Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa
Woher kommt Demokratie

Woher kommt Demokratie
oder über die Rolle der Polizei und über die Liebe zur Menschheit


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Eben mit diesem Kollegen diskutierte der Vater ein anderes Mal das - auch fürs KGB als möglicher Auftraggeber des Kollegen - interessante Thema "Demokratie".

- Ich hätte mal gerne die Freiheiten der westlichen Demokratie kennengelernt. - begann der Kollege provozierend.

- Welche Freiheiten meinst du denn, wenn du keine von denen kennst? - erwiderte der diese Provokation erkannte Vater.

- Na, was weiß ich. Ich habe zum Beispiel in Moskau einmal deutsche Touristen aus dem Westen gesehen. Sie verhalten sich anders. Frei eben! Sind dadurch auffallend.

- Gerade in meinem Verhalten brauche ich keine Demokratie, um frei zu sein. Ich verhalte mich immer frei! Vor allem kann ich die Demokratie am wenigsten gebrauchen, welche von meisten Menschen als die extra für ihre eigene Grenzenlosigkeit geschaffene Freiheit verstanden wird.

- Was hast du gegen diese Freiheit?

- Ich habe nichts gegen die persönliche Freiheit als "bewusst gewordene Notwendigkeit" - so etwas steht sogar, wenn ich mich recht erinnere, in Lehrbüchern des uns unterrichteten Marxismus-Leninismus. Aber ich habe tatsächlich etwas gegen die persönliche Freiheit als grenzenlose, bis zur Arroganz und Rücksichtslosigkeit steigende Freiheit im Verhalten von Menschen! Auch von den ausländischen Touristen, die ich dann und wann ebenfalls in Moskau begegne und die mir meistens durch ihre Arroganz auffallen.

- Was ist dann mit deiner Verhaltensfreiheit?

- Meine Freiheit endet an der Grenze, wo die Freiheit eines anderen Menschen beginnt! Ich muss diesen anderen Menschen und sein Recht auf seine persönliche Freiheit berücksichtigen und nicht auf ihn und seine Freiheit rücksichtslos spucken.

- Das ist ja gerade das Problem - wer und wie bestimmt diese Grenze.

- Nein, das ist ja gerade die Freiheit! Nicht so weit zu gehen und es überhaupt nicht zu zulassen, dass jemand dies für dich tut. Ich setze diese Grenze selbst, welche ich dann auch nicht überschreite. Darin besteht ja die "bewusst gewordene Notwendigkeit", und daran liegt meine persönliche Freiheit, dass ich selbst und frei der Notwendigkeit solcher Grenzen bewusst bin und danach bewusst und frei handle. Und diese Freiheit ist längst nicht für jeden sowohl bei uns als auch im Westen zugänglich. Deswegen sind sie dir aufgefallen und deswegen haben sie im Westen bestimmt nicht weniger Polizisten, als wir hier Milizionäre haben.

- Welche sie in ihre Schranken weisen, meinst du. Warum kann diese Schranken nicht jeder sich selbst auferlegen?

- Weil man erst mal das Bewusstsein haben muss, um eines Etwas bewusst zu sein - einschließlich der Notwendigkeit der Selbsteinschränkung. Außerdem braucht man auch noch eine Menge Feingefühl, um die Grenze bei seinen Mitmenschen zu fühlen, zu akzeptieren und sich daran zu halten. Die Vereinigung der beiden Qualitäten ist bei Menschen als Taktgefühl bekannt, das jedem gefällt, aber kaum jemand daran denkt sich taktvoll zu verhalten. Sag' mir, begegnest du im Alltag vielen bewussten, feinen und taktvollen Menschen um dich herum?

- Schwer zu sagen. Wahrscheinlich trifft man sie gerade deswegen kaum, weil kaum jemand daran denkt.

- Und warum denkt kaum jemand daran? Na, weil das Taktgefühl kein eingeborenes und eigenständiges Extragefühl, sondern eben eine Sache unseres Bewusstseins ist, die wiederum mit der menschlichen Fähigkeit überhaupt zu denken zu tun hat. Wie übrigens auch das Feingefühl, welches mit der menschlichen Fähigkeit zu tun hat, an die anderen zu denken und mit ihnen mitzufühlen. Und wenn die beiden Fähigkeiten bei den Menschen in ihrer Masse nicht ausreichend vorhanden sind, kommt es auch in einer sich demokratisch erklärten Gesellschaft entweder zu heftigen Auseinandersetzungen an diesen privaten Grenzen oder zu einer an den Anarchismus grenzenden Grenzenlosigkeit in der ganzen Gesellschaft.

- Woran denkst du denn bei einer derartigen Grenzenziehung bei dir?

- Ich denke zunächst doch an mich, denn falls ich nicht an mich denken und mich selbst nicht verstehen würde, wie kann ich dann an die Anderen denken und sie verstehen? Und wenn ich an mich denke, versuche ich meine eigene Grenze bei mir selbst so genau, wie es nur möglich ist, zu definieren und festzulegen. Es kommt ja immer wieder auf die Genauigkeit der Definition und Festlegung von Grenzen an. Genauso wie bei angrenzenden Staaten auch. Dann - davon ausgehend, dass mir die anderen Menschen ähnlich sind, - kann ich auch die Grenze eines Anderen in dichtem und chaotischem Menschenverkehr besser erkennen, was ich tun muss, wenn ich keine Konflikte will.

