Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Die Bajonettattacke
oder über deutsch-deutsche Verhältnisse

(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"


Aus den Männern der dreihundertfünfzigtausend am Anfang des Krieges in die deutsche Besatzungszone geratenen Volksdeutschen der UdSSR wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 neue Truppeneinheiten der Wehrmacht und auch einige Divisionen der Waffen-SS formiert. In einer davon war der Vater mit seinen Kameraden. Sie mussten jetzt in einem abgekürzten Schnellkurs die Kunst des Krieges üben und hatten damit noch Glück gehabt, denn manche anderen waren gleich dran gewesen, zum Beispiel gegen Amerikaner in Italien eingesetzt, ohne mal schießen zu lernen [1].

Ihre Ausbildung bedeutete so viel wie fast ununterbrochen exerzieren, schießen, exerzieren, Sport üben und weiter exerzieren. Ein dicker Feldwebel aus Bayern drillte sie.

Eines Tages trieb er Vaters nur mit Bajonetten bewaffnete Abteilung, auf dem Exerzierplatz im Kreise laufen. Hin und wieder unterbrach er ihren Lauf mit dem Befehl "Hinlegen!". Der Befehl kam immer wieder dann, wenn die Soldaten eine große und schlammige Pfütze überquerten.

Auf die inzwischen laut gewordene Unzufriedenheit in den Männerreihen reagierte er mit grobem Geschrei:

- Maul halten, ihr russischen Schwarzmeerschweine!

Vielleicht war er der überlebte Verwundete aus dem russischen Walde, der damals - im ersten Weltkrieg - durch den damaligen Zwischenfall mit dem deutschen Artillerieoffizier der russischen Armee etwas dazu gelernt und es in falschen Hals gekriegt hatte.

Den Vater interessierte es aber nicht, und er wusste nicht, was in ihn gefahren war. Vielleicht kamen in ihm alle Beleidigungen, Erniedrigungen, Verfolgungen seines Lebens hoch, die er von Fremden, von Feinden, von Roten, von Grünen, von Kommunisten und von vielen anderen hatte ertragen müssen. Vielleicht hatte er sich zu sehr in den letzten Jahren darauf eingelassen, dass er endlich aus dieser Sklaven- und Viehexistenz heraus wäre, indem er sich mit seinen Landsleuten nun unter den ihnen Gleichen befände.

Wie dem auch sei, er sah rot, griff nach seinem Bajonett und attackierte mit einem furchterregenden, verzerrten Gesicht und einem wildem Geschrei diesen satten, blöden und aus unerklärlichen Gründen übermäßig selbstgef?lligen und überheblichen Dickwanst. Dieser stand plötzlich hilflos und tatenlos wie gelähmt da und sah mit einem bis zu grau-gelb verblassten Gesicht seinem Tod entgegen.

Sein Tod käme auch unausweichlich, wenn Vaters Kameraden auch nur noch eine Sekunde gezögert hätten. Sie zögerten aber nicht, wobei sie es nur Vaters wegen taten. Zwei seiner Kameraden und Kumpels, ein Schmiede aus Prischib und noch ein Riese aus Blumenort, welche in der Reihe neben dem Vater standen, warfen sich hinter dem Vater her und klammerten sich fest an seinen Schultern.

Dessen ungemerkt schleppte er sie noch ein paar Meter mit, bis sie ihn überwältigten und mit ihren Körpern zum Boden pressten. Der Vater lag mit dem Gesicht im Dreck und wurde gleich ruhig. Ihm wurde auf einmal alles so was von scheißegal! Der Feldwebel drehte sich abrupt um und verschwand.

- Danke, Kameraden. - sagte der Vater kurz, aufstehend.

- Bedanke dich nicht zu früh. - erwiderten die Kameraden nachdenklich und traurig - Vielleicht hätten wir dich doch nicht aufhalten sollen. - Du bist ja nun sowieso erledigt. Dieses Schwein läge aber jetzt zu unserer aller Zufriedenheit hier abgeschlachtet, und du wüsstest dann wenigstens, wofür du erschossen wirst.

Der Vater verstand es genauso wie seine Kameraden. - In der Waffen-SS und besonders jetzt, wo der Krieg der Niederlage entgegen eilte, den Vorgesetzten anzugreifen! Dafür wird man im besten Falle kurzerhand erschossen, ohne mal vor das Kriegsgericht gestellt zu werden.

Aber gerade diese Schärfe der Militärgesetze am Ende des Krieges rettete dem Vater das Leben. - Es gab einen Befehl von Hitler, alle Volksdeutschen aus dem Ausland, welche vor kurzem in einem eifrigen Einbürgerungsverfahren zu neuen Reichsdeutschen gemacht worden waren, den Alt-Reichsdeutschen gleich respektvoll zu behandeln.

Der Vater wäre zweifelsohne erschossen worden, aber neben ihm wäre der gleich zu behandeln habende dicke Bayer ebenfalls gleichbehandelt und erschossen worden. Er wusste das besser als der Vater und meldete den Zwischenfall bei seinen Vorgesetzten nicht.

So nah am Tod dran war der Vater noch nie zuvor gewesen, und er war es nur noch selten danach. Der Dickwanst zog auch seine Lehre daraus: Er war nicht mehr so überheblich und so selbstgefällig und zeigte sogar etwas Respekt den "russischen Schwarzmeerschweinen" gegenüber. Bald war es aber mit dem Exerzieren sowieso vorbei. - Die Amerikaner drangen in Bayern ein, und für den Vater und seine Kameraden kam die Zeit fürs Heimatland desselben bayrischen fetten Schweines zu kämpfen und zu sterben.

* * *


[1] Ingeborg Fleischhauer "Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion". Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart, 1983 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte; Nr. 46)



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