahren, brauchte er keine in Schlangen ausgestandenen Kureinweisungsscheine von der Gewerkschaft. In die kommunistische Partei wollte er sowieso nie eintreten und nicht nur, weil sie schon immer eine falsche und verbrecherische Partei gewesen war, die er einfach menschlich verachtete. Er hätte es auch nicht getan, wenn ihm sogar mehrere Parteien zur Wahl gestanden hätten. Denn Mitglieder jeder Partei müssen sich dieser fügen, sich von dieser führen lassen und dadurch mit dieser zusammen zum etwas von ihnen selbst nicht Kontrollierbaren werden - meistens zu Verbrechern. Und dies war eine der wenigen Unfähigkeiten des Vaters sich jemandem zu fügen, jemandem zu gehorchen oder zu gehören, um dann mit blödem Gesicht dazustehen und von nichts etwas zu wissen zu behaupten.

Es galt für ihn aber natürlich immer seine Allernächsten davon auszuschließen, unter welchen auch kein Jemand oder Niemand war, welchen er gehörte, welche über ihn verfügen durften, welchen er sich zu fügen und auf welche er sogar zu hören versuchte, wenn sie etwas Kluges zu sagen hatten, wie sein Vater das hatte.

Diese Handlungsfreiheit nahm er sich aber nur dann, wenn er in seinen Prinzipien herausgefordert wurde. Ansonsten bewegte er sich unter seinen Mitmenschen sehr behutsam und taktvoll. Denn er selbst hatte es auch hart gelernt, wie menschliche Taktlosigkeit oder die als persönliche Bewegungsfreiheit verstandene Rücksichtslosigkeit und Grenzenlosigkeit weh tun und schnell zu unnötigen Konflikten führen können.

Diese grundsatzlosen und unnötigen Konflikte - wie die zwischen braven Schlangenstehern und den Vordringlingen oder Seitenstörern aller Art - suchte er zu vermeiden. Denn ihm genügten schon seine grundsätzlichen Konflikte, nach welche er gar nicht suchen musste. Jedenfalls hatte er auch brav die Warteschlangen für Wodka angestanden, solange diese noch ein vernünftiges Ausmaß behielten. Als diese aber über alle Maße auswuchsen, hatte er Wodka nur schwarz für einen doppelten Preis gekauft und nur dann, wenn das unbedingt sein musste. Und als die Schlangen und die Preise aus Prinzip nicht mehr zu ertragen geworden waren, hörte er auf zu trinken.

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