Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik

Skizze des Demonstrationsszenarios von Russlanddeutschen
am 28. August 2000 in Berlin


von Dr. V. Prieb




Sprache: Deutsch mit simultaner Übersetzung ins Russische

Bevorzugte Dislokation: Zusammenkommen am Alexanderplatz, Begrüßung der Teilnehmer und

Die Einführungsrede:
Historische Präambel
Diese Demonstration ist dem Andenken an alle Deutschen in Russland gewidmet, die zu Opfern des Stalin Erlasses vom 28. August 1941 wurden. Der Erlass erschien nach zwei Monaten und einer Woche nach dem Ausbruch des Krieges zwischen Russland und Deutschland. Er war eine Reaktion von Stalin auf die katastrophalen Niederlagen der Roten Armee an allen Fronten und auf den blitzartigen Vormarsch der Wehrmacht zu Moskau und an die Wolga. Nach Stalins Meinung solle dies eine pr?ventive Ma?nahme gegen Entstehung der "fünften Kolonne" der Wehrmacht im eigenen Hinterland sein.

Nach diesem Erlass wurden alle Personen der deutschen Nationalität und ihre Familienangehörigen unabhängig von ihrer Nationalität - mehr als 1,5 Millionen Menschen - ohne Ausnahme, nur nach dem Nationalitätsmerkmahl - von heute auf morgen präzedenzlos repressiert. Die deutschen Kolonisten an der Wolga und in Südrussland (die Ukraine) hatten ihr Hab und Gut in ein paar Säcke einzupacken und ihre während 150 Jahre durch Fleiß, Schweiß und Blut erworbenen und bewohnten Plätze verlassen müssen. Sie wurden hinter den Ural rausgeschmissen und vom Polarkreis bis zur Südgrenze der UdSSR (Mittelasien) zerstreut. Alle arbeitsfähigen Männer und Frauen wurden dabei von ihren Familien getrennt und in die Konzentrationslager (Trudarmee) zusammengetrieben, während alte Männer und Frauen sowie ihre minderjährigen Kinder nach einem todbringenden, mehrmonatigen Transportieren in Viehwagen auf neuen menschenleeren Orten ihrer Zwangssiedlungen abgesetzt wurden.

In Sibirien, beispielsweise, wurde das letzte Stück der Verbannungstrecke auf den Lastschleppkähnen auf Obj flussabwärts in die Tundra und Taiga gefahren. Die Menschen wurden in Hunderten an das menschenleere Ufer abgeworfen, mit ein paar Spaten und Äxten versorgt und auf einen Überlebenskampf hinterlassen. Nur Einzige überlebten dies. (Zeugnisse von überlebenden). Hunderttausende haben diese zweite Umsiedlung mit ihrem Leben bezahlt.

Eine Schweigeminute zum Andenken an Gefallenen und Verstorbenen. Danach eine Trauermusik vom Blasorchester und Chorgesang der Trauerlieder von Russlanddeutschen über ihr tragisches Schicksal

Anschließl;end folgt der Durchmarsch mit Transparenten und mit dem die Trauermärsche spielenden Blasorchester durch die Strasse "Unter den Linden" bis zum Brandenburger Tor, wo zwischen dem Bundestag und der russischen Botschaft die politische Kundgebung stattfindet.

Politische Präambel:
(kann als Thesen zu einer oder auch mehreren Reden bei der Kundgebung betrachtet und verwendet werden, wie die aus dem Kontext folgenden Parolen für die Transparente auch verwendbar sind)

Die russisch-deutsche Weltpolitik des vorigen Jahrhunderts hat zum Terror und zur Vernichtung der deutschen Kolonisten Russlands geführt. Antideutsche Stimmungen und antideutsche Politik begannen in Russland noch während des ersten Weltkrieges in Jahren 1914-1918. Ein Beispiel und Symbol der antideutschen Stimmung war die Russifizierung des deutschen Namens der Hauptstadt Russlands durch ihr Umbenennen von Sankt-Petersburg in Petrograd.

Eine Folge der antideutschen Politik war die Entfernung der deutschen Kolonisten aus einer 150 Kilometer breiten Zone an der westlichen Grenze Russlands. Dies betraf vor allem die deutschen Kolonien in Wolynien in der Westukraine. Diejenige Deutschen, die noch B?rgerschaft Deutschlands hatten, wurden in Lagern interniert. Im Vergleich zur Stalins pr?ventiven Maßnahme kann man dies für eine Kleinigkeit halten.

Dies zeigt einerseits, dass der Zar Nikolaus der II. im Unterschied zu Stalin nicht vorhatte, die Hälfte Russland bis zum Ural aufzugeben. Andererseits, der Zar hatte - wiederum im Unterschied zu Stalin - keine Gründe, den deutschen Kolonisten nicht zu vertrauen, die zu den tüchtigen Landbesitzern in riesigen früher wilden Steppengebieten wurden und Russland zur Kornkammer Europas machten.

