Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik

Die neue Finanzpolitik
oder über den Eifer von oben und die Kühle von unten


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Nachdem der Perestrojkaanführer die Finanzierung von Forschungsprojekten auf die Wettbewerbbasis zu stellen deklariert hatte, sah der Vater seine Chance mit seinen Ideen und Projekten endlich durchzukommen. Er war seiner Sache sicher und zu jedem Wettbewerb bereit.

In der Akademie der Wissenschaften in Moskau waren Forschungsprogramme formuliert und mit einem festgelegten Geldvolumen für jedes Programm, sowie mit einer aus Akademiemitgliedern zusammengesetzten Auswertungsexpertenkommission versehen worden. Theoretisch durfte jeder Wissenschaftler mit seinem den Wettbewerb bestandenen Projekt in diese Programme einsteigen.

Da in diesen Programmen die Zusammenarbeit in einem Team aus mehreren Forschungsinstituten befürwortet wurde, reiste der Vater kreuz und quer durch die Sowjetunion bis nach vom Erdbeben und Krieg erschütterten Kaukasus, um auch dieses eher formale Problem zu lösen. Er führte Gespräche und schmiedete Koalitionen mit anderen Instituten und Forschungsgruppen - eine ihm aus seinen Kalymen mit jährlicher Brigadenbildung und Führung gut geläufige Organisationsarbeit mit dem gleichen Ziel, ans Geld zu kommen.

Viele seiner Gesprächspartner aus anderen Forschungsbereichen wussten manchmal nicht so genau, wohin mit ihrer guten Laborausrüstung und hießen Vaters Initiativen und Ideen willkommen. Als Ergebnis seiner ihm eine Menge Geld, Zeit und Kraft gekosteten Tätigkeit reichte er einige Projekte mit verschiedenen Partnern in drei Programme bei der Akademie der Wissenschaften ein, und er hoffte nun die notwendige Finanzierung in wenigstens einem dieser Programme zu erwerben.

Von allen Kommissionen erhielt er jedoch mit der Zeit ziemlich gleiche und detaillierte Absagen nach einem vorgeschriebenen Muster:

"Das Projekt ist innovativ, die Forschungsaufgaben sind präzise und deutlich gestellt, die Qualifizierung von Mitarbeitern für die Leitung und Ausführung des Projekts ist hoch genug, die experimentelle Ausrüstung und die Partnerschaft sind ausreichend..." und sonst also alles in der besten Ordnung! Nur hieß es zum Schluss: "...Weil die vorhandene Finanzierung bereits verteilt und eine neue für das nächste Jahr nicht vorgesehen worden ist, kann das Projekt erst in den nächsten Jahren bei künftigen Finanzierungen berücksichtigt werden. Bis dahin sollen sich Bewerber mit der Frage der Finanzierung ihres Projektes und mit unserer Empfehlung an die Leitung ihrer Institute wenden."

Diese schmeichelhaften Expertenreferenzen und Empfehlungen blieben somit als das einzige Resultat seines intensiven und couragierten wissenschaftlichen Engagements zum Wohle der Wissenschaft. Das Geld blieb also schon wieder in Moskau und war von den Experten bereits unter sich verteilt worden, wahrscheinlich davon ausgehend, dass sie und ihre Ideen sowieso die Besten seien.

Somit schloss sich der Kreis, aus dem der Vater nach einem Ausweg suchte. Im Institut waren die Finanzen - noch bevor der Vater kam - für immer zwischen Laboratorien und existierenden Themen fest verteilt worden. Selbstverständlich wollte keiner dieser Laborleiter und Themenführer sein Geld - zu deren und wessen auch immer Wohle und auf welcher auch immer Basis - umverteilen lassen.

Die Sache mit der Finanzierung im Institut war aber für den Vater - trotz aller Empfehlungen dieser Expertenkommissionen und Wissenschaftlerräte - noch aus anderen Gründen aussichtslos. Der Vater war einer der aktivsten Befürworter der in Moskau propagierten Perestrojka und kämpfte wild für ihre Durchsetzung im Institut. Es gab keine, wenn auch noch so routinierte Versammlung, an der er mit seinen flammenden, aber auch sehr logisch begründeten Reden nicht auf die Bühne sprang, und die Masse auf den Kampf für die Verwirklichung der ihr gegebenen Freiheitschance heiß und scharf zu machen versuchte.

Die Masse blieb dennoch kalt und verschlossen, die Institutsführung unerschüttert und geschlossen in einer Front gegen den Vater und die Perestrojka. Das einzige Ergebnis seines couragierten und intensiven politischen Engagements zum Wohle der Gesellschaft war es, dass er in vier Jahren durch vier Laboratorien gejagt worden war, bis ihm gar kein Platz zum Arbeiten im Institut mehr zur Verfügung stand. So "durfte" er dann die meiste Zeit zu Hause arbeiten.

Den einzigen Trost fand er dabei darin, dass er zwei talentierte, aber ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz schon längst in diesem herum herrschenden Sumpf aus Primitivität und Verblödung aufgegebene Jungs um sich gewann und diese in sein nicht finanziertes Projekt integrierte. Er hatte die beiden schon wieder mit seinen Ideen geschwängert und ihnen die Themen, Aufgaben und sogar Inhalte ihrer Doktorarbeiten formuliert, an denen sie nun zusammen sehr schnell und effektiv arbeiteten. So hatte der Vater eine schlagkräftige und schon wieder nach dem Prinzip einer Kalymbrigade organisierte und funktionierende Gruppe gebildet. Und die Männer blieben bei ihm und waren mit ihm bei dieser Jagd durch vier Laboratorien freiwillig mitgegangen, ihm loyal und treu bleibend.

Beim Perestrojkabeginn war sein erster Gedanke gewesen:

"Endlich ist die Zeit gekommen, nach welcher wir - absolute Mehrheit der Bevölkerung - uns Jahrzehnte sehnten, ohne reale Möglichkeit zu haben, unser Maul aufzureißen. Jetzt wird es aus Moskau sogar verlangt, dass das Volk endlich mal sein Maul aufreißt und den Aufrufen aus Moskau folgt."

Das Maul des Volkes blieb dennoch zu und der dadurch ziemlich überraschte Vater versuchte das Phänomen nach seiner üblichen und professionellen Art von allen Seiten zu analysieren und zu begreifen.

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