- Und wo hast du denn deine eigene Grenze festgelegt? Ich frage bloß, um zu wissen, ob ich genug von diesen Denkfähigkeiten besitze und deine Grenze richtig kenne.

- Das sollst du eigentlich! Warst ja auch oft genug mit mir zusammen. Obwohl ich es etwas komplizierter mache, um diese - mich nicht besonders auf die Fähigkeit der Anderen an mich zu denken verlassend - für die Anderen leichter erkennbar zu machen.

- Komplizierter, um leichter - was ist das für ein Quatsch?

- Es ist kein Quatsch, wenn du mich dir erklären lässt, was ich damit meine. Statt einer scharfen Grenze habe ich eine tiefe, aus mehreren Verteidigungslinien bestehende Zone um mich herum aufgebaut. So kann ich mich einige Zeit noch zurückhalten, wenn ein aufdringlicher und taktloser Menschennachbar diese Verteidigungslinien eine nach der anderen wie ein Panzer durchfährt. Er hat dann noch eine Chance bei mir, sich zu besinnen und sich selbst noch rechtzeitig aufzuhalten.

- Schön redest du! Nur habe ich nie gesehen, dass es jemand bei dir schaffte diese Chance zu nutzen.

- Das heißt aber nicht, dass meine Logik nicht stimmt. Sie funktioniert leider kaum, denn die Menschen verstehen meine auf diese Verteidigungsstrategie zurückzuführende Zurückhaltung meistens falsch und dringen dadurch beschleunigt immer tiefer in meine Pufferzone hinein, statt sich aufzuhalten. Bis auf die letzte, die innerste Linie, die schon so gut wie an der Haut liegt. Weiter - unter meine Haut - darf natürlich keiner! Das ist eine Bruchgrenze, deren Überschreitung zu einem Bruch führen kann, wenn bis dahin der Federeffekt nicht stattfindet, dessen Kraft den Eindringling hinter alle von ihm verletzten Linien zurückschlägt und meine Innenspannungen dadurch entlädt. Solche Federeffekte als meine Explosionen kennst du wahrscheinlich bei mir.

- Machst du es durch solche Komplexität vielleicht dir selbst mit deinen Explosionen leichter, statt zuzugeben, dass du wenig dulden kannst?

- Na das ist wirklich Quatsch! Ich kann schon eine Menge dulden, solange es nicht gerade um meine persönliche Freiheit - sprich, um meine freie Bewegung in den von mir bewusst gesetzten Grenzen - geht. Das ist ja unser Thema! Außerdem kann ich es auch entweder ignorieren, falls mich ein Fremder nebenbei ramponiert, oder mich geduldig wehren, falls Einer, den ich kenne - welcher aber nicht mein Nächster ist - mich absichtlich fertig zu machen versucht. Ich explodiere, weil es mich verletzt und es mir weh tut. Deswegen heißt es auch, dass die Grenze an der Haut liegt. Und das können nur meine nächsten Menschen schaffen: Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte. Denn sie stehen eben zu mir am nächsten und sind von mir so nah zugelassen worden.

- Und gerade zu diesen Menschen wirst du dann brutal?

- Was heißt brutal? Sie können dann durch den Federeffekt - welcher übrigens auch die Geduld und die Zeit voraussetzt, um die Rückstoßenergie zu speichern, - hinter all diese Grenzlinien hinausgeschleudert werden. Im Endeffekt - bei Wiederholungsdelikten - können sie dann einfach als meine Nächsten aufhören für mich zu existieren. Sie sind dann begraben und vergessen! Jedoch trifft diese dir leidtuende Brutalität in der Regel auch nur mich selbst, während diese Anderen nicht immer merken, dass sie bereits begraben und vergessen sind. Es schmerzt sie auch nicht, denn ihnen wird nur der Zugang zu mir versagt.

- Ach, hör' doch auf zu kokettieren!

- Das ist leider bereits meine bittere Erkenntnis und keine süße Kokettierung. Aber jetzt bin ich diese blöde Diskussion satt! Ich habe dazu alles gesagt, was ich - ohne westliche Freiheiten zu kennen - aus meiner eigenen empirisch-philosophischen Lehre über die Demokratie und persönliche Freiheiten weiß.

- Demokratie ist aber etwas anderes als nur Menschenverhältnisse, über die du die meiste Zeit geredet hast.