Die russische Armee brauchte Brot und Pferde. Das alles bekam sie immer, noch seit dem Krimkrieg, reichlich aus diesen deutschen Kolonien. Der Zar wusste die Verdienste der Deutschen zu sch?tzen. Zum Stolze aller Kolonisten wurden diejenigen von ihnen, die vom Zaren für Verdienste vor Russland zu Adeligen erhoben wurden - wie die Familie Falz-Fein - der Gründer des Natur- und Tierschutzparks "Askania-Nowa" Friedrich von Falz-Fein. Also, die Russlanddeutschen brauchten im 1914 keine "Befreiung" seitens Deutschlands und hatten was zu verteidigen. Und sie taten dies. Trotz alledem war es eine Tragödie, gegen eigene Blutsbrüder zu kämpfen.

Diese Tragödie kann durch eine einzige Episode des damaligen Krieges widergespiegelt werden:

Nach einer blutigen, aber gewonnenen Schlacht während Brussilows Offensive musste ein russischer Artillerieoffizier mit seiner Batterie vorrücken. Dafür brauchte er eine neue günstige Stellung zu finden und seine Kanonen an ihr einzuschießen. Er ging durch das von Toten und Verletzten überhäufte Schlachtfeld. Auf einer Stelle stieß er auf einen, am Bauch verletzten deutschen Unteroffizier und fragte ihn:

- Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein? - fragte er vornehm.

- Lassen Sie bitte Sanitäter schneller kommen. Ich sterbe. - antwortete der Verletzte und fügte dann hinzu:

- Woher sprechen Sie so gut Deutsch?

- Ich bin Deutscher. - erwiderte der Offizier - Russlanddeutscher.

- Warum - zum Teufel! - kämpfen Sie dann gegen Deutsche?- wunderte sich offenherzig sein verletzter Gegner.

- Weil ich Offizier der russischen Armee bin, mein Land in Russland besitze, hier geboren bin und Russland meine Heimat ist. - folgte daraufhin ruhige Antwort des deutschen Offiziers der russischen Armee.

(Aus dem Tagebuch dieses Artilleriestabskapitäns - eines Russlanddeutschen).

Der Krieg war für die Russlanddeutschen eher ein Bruderkrieg mehr als der andere, der nach der Revolution in Russland ausbrach und in dem sie weiter kämpften, nun auf der Seite der Weißen Garde, um das schon wieder zu verteidigen, was sie mit eigenem Schweiß und Blut bezahlt hatten und wofür sie keinem, außer sich selbst; was schuldig waren. Die beiden Offiziere konnten damals nicht wissen, wozu dieser sinnlose Krieg führen wird, in dem sie nur ihre Pflicht treu erfüllten, wie es sich so eben bei jedem Deutschen gehört. Sowohl in Russland als auch in Deutschland hat der Krieg zu Revolutionen geführt.

Die Revolution führte Deutschland zur Niederlage, zum Zerfall und zur Teilung und, als unvermeidliche Folge dessen, zum Zweiten Weltkrieg. Russland führte diese Revolution zum Bürgerkrieg und zum kommunistischen Terror, zuerst zum leninistischen, dann zum stalinistischen. Ein kleiner Teil der Russlanddeutschen emigrierte nach Deutschland gleich nach der Revolution. Man kann sie immer noch hier in Berlin und in der ganzen Welt begegnen. Der größte Teil versuchte, ihr Hab und Gut gegen die Roten im Bürgerkrieg zu verteidigen. Ein kleiner Teil von ihnen ging nach Deutschland mit den abziehenden deutschen Schutztruppen.

Der größte Teil war doch geblieben. Der weise Hintergedanke zum Bleiben war ( Christian Prieb - unser Großvater): "Wir sind Bauern und pflegen Brot anzubauen. Brot braucht jedes Regime. Weswegen soll ich mein Land verlassen und weiß Gott wohin abhauen?". Keine Weisheit funktionierte aber im kommunistischen Irrenhaus. Ein überfluss vom Brot wäre für die kommunistische Macht unerwünscht, denn er hätte Menschen frei machen können. Der Hunger war die Basis für den Machterhalt. Die deutschen Bauern - die Hauptbrotlieferanten Russlands - wurden nach dem Bürgerkrieg zugrunde gerichtet. Die nach der Neuen ökonomischen Politik (NEP) erneut Auferstandenen wurden während der Kollektivierung zum zweiten Mal ruiniert und zum ersten Mal den stalinistischen Repressionen ausgesetzt, in die Lager und in die Verbannung geschickt, aber immer noch in europäischen Grenzen Russlands.

Wären die Russlanddeutschen im Jahre 1941 als "fünfte Kolonne der deutschen Wehrmacht" wirklich in den Rücken der Roten Armee gefallen? Es war ihnen nicht beschieden, die Antwort auf diese Frage zu erfahren. Stalin wusste offensichtlich diese Antwort besser als sie selbst. Jedenfalls, als die Front von Stalingrad in Richtung Berlin rückte, wurde diese Frage logischerweise bereits hinfällig. Der Stalin Erlass war es allerdings nicht geworden, und die Russlanddeutschen blieben in ihren Lagern und in den Sondersiedlungen unter der Kommandanturaufsicht.

