Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Publizistik


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2000:

Russlanddeutsche - aus jeder Diskussion ausgeklammert

Leserbrief von Prof. Hilgers



Zum Leitartikel von Thomas Schmid "Vergangenheitsbewältigung" (F.A.Z. vom 9. November: In der Zuwanderungsdebatte scheint sich mittlerweile ein Pragmatismus breitgemacht zu haben, der deutlich fatalistische Züge trägt. Die Wirtschaft diktiert Bedarfszahlen, der Staat vertraut bei der Assimilation der Migranten nach amerikanischem Vorbild auf die selbstregulierenden Kräfte des Marktes. Wie wenig durchdacht, fast schon vorsätzlich gedankenlos die Forderung nach einer die Zahl der Erwerbspersonen stabilisierenden Zuwanderung ist, zeigt sich immer dann, wenn sich überhaupt noch jemand die Mühe macht, die dafür notwendige Nettozuwanderung und das demographische Szenario einer künftigen Gesellschaft zu berechnen. Welche sozialen Konflikte der Anteil von einem Drittel der Ausländer im Jahre 2050 für ein Land zeitigte, dessen Bevölkerung es trotz aller volkspädagogischen Bemühungen eben nicht als Einwanderungsland versteht, ist nicht auszudenken.

Um aber die Argumente der "Furchtsamen" zu verstehen und auf einen anderen Mangel in der Debatte hinzuweisen, genügt es, sich das Beispiel der Russlanddeutschen vor Augen zu führen. Es kann nur immer wieder erstaunen, dass ausgerechnet die mit Abstand größte Zuwanderungsgruppe, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung inzwischen dem der türkischstämmigen Bevölkerung entspricht, aus jeder Diskussion ausgeklammert ist. Dahinter läßt sich nur die unbestimmte Hoffnung vermuten, dass die Integration von Menschen, die sich jetzt wo, es gefahrlos ist, zum größten Teil nur noch deshalb als Deutsche bekennen, weil für sie die damit verbundenen Privilegien einem Lottogewinn gleichkommen, doch ohne Mühe gelingen sollte. Die empirische Forschung widerspricht dieser Auffassung vollkommen. Eine jüngste Veröffentlichung (Rainer Strobel/Wolfgang Kühnel, "Dazugehörig und ausgegrenzt", Weinheim und München 2000) konstatiert allein für drei Viertel der jugendlichen Aussiedler schlechte Teilhabechancen in der deutschen Gesellschaft. Doch dieses Ergebnis ist nur eine Bestätigung eines längst bekannten Lehrsatzes der Bevölkerungswissenschaft, nach dem die negative Selektion bei Migrationen um so größer ist, je deutlicher die Minusfaktoren im Herkunftsgebiet den Entschluß zur Wanderung bestimmen.

Was sind also diese Neubürger, die - ausgestattet mit einem zweifelhaften Abstammungsnachweis und nur geringen Sprachkenntnissen - über Tausende von Kilometern an allen Grenzen nach Deutschland durchgewinkt werden? Die politisch korrekte Antwort jedenfalls, es seien Menschen, die über sieben Jahrzehnte der Sowjetdiktatur schwersten Repressalien ausgesetzt gewesen seien und sich dennoch ihre ethnische Identität bewahrt hätten, trifft nur auf den geringeren Teil der älteren Aussiedler zu und verkehrt sich oft schon für die mittlere Generation ins Gegenteil. Falsch ist es ebenso, dass die Russlanddeutschen hauptsächlich endogame Ehen führten, eine Legende, die wohl dem ius sanguinis irgendeine normative Kraft für die Familienplanung zuschreiben will. Beinahe jeder dieser Zuwanderer bringt erfahrungsgemäß einen russischen Ehepartner mit.

Die jährlich um die Einwohnerzahl einer Mittelstadt anwachsende Bevölkerungsgruppe der Aussiedler aus GUS (Gemeinschaft Unabhängigen Staaten) eint weder eine gemeinsame Identität noch gleiche Erfahrungen im in den einzelnen Regionen so verschiedenen Herkunftsland. Es sind vielmehr Menschen, deren Verbindungen zu Deutschland mit der Auswanderung ihrer Vorfahren nach Russland Ende des achtzehnten Jahrhunderts immer spärlicher wurden und schließlich ganz abrissen. Der Mentalität der Russlanddeutschen, mit der wir nun verstärkt konfrontiert werden und die neben sicher vielen guten Seiten eben auch zu patriarchalen Familienstrukturen, Gewalt und Alkoholmißbrauch neigt, läßt Zweifell aufkommen, ob sie hier je heimisch werden künnen.

Noch scheint man das mit einem Achselzucken hinzunehmen, dass die Gesellschaft ein weiteres Mal eine massive Unterschichtung durch Migranten erfährt, die wenig oder nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen. Doch werden Menschen, denen gegen jede Vernunft immer wieder beteuert wird, sie seien in Deutschland willkommen, sich nicht lange mit der Rolle nur des zweitrangigen Deutschen bescheiden und irgendwann ihre Teilhabe an der Gesellschaft einfordern. Erst dann wird sich die Duldsamkeit der Mehrheitsbevölkerung erweisen, mithin der Wahrheitsgehalt der Annahme, es liege im Wesen der Toleranz, dass sie in ihr Gegenteil umschlägt.

Professor Dr. Klaus Hilgers, Bonn


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