Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Die letzte Abfahrt, das letzte Adieu
oder über die letzten Anweisungen zu den letzten Lebensmittelkarten für Wodka und die letzte Dienstleistung des Kommunismus


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"

Jedenfalls war es wirklich gut so, dass der Vater bei all seiner Offenheit seinem Vorhaben nicht so weit und breit preisgegeben hatte. Es war auch gut zu wissen, dass seine vier Freunde, die er in seine Pläne einweiht hatte, ihm gegenüber loyal geblieben sind und ihn nicht verraten hatten. Der KGB-Mann hatte sich bestimmt umgehört, bevor er das Gespräch veranlasste.

Nun nahmen sie Abschied von diesen Freunden. Sie aßen zusammen zu Mittag und tranken etwas Wodka zum Abschied.

- Auf Erfolg eurer Unternehmung! - meinten drei von den Freunden.

Der vierte, der "dienstälteste" und nicht aus seinem Fachbereich stammende Kumpel des Vaters, der promovierte Sportdozent an der Uni, welcher mit seiner Familie vor vier Jahren dem Vater aus Sibirien in diese Stadt gefolgt hatte, wollte vom Bleiben nichts wissen und nicht daran glauben. Er hielt es irgendwie auch für Vaters Phantasien und war fest wie der KGB-Gesprächspartner auch davon überzeugt, sie alle hier im Herbst wiederzusehen.

Nach dem ausgiebigen Mittagsmahl wurden die letzten Anweisungen gegeben und Pflichten verteilt. Einer bekam den Schlüsselbund und sollte auf die Zweizimmerwohnung aufpassen, bis die Familie - möglicherweise - selbst oder - beim Erfolg - ihre Meldung zurückkommt. Falls es mit dem Bleiben klappt, sollte einer von ihnen, der immer noch mit seiner Frau und zwei Töchtern in einem Heim wohnte, versuchen die Wohnung an sich zu reißen.

Die monatlichen Lebensmittelkarten für Fleisch, Wodka, Zucker und vieles mehr - es gab kaum noch etwas ohne solche Karten zu kaufen, nicht einmal Waschpulver und Seife - sollten unter den Freunden gerecht verteilt und verbraucht werden. Daraufhin versprachen die Freunde hoch und heilig, diese Sachen zunächst - ebenfalls bis zu ihrer Meldung - aufzubewahren und nur Zucker zu verbrauchen, um Konfitüre für die Familie zu kochen, denn - sollten sie doch zurückkehren - blieben sie ganz ohne Vorräte für den kommenden Winter.

Also, es war schon kompliziert unter all diesen Wenn-, Soll- und Falls-Doch-Bedingungen und der vollen Ungewissheit endgültig und anständig Abschied zu nehmen. Nur eine Menge frommer Hoffnungen und die Entschlossenheit des Vaters sorgten für einen Schatten der Ernsthaftigkeit dieses unbekümmerten Abschieds.

Dann gingen sie hinaus mit ihren zwei von Freunden getragenen Koffern, zwei Aktentaschen vom Typ "Diplomat" und einer großen Tüte mit Essen und Trinken für unterwegs. Sie wollten ein Taxi bis zum Flughafen nehmen. Die letzten paar Rubel brauchten sie rein theoretisch auch nie mehr, dann sollten sie wenigstens für etwas Komfort und für ein schickes Abdüsen verbraucht werden.

Sie standen an der Ecke ihres mehrstöckigen Plattenbaus und warteten auf ein Taxi. Plötzlich überkam sie alle das Gefühl, dass sie sich wirklich zum letzten Mal sehen könnten. Den Frauen kamen Tränen in die Augen, die Männer und die aufgeregten Kinder wurden auf einmal still.

Kein Taxi war weit und breit zu sehen. Die Freunde schwärmten sich auf beiden Straßenseiten aus und versuchten schon jeden vorbeifahrenden Pkw zu stoppen - die Zeit drängte. Und in diesem Moment kam aus dem Straßenbogen direkt in ihr Fangnetz eine schwarze "Wolga"-Limousine [1] hinein, und zwar auf der anderen Seite, wo der Vater am Fangen dran war. Solche Autos fuhren meistens nur Parteifunktionäre. Dieses auch, aber im Moment saß darin nur der Fahrer, der immer dann frei hatte, wenn sein Chef in zahllosen Sitzungen seine Macht ausübte.

Der Fahrer wendete das Auto und parkte an der Ecke, wo die Anderen mit dem Gepäck standen. Die Koffer wurden vom Fahrer persönlich in den Kofferraum gepackt - ein Dienstleistungsprofi im Unterschied sogar zu echten sowjetischen Taxifahrern und sonstigen Dienstleistenden der UdSSR. Die letzten Umarmungen, Worte und Tränen...

Die schwarze Karosse fuhr ab.

An der nächsten Ecke verschwanden das Haus, die klein gewordene Freundesgruppe und alles, was vorher ihr Leben war.


Und der Vater, der diesen Plan schmiedete und dieses kommunistische Irrenhaus und Gefängnis für ihn und seine Familie - dieses von Gott schon längst verlassene und vergessene Land, in dem nie Ordnung herrschte und nie herrschen wird! - verdammte, verstand plötzlich, dass er auf seiner Flucht über die Grenze dieses Landes nie über seine Schulter spucken wird. - Zu viele Freunde, zu viele seiner Gefühle und unerfüllte Träume, zu viele verlorene Jahre und Kräfte, zu viele seiner Spuren und zu viele Gräber blieben zurück und werden weiter bleiben und verdienen es, von keinem angespuckt zu werden.


Im nächsten Moment dachten aber die Flüchtlinge schon nicht mehr an ihre Vergangenheit, sondern daran, was wohl auf sie zukommen wird. - So sind nun die Menschen von der Natur aus veranlagt.

Die schwarze Partei-Limousine - noch ein schwarzes Lächeln des Schicksals und eine letzte schwarze Ehre - glitt wie ein Katafalk auf Rädern über die Strasse und brachte sie aus der Stadt in Richtung Flughafen hinaus.

Das schicke, aber auch irgendwie schwarz-traurige Adieu gelang doch.
* * *

[1] Eine Automarke sowjetischer Herstellung, die - trotz ihrer miserablen Qualität - in der UdSSR als Limousine galt und eine gesellschaftliche Stellung wie die von "Mercedes" in Deutschland hatte.




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