Sie waren sowie während des Krieges als auch nach dem Krieg "die Feinde des Volkes und Vertreter des Faschismus" - sogar für ihre Mitinsassen von allen anderen Nationen, von denen es in den Lagern genug gab. "Sündenböcke" für jeden sowjetischen Menschen und kein sowjetischer Mensch beneidete damals das Schicksal von Russlanddeutschen und ihre Zugehörigkeit zur deutschen Nation.


Transparent:

"Kein Vernichtungskrieg mehr gegen Deutsche und Deutschland von deutsch-russischen Böden"



Deutschland, das die deutschen Aussiedler aufnimmt, hat seinen Teil der Verantwortung für diese Politik, die uns dieses Schicksal bescherte, offiziell übernommen.


Die Richtlinie gebenden, allgemeinen Transparente:

"Wir freuen uns Deutsche unter den Deutschen zu sein!"

"Wir sind da, aber Ihr müsst Euch nicht warm anziehen - wir sind doch nicht mehr in Sibirien!"

"Wir danken Dir unser Vaterland, dass Du endlich nicht nur durch Deine Kriege für uns da bist!"

"Wir waren gute Russlanddeutsche - wir werden noch bessere Deutschlanddeutsche"

"Herzlich eingeladene, nur noch nicht geliebte! (russisches Lied)"

"Liebes Vaterland, Du musst uns nicht lieben - wir sind es gewöhnt, die Liebe zu verdienen!"


Die Versuche der Bundesregierung, die Aussiedlung der noch in Russland gebliebenen Deutschen zu unterbinden und sie auf ihren Verbannungsorten durch finanzielle Injektionen nach Russland wieder einzuwurzeln, ist ein Rückzieher, eine Weigerung diese Verantwortung weiter zu tragen und das Aussetzen der Russlanddeutschen dem Risiko ihrer weiteren und endgültigen Vernichtung.

Der neue Terror und die Vernichtung treten desto früher ein, je mehr sich die Lebensbedingungen der Russlanddeutschen durch diese Finanzierung von den armseligen Lebensbedingungen der Einheimischen unterscheiden werden. Diesmal wird der Hass gegen die Deutschen durch Neid verursacht.

Der Neid entwickelte sich bereits während der letzten 10 Jahre allein dadurch, dass die Russlanddeutschen endlich die Möglichkeit haben und sie auch ergreifen können, sich von dem in Russland seit 1917 herrschenden Durcheinander und Terror zu verabschieden, während die Russen dieses weiter über sich ergehen lassen und auslöffeln müssen. Die Neider haben sich auf einmal daran erinnert, dass wir gleichgestellte "Pechkollegen" sind mal eine "gemeinsame" Heimat hatten und in denselben Lagern saßen.

Sie haben bis jetzt das Einzige nicht begriffen: Die Russlanddeutschen - im Unterschied zu ihren russischen "Kollegen" - wurden zu diesen Lagern einzig und allein - und alle ohne Ausnahme - für ihre Nationalitüt verurteilt. Nach diesem Merkmal waren vielleicht nur noch die Tschetschenen gelitten, aber auch erst nach dem Krieg. Die Tschetschenen wollen allerdings, wie wir es neulig sehen, auch nichts mehr mit den Russen zu tun haben.

Wie dem auch sei, weder wir noch die Tschetschenen haben recht, denn wir - nach Deutschland ankommend - erfahren erstaunlich, welcher Teil der sowjetischen Bevölkerung unter dem Terror und den Repressalien am meisten litt. Das sind "natürlich" die sowjetischen Juden. Wir können darüber nur schwer urteilen, denn unsere Schicksale kreuzten sich in Sibirien kaum. Wie es aber aus der sowjetischen Geschichte bekannt ist: Stalin versuchte mal wirklich die Juden zu verfolgen, die nach der von denselben angestifteten Revolution die Machtkorridore des Kremls überfluteten. Kurz darauf starb plötzlich der Tyrann selbst bekanntlich.

Nichtsdestoweniger setzt Deutschland die 100-prozentige Umsiedlung der Juden aus Russland zum Ziel. Die einheimischen Deutschen haben ihre eigenen, spezifischen und sich von denen der Russlanddeutschen unterscheidenden Verhältnisse mit Juden. Deswegen wollen wir uns nicht in diese Verhältnisse so sehr einmischen, wenn auch das hier von diesen ausgeprägten Sowjetsnostalgiker-"Kontingentflüchtlingen" reklamierte Leid der sowjetischen Juden das Andenken an unseren Vorfahren - Opfer ihrer Repressalien - beleidigt, denn diese Repressalien wurden schließlich auch nicht in geringem Maße von diesen Juden angerichtet - von den Leadern der Revolution und des Aufbaus des Kommunismus, die den Konzentrationslagern und dem Terror von Hitler beispielhaft zuvorkamen....
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