Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Die Beichte eines kranken Menschen
oder darüber, wodurch die Schizophrenie kommt




(Aus dem Buch "Der Zug fährt ab"

www.literatur-viktor-prieb.de



Wie Vernunft zu einer Berufskrankheit wird
oder darüber, was eigentlich zu beichten ist


Bei mir hat sich während fünfzehn Jahre meines wissenschaftlichen Arbeitslebens eine grassierende Berufskrankheit entwickelt. Unter dem einfachen Volk wird sie als Vernunft bezeichnet und erfolgreich bekämpft. Umso erfolgreicher, dass sie nicht ansteckend ist. Bei mir offenbart sie sich daran, dass jedes exbeliebiges Objekt, dem mein Augenmerk auch gelegentlich und sogar zufällig gilt, automatisch und sofort einer logischen Analyse und Synthese in meinem Kopf unterworfen wird.

Dieses Instrumentarium wurde in einem langjährigen Ausbildungsverfahren bei mir installiert, ich habe es geeignet und verdiene sogar mein tägliches Brot damit, wenn ich es in der Wissenschaft anwende.

Wenn ich dieses aber im alltäglichen Leben anwende, dann ist es schon eine Krankheit. Davon überzeuge ich mich in jedem Lebensmittelladen, in jedem Amt und sogar in jeder Nichtforschungsabteilung unseres Forschungsinstituts. Sie sagen mir auch so direkt: "Bist du krank oder was?", wenn ich zum Beispiel in einen leeren Fleischladen hineinmarschiere und mit meiner kranken Logik nach Fleisch frage.

Dies alles hatte aber mit mir noch in meinen jungen Wissenschaftlerzeiten begonnen, durch die Kondukteure im öffentlichen Verkehr verursacht. Diese hatten es sich zur Hauptaufgabe gemacht jeden Fahrgast auseinander zu nehmen, zu beschimpfen und zu erniedrigen, eher er noch im ewig herrschenden Gedränge hätte dazu kommen können seine Münzen aus der Hosentasche, und zwar aus der Eigenen, zu holen und ein Ticket bei ihnen zu kaufen.

Nach einpaar sinnlosen, dafür aber sehr schmerzhaften Versuche mich bei den Kondukteuren nach der Logik ihres Verhaltens zu erkundigen und ihnen meine grundlegende Unschuldklausel aufzutischen, wollte ich schon damals im Eifer mit der Wissenschaft aufhören und zur Hauswartschaft wechseln.

Zum Glück wurden bald überall im öffentlichen Verkehr Kassen und Entwerter eingeführt, die diese Kondukteure ersetzt haben. Seitdem - ich gebe es zu - streichele ich, von anderen Fahrgästen ungemerkt, das eiserne Maul dieser unterschätzten menschlichen Erfindung immer dann, wenn ich meinen Fahrschein zum Entwerten hineinstecke. - Nur so, zum Andenken an meinen damaligen eifrigen jugendlichen Impuls.

Ermuntert durch dieses Lächeln des Schicksals, war ich doch bei der Wissenschaft geblieben. Seitdem entwickelte ich aber auch ein strategisches Abwehrsystem: Alle Ämter hatte ich zu einem Minimum reduziert, das ihr Maximum ohne Verlust der allgemeinen Lebensfähigkeit nur ermöglicht.

Weil es sehr schwierig war, den Konsum von Waren unter das Minimum zu bringen, das in Läden ohnehin angeboten wird, konzentrierte ich nunmehr darauf meine Kraft und meine - inzwischen mittleren Alters - Gesundheit, die ich bis heute noch aus Überlegungen ihrer Bewahrung in medizinischen Institutionen nicht aufzutanken wage.

Am einfachsten war es mit dem Pressekonsum. Ich hatte die Presse durch meine Willenskraft aus meinem Aufmerksamkeitsfeld ausgeschaltet und das Syndrom der Bewusstseinsspaltung - das Hauptsyndrom meiner Berufskrankheit - nahm schnell ab.

So ging es einigermaßen, wenn man von internen Problemen absieht, wo meine Frau durch meine Berufskrankheit mehr als ich leidet, aber dann passierte es.

In die letzte Zeit versuchen alle über meine Berufskrankheit Bescheid wissenden Freunde mich zu überzeugen, dass die Presse heutzutage ganz anders geworden sei! Dass diese jetzt Menschen sogar zu ganzen Persönlichkeiten zu verhelfen versuche, statt ihr Menschenbewusstsein wie früher zu spalten.