- Demokratie oder Diktatur oder sonst noch etwas ist nichts anderes als eine zur Staatsordnung gemachte äußerung der in der Gesellschaft herrschenden sozial-politischen Menschenverhältnisse. Diese Verhältnisse, welche mit dem Zusammenprall zweier Gesellschaftssubjekte beginnen, bestimmen auch gesellschaftliche Verhältnisse bei einer oder der anderen Gesellschaftsform bzw. Staatsordnung und sind damit primär. Und nicht umgekehrt so, dass dem Staat eine Gesellschaftsform auf einmal - von innen durch Aufstände und Putsche implantiert oder von außen durch Kriege und Siege importiert - auf den Kopf fällt, und schon herrschen als eine sekundäre Tatsache demokratische oder diktatorische Menschenverhältnisse in diesem Staat. Menschen entwickeln kontinuierlich ihre Verhältnis- und Verhaltenskultur in ihrer Gesellschaft und somit ihre verdiente eigene Staatsform. Wie es die These "Jedes Volk verdient seine Regierung" von Otto von Bismarck sehr treffend besagt, obwohl Herr von Bismarck zu seinem Glück damals nicht einmal erlebt hatte, wie das deutsche Volk die Nazi-Diktatur demokratisch wählte und begeistert begrüßte.

- Wovon redest du schon wieder? Es gibt ja eine genaue Definition von Demokratie.

Ach, hör' doch du jetzt auf! Komm mir bloß nicht damit! Von der Demokratie als Macht des Volkes wie bei uns oder sogar, milder ausgedrückt, der Mehrheit des Volkes wie im Westen, will ich gar nichts wissen! Das Volk oder eine abstrakte Volksmehrheit ist für mich eine amorphe, hirnlose und gesichtslose Masse, und die Macht dieser Masse kenne ich auch, sogar viel zu gut!

Der überraschte Kollege überlegte eine Zeit lang und resümierte:

- Du scheinst Menschen nicht besonders zu mögen?

- Welche meinst du denn? - fragte der Vater mit Raison zurück, etwas gereizt dadurch, dass er sich dem Kerl doch zu sehr geöffnet hatte - Ich kann nur die Menschen mögen, die ich kenne! Und ich kenne nur diejenigen, die ich mag. Diejenigen sogar von meinen Bekannten, welche ich nicht mag - der obendiskutierten Grenzenlosen eingeschlossen, existieren für mich einfach nicht. Sind eben von mir begraben und vergeessen! Diese permanent nicht zu mögen oder gar - um Gottes Willen! - zu hassen und gegen sie zu kämpfen, nimmt Einem zu viel geistige Kraft weg, die man woanders viel besser und kreativer gebrauchen kann. Die Menschheit als solche ist viel zu groß, um sie einfach so pauschal zu mögen oder nicht zu mögen!

- Du kennst doch prominente Leute wie Politiker, Schauspieler, Sänger, die nicht gerade zu deinem nächsten Kreis gehören, weil du sie nicht persönlich kennst. Kannst du diese mögen oder nicht mögen?

- Ich kann ihre Werke mögen oder nicht mögen - bei Politikern eher nicht, aber ich kann und muss dabei nicht sie selbst und ihre Werke unbedingt bei Namen kennen. Warum soll ich auch? Kennen sie mich etwa? Sie interessieren mich ebenso wenig wie ich sie auch.

Diese Antwort haute den Kollegen fast um. In seinem durch Dorfkomplexe entwickelten Snobismus pflegte er - wie die meisten Menschen eigentlich überall auf der Welt auch - solche gemeinnützlichen und für Salongespräche oder Quiz-Shows dringend notwendigen Kenntnisse und Informationen aus dem Klatsch über die Prominenz und so etwas Ähnliches fest zu speichern. Er blieb zunächst sprachlos.

- Außerdem, wenn man die Menschheit als die Menschen in einem etwas breiteren Umkreis kennen zu lernen und näher zu betrachten versucht, entdeckt man schnell, dass diese meistens aus Schuften und Schurken aller Art oder bestenfalls aus Dummköpfen besteht. Und ich mag sie alle nicht, und versuche, mich vor denen immer zu hüten. - versuchte der Vater ihn zu trösten.

- Das ist aber schon wieder eine deiner harten Behauptungen! - erwiderte noch mehr gekränkt der erschöpfte Diskussionspartner.

- Ich sage ja nicht, dass ich diese Entdeckung ausschließlich hier unter uns gemacht habe. Du kannst es selbst rein logisch feststellen, wenn du mal daran denkst, wie pervers und beschissen die von Menschen oder von der Menschheit geschaffene Welt ist. Zumindest im Vergleich zu der von Gott erschaffenen und so harmonischen Naturwelt. Oder besser gesagt im Vergleich zu der Urwelt, denn die Naturwelt wird heutzutage auch viel zu sehr von der Menschheit beeinflusst.

Diese Einstellungen bildeten auch die Grundlage dazu, wie der Vater seine und nicht seine Probleme definierte. Daraus ergab sich im Allgemeinen seine Lebensphilosophie, aufgrund derer er seine eigene Welt aus dem engsten Kreis seiner Nächsten aufbaute. In dieser Welt war er bereit die Verantwortung zu übernehmen und zu tragen. In dieser Welt herrschten seine Ideale, sein Moralkodex und seine Menschengesetze: Die hart erprobten und sich bewährten Sachen, welche in ihrer Gesamtheit zu so etwas wie seiner eigenen Religion wurden.

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