Ich - ein in komplexen Lebenssachen erfahrener und mit meinem Abwehrsystem ausgerüsteter Mensch, auch noch ein Schlaumann in Sachen "Analyse-Synthese" - habe es mir hin und her überlegt und entschieden keinem etwas aufs Wort zu glauben, die ganze Presse von mir nach wie vor fernzuhalten und nur unsere heimische Regionalzeitung zu testen.

Ich muss zugeben, ohne sie besonders gelitten zu haben, denn dort drin wird doch das Fernsehprogramm für die ganze Woche veröffentlicht. Und ohne dieses Programm ist es bei meinem Abwehrsystem ganz schlimm: Ich hatte mich ja damals entschlossen auch im Fernseher nur Thriller und Krimis zu konsumieren, was sich ohne das Fernsehprogramm als fast unmöglich erwies. Du schaltest den Fernseher zur falschen Zeit ein, erwischst das falsche Programm und schon bist du gespalten. Es ist noch schlimmer, wenn du versuchst das Fernsehprogramm aus dem Radio abzuhören: Gleich bist du wieder gespalten und sogar total zersplittert.

Langer Rede - kurzen Sinn: Ich habe mich entschieden mein Instrumentarium auf irgendeine Frage von nebenan anzuwenden, und die Ergebnisse meiner Analyse unserer Zeitung zuzuschieben. Weiter wäre mein Plan klar: Höre ich wieder "Bist du krank oder was?" - bleibt alles bei mir weiter wie gehabt.

O weh! O weh! Das Leben hat mir gezeigt, wie sich meine Vorstellungen während der langen Nutzung meines Abwehrsystems vereinfacht haben. Eine Zeitung ist kein Lebensmittelladen: Die ist eine riesige Futterfabrik, wo man appetitliche Brötchen und Kuchen auftischt, die im Rausch und im stickigen Qualm der Küchenatmosphäre von Drecksbäckern daraus gebacken werden, was ihnen aus dem gesamten gesellschaftlichen Müllhaufen raufend rauszuholen gelingt.

Die Frage zur Analyse ist prompt da, ein von der Akademie der Wissenschaften gegebener Demokratieunterricht in unserem Institut. Wir - als Demokratieschüler - sollten einen ganzen Arbeitstag lang zusammensitzen und von allen Seiten über fünf Kandidaten diskutieren, welche den Wunsch geäußert hatten, zu unserem Direktor zu werden. Die Akademiemitglieder - als Demokratielehrer - sollten sich dann irgendwann zusammensetzen und unseren Direktor eigenhändig für uns wählen, damit wir es besser begreifen können, wie man so etwas überhaupt richtig macht.

Gerade diese Nuance habe ich jedoch nicht analysieren wollen, weil ich unter dieser Behörde arbeite, und es passt mir nicht, auch dort noch als ein Kranker zu gelten. Sie lassen mich dann weder eine Berufsunfähigkeitsrente kriegen - so eine Berufskrankheit wie meine steht unerklärlicherweise nicht auf ihrer Liste -, noch überhaupt weiter in der Wissenschaft tätig sein.

Es hat für meine Analyse schon das gereicht, was wir so alles während dieses Arbeitstages im Institut ausdiskutiert hatten. Als ich jedoch nach unserer Versammlung erfahren habe, dass ein Korrespondent dieser Zeitung dabei gewesen sein sollte, habe ich mir gedacht:

"Jetzt ist es aus! Freilich muss ich mir eine andere Frage für meinen Versuch aussuchen."

Dann habe ich doch die Redaktion angerufen und nach dem Artikel des Korrespondenten über unsere Versammlung gefragt. Die Antwort lautete:

- Ihn gibt es noch nicht, und es ist noch ungewiss, ob es ihn geben wird.

Daraufhin habe ich ihnen meine Testvariante angeboten. Dort - ohne mein hinterhältiges Vorhaben zu erkennen - sagte mir man:

- Warum nicht! Bring' deinen Artikel her. Werden mal gucken.

Dadurch beflügelt habe ich mich hingesetzt und folgenden Artikel geschrieben:

*


Wahlen-nicht-Wahlen
oder über die Politik der ruhigen Hand, die Futtertrognutzer,
den Viehbestand und die Mechanisatoren vom Radweg



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